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Deathspell Omega: Paracletus

Die Franzosen bleiben die derzeit wohl interessanteste Black-Metal-Band überhaupt
Wertung: 9/10
Genre: Black Metal
Spielzeit: 42:14
Release: 12.11.2010
Label: Season Of Mist

Ein objektives Review zu Deathspell Omega zu verfassen, ist nahezu ein Ding der Unmöglichkeit. Black Metal polarisiert ohnehin schon, doch das, was die Franzosen seit ihrem ersten wirklich relevanten Album „Si Momentum Requires, Circumspice“ aus dem Jahre 2004 abziehen, lässt sich eigentlich nicht in Worte fassen: Totale Raserei, hin und wieder durchbrochen von psychedelisch angehauchten Passagen mit an gregorianische Musik erinnernden Elementen und absolut garstiger Gesang, aber tiefgründige, philosophische Texte, die sich deutlich von der üblichen, meist eher platten Blasphemie unterscheiden, schaffen bei der Band, die sich weiterhin bemüht, physisch möglichst unerkannt zu bleiben, eine ganz eigene, verstörende Atmosphäre.

„Fas – Ite, Maledicti, In Ignem Aeternum“, das nach erwähntem „Si Momentum...“ zweite Werk einer angestrebten Trilogie, die vom Verhältnis von Gott und Satan zu den Menschen handelt und die mit dem vorliegenden „Paracletus“ beendet wird, stellte für meine Begriffe ein Meisterwerk dar. Zwar glaube ich, dass ich das Album auch nach wer weiß wie vielen Durchgängen immer noch nicht ganz verstanden habe, doch braucht man bei einem Album von Deathspell Omega normalerweise noch mehr Rotationen als bei den durchgeknalltesten Progressive-Bands – wie erwähnt: Die Band polarisiert und ist außerdem kaum für jeden zugänglich. Man muss sich diesem hässlichen, garstigen und gleichzeitig doch so faszinierenden und ästhetischen Klangkosmos schon ganz und gar hingeben, um auch nur halbwegs Zugang zu erlangen – dann jedoch kann es durchaus sein, dass einen diese pechschwarze, nihilistische Welt gar nicht mehr loslässt.

„Paracletus“ könnte da gerade das richtige Album sein, da es aufgrund der Tatsache, dass alle Songs ineinander übergehen und wie ein einziges dreiviertelstündiges Stück Musik erscheinen, in einem Rutsch gehört werden muss und somit prädestiniert erscheint, in die Abgründe Deathspell Omegas einzutauchen und diese zu erforschen. Ende 2008 veröffentlichte die Combo abseits der Trilogie mit „Veritas Diaboli Manet In Aeternum: Chaining The Catechon“ und „Mass Grave Aesthetics“ ja bereits zwei EPs, die jeweils einen einzigen Track von gut zwanzig Minuten Länge enthielten, dies wird auf der neuen Full-Length nun praktisch noch weiter ausgebaut.

Das fast schon Komische ist, dass „Paracletus“ im Gegensatz zu seinem Vorgänger „Fas – Ite...“ schon fast so etwas wie Eingängigkeit besitzt – zumindest was manche Passagen betrifft. Komisch, weil Eingängigkeit im Falle von Deathspell Omega natürlich ein gewagtes Wort ist. Und doch haben beispielsweise die Gitarrenmelodien im letzten Track „Apokatastasis Pantôn“ für die Verhältnisse dieser Band einen recht hohen Wiedererkennungswert. Auch gibt es etwas mehr langsamere Sequenzen als auf dem vorangegangenen Werk – Puristen brauchen trotzdem keine Angst zu haben, dass die Franzosen sich nun etwa „verkaufen“ würden, vielmehr scheinen die Songs noch mehr ineinander zu greifen und die Übergänge noch schlüssiger zu sein; aber genau darin liegt ja die Kunst, Musik von einer Dreiviertelstunde wie ein einziges Stück erscheinen zu lassen, noch dazu bei Musik dieser extremen Art.

Es fängt schon mit dem Quasi-Intro „Epiklesis“ sehr Unheil verkündend an – einem Intro, das nicht aus dem in der Szene nicht unüblichen, sich langsam aufbauenden Keyboardgewaber besteht, sondern mit den für die Combo typischen, ultradissonanten Gitarren, vermischt mit rituell anmutendem Drumming und Gesang, bei dem man meint, der Frontmann müsste dabei Blut auskotzen, gleich voll auf die Zwölf geht und den Hörer in etwa darauf einstellt, dass hier eine verstörende Reise auf ihn zukommt, bei der er die ganze Zeit gefordert ist. Direkt danach wird bei „Wings Of Predation“ mit Blastbeats um sich geworfen, was das Zeug hält – und doch kristallisieren sich nach einigen Durchläufen tatsächlich einige Melodien in der Leadgitarre heraus, die sich zudem bestens in das Stück einfügen.

Zwar passiert hier in nicht einmal vier Minuten wirklich unglaublich viel, doch das folgende sechsminütige, exzellent aufgebaute „Abscission“ toppt das bis hierher Gehörte ohne Probleme: Erhabenes Riffing in gemäßigteren Temporegionen mischt sich unter den Blastbeat-Wahnsinn, während beim recht zugänglichen „Dearth“ (nein, nicht „Death“), einer ersten Verschnaufpause, plötzlich einige gesprochene Textzeilen in französischer Sprache ertönen (und das so weiche, elegante Französisch passt tatsächlich überraschend gut in das Düstergewand!). „Phosphene“ wiederum, der mit sieben Minuten längste Track der Scheibe, muss ganz klar als Highlight angesehen werden, auch wenn das Ganze wie bereits angedeutet als Einheit betrachtet werden sollte. Hier ist einfach alles vorhanden, von Black Metal-Gekrächze bis hin zu klarem Gesang, von Raserei bis zu diabolischer Epik am Ende, von komplexem Riffing mit irren Breaks bis hin zu in der Tiefe verborgenen, kranken Melodien.

Es scheint, als seien Deathspell Omega noch mehr gereift, ohne ihre sicke Atmosphäre zu verlieren. Obwohl mir persönlich „Fas – Ite...“ noch etwas besser gefiel, da es noch chaotischer und unberechenbarer erschien, ist das hier zweifellos großes Schwarzmetall-Kino und man muss der Band nach wie vor Ausnahmestatus bescheinigen. Eines ist völlig klar: Die einen werden weiterhin verständnislos den Kopf schütteln, die anderen weiterhin fasziniert sein von dieser gestörten, technisch in jedem Fall überirdischen Kapelle, die kompromisslos ihr Ding durchzieht.

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Absolut fantastischer Konzertabend, der kaum überboten werden kann