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Deep Purple: Abandon

Härter und sperriger als der Vorgänger
Wertung: 8,5/10
Genre: Hard Rock / Heavy Metal
Spielzeit: 56:18
Release: 02.06.1998
Label: EMI

Mit „Purpendicular“ hatten Deep Purple zum zweiten Mal in ihrer langen Karriere bewiesen, dass sie auch ohne den großen Ritchie Blackmore gute Musik fabrizieren können, und da die Scheibe zu Recht viel Anerkennung fand, gab es keinen Grund nicht weiterzumachen. Steve Morse hatte frischen Wind in die Band gebracht und man war nach der chaotischen Zeit mit Streitigkeiten und Querelen endlich wieder zur Ruhe gekommen und konnte befreit arbeiten und entspannt musizieren.

Wohl auch der Grund, weswegen es nur etwa zwei Jahre dauerte, bis der Nachfolger „Abandon“ in den Verkaufsregalen stand – manchmal auch „A.Band.On“ geschrieben, nach „Purpendicular“ der nächste Albumtitel mit einem Wortspiel (eine Idee von Frontmann Ian Gillan), der umso deutlicher demonstrierte, dass die Formation gewillt war, auf jeden Fall fortzufahren und es nicht im Entferntesten zur Diskussion stand, sich in den vorzeitigen Ruhestand zu verabschieden. Das bereits 16. Studioalbum der Purpurnen ist nach dem relativ entspannten Vorgänger wieder eine ganze Ecke härter ausgefallen – der kraftvolle Sound allein (einmal mehr produzierte Bassist Roger Glover) demonstriert, dass im Hause Purple weiterhin keine altersschwachen Nostalgiker am Werk sind, sondern immer noch mit Esprit, Hingabe und Blick nach vorn gerockt wird.

Wenn einem nach kurzem Drumintro das kompromisslose Riff von „Any Fule Kno That“ um die Ohren gehauen wird, ist im Prinzip sofort klar, dass es hier zur Sache gehen wird. Nicht jedem werden die Rap-Anleihen besitzenden Vocals von Gillan in dem Song gefallen, aber an sich präsentiert er damit nur eine weitere neue Facette seiner unverwechselbaren Stimme. Wieder einmal ist es erstaunlich, wie Deep Purple neue und zum Teil moderne Elemente für sich entdecken und ihrem Sound beinahe unauffällig hinzufügen, ohne sich irgendwie anzubiedern – was eine Band dieser Größenordnung und mit diesem Standing ohnehin nicht nötig hätte.  

Doch nicht nur dieser rustikale Auftakt, das stimmungsvolle „Almost Human“ oder das mächtig Dampf machende „’69“ (es geht um das Jahr, nicht etwa um Sex, nur um das klarzustellen) entpuppen sich als kernige Heavy Rocker, auch Groove-Monster des Kalibers „Jack Ruby“ oder „She Was“ kommen mit ordentlich Wums daher, verbreiten aber mindestens genauso viel Laune und stellen Paradebeispiele der typischen Purple’schen Kunst dar, schwere, harte Musik unbeschwert klingen, gar swingen zu lassen. Doch wer solch exquisite Mucker in seinen Reihen hat, kann das halt: Man höre nur auf das unfassbare Zusammenspiel von Steve Morse und Ian Paice im Solopart des ebenfalls dynamisch riffenden „Seventh Heaven“ oder Morses und Jon Lords lebhaftes, abwechselndes Solieren in „She Was“ (fast wie in alten Zeiten) und übe sich dabei in haltloser Begeisterung.

Trotzdem erweist sich „Abandon“ als ein gutes Stück sperriger als sein Vorgänger, denn so offenkundige Hits der Marke „Ted The Mechanic“ oder „Sometimes I Feel Like Screaming“ hat die Scheibe nicht zu bieten, das Werk ist eher ein Grower, der seine Details nach und nach preisgibt. Ein Stück wie „Watching The Sky“ zum Beispiel wirkt mit seinen Wechseln zwischen Verträumtheit und rabiaten Ausbrüchen recht progressiv, gehört exakt deswegen jedoch zum besonders spannenden Material auf „Abandon“.

Und mit dem melancholischen „Fingers To The Bone“, dessen marschierendes Riff unnachahmlich und völlig selbstverständlich von akustischen Zwischentönen aufgelockert wird, hat man dann doch eine Übernummer parat, bei der Ian Gillan seine emotionalste Gesangsleistung bringt und außerdem einmal mehr sein Händchen für nachdenkliche und empathische Texte beweist, geht es doch um einen Firmenchef, der schweren Herzens seine Angestellten entlassen muss, weil der Laden pleite gegangen ist. Unglaublich, was für einen Flow die Nummer hat und dieses Pianosolo von Jon Lord – der beste Track des Albums!

Mit „Don’t Make Me Happy“ liegt des Weiteren eine ansprechende Ballade, die ein wenig an den Klassiker „When A Blind Man Cries“ erinnert vor, und „Evil Louie“ bildet so etwas wie das Gegenstück zu „The Purpendicular Waltz“ (hier zockt Steve das wohl geilste Gitarrensolo der Platte). Der einzige etwas schwächere Song ist „Whatsername“, ansonsten haben Deep Purple mit „Abandon“ (welches das letzte Album mit Keyboardikone Jon Lord sein sollte, der 2002 ausstieg) einen weiteren Volltreffer zu verbuchen, der vor allem in der Mitte richtig stark ist und dem man in seiner Entfaltung etwas Zeit geben muss.

Man agiert also wieder auf einem härteren Level – möglicherweise haben die Herren deshalb auch eine Neuaufnahme von „Bloodsucker“ gemacht, um auf die Parallelen zu „In Rock“ hinzudeuten. Gebraucht hätte es dies sicherlich nicht unbedingt, stilistisch passt das Stück allerdings gut zum Rest; warum man es Gangsta-mäßig als „Bludsucker“ betitelte, bleibt wohl das Geheimnis der Band, aber beim Opener bediente man sich ja ebenfalls schon dieser seltsamen Schreibweise.

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