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Deep Purple: Bananas

Vielleicht das unterbewertetste Purple-Album überhaupt
Wertung: 9/10
Genre: Hard Rock / Progressive Rock
Spielzeit: 51:30
Release: 23.08.2003
Label: EMI

Deep Purple haben in der langen Zeit ihres Bestehens schon viele Reinkarnationen erlebt, es kommt ja nicht von ungefähr, dass jede Besetzung der Übersicht halber mit einer „Mark“-Nummerierung versehen ist. Der Ausstieg des großen Jon Lord 2002 ist dann aber schon das Ende einer Ära. Nachdem er 2001 wegen einer Erkrankung bereits bei einigen Konzerten vom kaum weniger begabten Tastenmann Don Airey (der zuvor schon mit Dutzenden anderen illustren Namen im Rockbusiness arbeitete) vertreten wurde, entschied sich Lord schließlich dazu, die Band zu verlassen, um sich auf seine Soloprojekte zu konzentrieren. Schlagzeuger Ian Paice ist somit (bis heute) das einzige Purple-Mitglied, das auf allen Alben und in jeder Besetzung mitspielte.

Das erste Resultat der Mark VIII-Formation mit dem fruchtigen Titel „Bananas“ ist glücklicherweise überhaupt nicht Banane, dabei waren nach dem Ausstieg der Hammondorgel-Ikone natürlich nicht wenige skeptisch. Aber immer wenn man mit ihnen am wenigstens rechnet, überraschen einen die Engländer ja häufig am meisten. Und so scheint es, dass sowohl Don Airey als auch der Entschluss, mit Michael Bradford zum ersten Mal seit den Siebzigern wieder einen externen Produzenten ranzulassen, noch mal zusätzliche Frische in die Combo brachten. Nicht, dass die vorigen Alben schwach gewesen wären (ganz im Gegenteil), aber mit welcher Spritzigkeit und welchem Hunger sich die fünf Musiker durch die zwölf neuen Tracks spielen, grooven, swingen und rocken, ist schier unglaublich – da kann sich sogar so manche Nachwuchsband noch eine Scheibe abschneiden.

„Bananas“ ist von der ersten bis zur letzten Minute ein einziger großer Spaß, ein kreatives Feuerwerk, ein Freudenfest! Erneut beweisen die inzwischen gesetzten Herren (die ja eigentlich niemandem mehr etwas beweisen müssen), dass sie auch im Alter nicht davor zurückschrecken, neue Dinge auszuprobieren – so ist in der vielschichtigen Ballade „Haunted“ erstmals Frauengesang als Begleitung für Ian Gillans Vocals im Hintergrund zu hören (dargeboten von Beth Hart, die später u.a. mit Joe Bonamassa zusammenarbeiten sollte), überhaupt dürfte dieses Stück dank der Orchesteruntermalung der symphonischste Song der Gruppe seit dem Uraltklassiker „April“ sein.

Das mächtig walzende, düstere „Sun Goes Down“ verbreitet gar leichte Grunge-Vibes, während man in der tanzbaren Gute-Laune-Nummer „Doing It Tonight“ (wie göttlich ist bitte Steve Morses Solo nach der ersten Strophe?) mit Latin-Einflüssen operiert. Im Titeltrack wird mit krummen Takten experimentiert (für Deep Purple eher ungewöhnlich), doch die Wechsel zwischen 7/4- (Strophe) und 5/4-Takt (Refrain) sind so subtil, dass alles völlig unkompliziert wirkt. Gleichzeitig frickeln sich Steven Morse und Don Airey in Dream Theater-Manier tierisch einen ab und sorgen für dezentes Prog-Flair. Ein Musterbeispiel dafür, wie gewitzt Komplexität und Hooklines Hand in Hand gehen können und wie man handwerkliche Fähigkeiten demonstriert, ohne anzugeben.

Hooklines ist vor allem das Stichwort: Wahnsinn, mit welcher Coolness die Altrocker sich einen Ohrwurm wie „I Got Your Number“ (neben dem bissigen „Picture Of Innocence“ einer von zwei Songs, die Jon Lord noch mitkomponiert hat), den heiteren Rock’n’Roller „Razzle Dazzle“ oder das unfassbar fett groovende „Silver Tongue“ aus dem Ärmel schütteln. Das eröffnende „House Of Pain“, obgleich ebenfalls äußerst eingängig, ist da noch der vergleichsweise „schwächste“ Song, weil vielleicht ein bisschen zu gefällig.  

Zwischen diesen Hit-Kanonaden sorgsam eingebettet finden sich sehr effektive Ruhepole wie das melancholische, gänsehäutige „Walk On“, die wattebauschige Akustik-Wundertüte „Never A Word“ und als Abschluss das kurze, aber intensive Instrumental „Contact Lost“, mit dem Steve Morse seinen Respekt für die Opfer der Columbia-Katastrophe am 1. Februar 2003 bekundet.

Bei vielen Fans scheint „Bananas“ nicht recht angekommen zu sein und wird gern übersehen, möglicherweise ist die Platte so manchem mit zu vielen Genre-fremden Einflüssen versehen. Doch über den Tellerrand zu blicken, war ja an sich immer eine der Stärken von Deep Purple und macht ihren Reiz aus. Außerdem fließt das Ganze mühelos und wirkt total ungezwungen, es wird mit unheimlich viel Herzblut frisch von der Leber gezockt, ein Ohrwurm reiht sich an den anderen, Ian Gillan singt auch mit fast 60 noch hervorragend und emotional – wer sich dieses tolle Alterswerk durch die Lappen gehen lässt, ist selbst schuld. Eine kunterbunte Angelegenheit, diese Scheibe, die sich vor den Klassikern nicht allzu sehr verstecken muss und das vorige, ebenfalls starke „Abandon“ überbietet. Nur das Albumcover ist ziemlich unglücklich gewählt…

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