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Decapitated: Carnival Is Forever

Sie sind zurück!
Wertung: 9/10
Genre: Technical Death Metal
Spielzeit: 42:30
Release: 12.07.2011
Label: Nuclear Blast

Eines der meistersehnten Alben in der Death-Metal-Szene 2011 war wohl die neue Decapitated-Scheibe "Carnival Is Forever", da es ja lange Zeit still um die Band war und viele wohl in Anbetracht der tragischen Ereignisse heilfroh darüber sein dürften, dass die Band sich wieder meldet. Durch einen Tourbus-Unfall im Oktober 2007 ist Drummer Vitek an den Folgen seiner Verletzungen gestorben und Sänger Covan lag lange Zeit im Koma. (An dieser Stelle sei die Hilfs-Aktion "Covan Wake The Fuck Up" erwähnt, bei dem der Familie des jungen Sängers mit Spenden geholfen werden kann, da durch die Therapie einiges an Kosten anfallen.)

Dabei hatte alles mit einer so außergewöhnlichen Erfolgsgeschichte angefangen. Die junge und aufstrebende Truppe brachte mit "Winds Of Creation" zur Jahrtausendwende ihr bahnbrechendes Debüt raus und setzte zwei Jahre später mit "Nihility" sogar noch einen drauf. Und das im Durchschnittsalter von 20 Jahren. Noch steiler bergauf ging es dann mit "The Negation", und "Organic Hallucinosis" von 2006 mit dem neuen Sänger Covan sollte den Höhepunkt der Bandkarriere darstellen und neue Maßstäbe in Sachen Technical Death Metal setzen. Die Alben der Band dürften sich wohl jetzt schon zu den Klassikern der Szene zählen. Nach dem bereits beschriebenen tragischen Unglück 2007 herrschte lange Zeit Stille um die Band, bis Gitarrist Vogg, übrigens Gründungsmitglied und Bruder von Vitek, die Band wieder ins Leben rief.

Ehrlich gesagt waren meine Erwartungen an die Scheibe nicht sehr hoch, nachdem die Truppe bis auf Vogg einen kompletten Besetzungswechsel durchleben musste und die erste Hörprobe des bereits zuvor durchgesickerten/veröffentlichten Song "404" nicht wirklich überzeugen konnte. Das klang viel zu neu und unoriginell, einfach nicht nach den Decapitated, die man kennt. Nun ist ja aber das gesamte Album veröffentlicht und wird auch sogleich angespielt. Der erste Track "The Knife" treibt direkt nach vorne, kann aber bei auch nicht recht zünden. Allerdings kracht danach der zweite Song "United" durch die Boxen und hier wartet das erste Schmankerl. Irrschnelle Drums, niederschmetternde Riffs und ein Decapitated-Solo, wie es im Buche steht, lediglich die verzerrten Vocals nerven. 

Mit dem achtminütigen Titeltrack erwarten den Hörer bisher ungehörte Töne bei der Band. Das Ganze beginnt mit einer  düsteren, mulmigen Akustik-Gitarre, bis dann die Drums und Gitarren losscheppern. Der Track ist verhältnismäßig im Midtempo gehalten und eher ein Stampfer mit schweren Riffs und kann vollends überzeugen. Die Band enthüllt eine ganz neue, progressive Seite. Mit "Homo Sum" wird das Tempo wieder deutlich angekurbelt mit Blastbeats und Doublebass-Gewittern (oder eher Orkanen) und die Trademark-Riffs und Soli lassen dem Hörer nichts zu wünschen übrig. Es folgt "404", bei dem der Funke wie bereits beschrieben ja nicht recht überspringen wollte, wogegen "A View From A Hole"  wieder mit einem progressiven Akustik-Gitarren-Intro aufwartet und ansonsten all das bietet, was das Herz eines Decapitated-Fans begehrt, genau wie der siebte Track "Pest". Sehr harte und kreative Riffs, überragendes Songwriting von Vogg und absolut überwältigende Drums. Mit dem letzten Stück "Silence", bei dem der Titel wie die Faust aufs Auge passt, hätte kein genialeres Outro gefunden werden können. Das ruhige Stück, welches nur von der Clean-Gitarre gespielt wird, ist so emotional tiefgründig wie inspirativ und wirklich fantastisch gelungen, selbstverständlich aus Voggs Feder.

Zum neuen Line-Up gibt es natürlich auch noch ein paar Worte zu sagen. Denn mit dem neuen Drummer wurde sich niemand Geringeres an Bord geholt als der genauso wie Vitek junge und talentierte Kerim Lechner, der sich als "Krimh" bereits einen Ruf über Youtube erspielt hat und als Nachfolger von Vitek seinem Namen alle Ehre macht. Allererste Sahne, was Krimh hier auf die Platte zaubert, vor allem da viele Drumlinien schon von Vitek geschrieben worden sind, und er diese ohne weiteres übernehmen kann. Auch der neue Bassist Filip Halucha erfüllt seinen Job gut. Lediglich der neue Mann am Mikro Rafal Piotrowski kann seinem Vorgänger Covan nicht das Wasser reichen. Es fehlt der Druck, der starke Unterton und die tiefen aber klaren Growls. Vielleicht aber auch nur, weil Covan einer der besten Death-Metal-Sänger und Meister seines Werkes war und der Neue somit in enorm große Fußstapfen zu treten hat. Mal sehen, wie sich seine Gesangsleistung in der Zukunft entwickeln wird. Die Produktion hingegen kann sich eindeutig mit dem Vorgänger messen. Die Band hat sich um einen natürlichen Sound bemüht, komplett auf Trigger und sonstige Spielereien verzichtet und das zahlt sich aus. Der Sound kommt sehr echt rüber, vor allem die Drums wirken lebendig und auch die anderen Instrumente klingen organisch. 

Decapitated beweisen mit "Carnival Is Forever" ein überaus gelungenes Comeback und abgesehen von zwei mittelmäßigen Songs und dem seltsamen, langweiligen, nichtssagenden Cover haben sich jegliche Befürchtungen in Luft aufgelöst. Ihre proggressive Ader scheint auf der neuen Platte ausgeprägter denn je, sowohl durch die vielen Akustik-Gitarren und ruhigeren Phasen, als auch durch das durchdachte Songwriting und die komplexen Strukturen. Die Band lässt also hier und da progressive Ansätze durchsickern und die Meshuggah-Vergleiche sind dort definitiv gerechtfertigt, doch die bekannten Decapitated-Markenzeichen sind immer noch da und stehen dem Vorgänger in nichts nach. Wie "Organic Hallucinosis" ist auch die neue Scheibe mit einer längeren halben Stunde nicht allzu lang geraten, aber genau das ist das schöne, denn es gilt genau das gleiche Prinzip wie beim Vorgänger: Mit gerade einmal acht Tracks bringt die Band es genau auf den Punkt. Keine Füller und nichts Überflüssiges, es wird sich nur auf das Wesentliche konzentriert, und das macht die Band genau richtig. Somit sei "Carnival Is Forever" jedem Fan talentierter, harter und durchdachter Musik ans Herz gelegt und infolge der Schicksalsschläge kann man froh sein dass, die Band immer noch existiert, Alben rausbringt, und vor nach wie vor einiges auf dem Kasten hat.

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