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De Staat: I_CON

Die neue Messlatte für musikalischen Irrwitz
Wertung: 10/10
Genre: Rock/Experimental
Spielzeit: 47:23
Release: 20.09.2013
Label: Mascot Label Group

Vor zweieinhalb Jahren waren De Staat sowas wie Everybody's Darling im Rock-Sektor: Das zweite Album "Machinery" mit seinem verspulten Sound zwischen Tom Waits und Queens Of The Stone Age wurde von Presse und Publikum gleichermaßen abgefeiert; abgefahrene Ideen wie ein massives mechanisches Rhythmusgerät auf der Bühne (s. dazu auch das The-Pit.de-Interview mit Frontmann Torre Florim) und Bandfotos im Industrialisierungs-Look hoben das Quintett zusätzlich aus der Masse hervor. Nun steht Album Nummer drei ins Haus und wer dachte, Hollands Alternative-Rock-Hoffnungsträger hätten sich in Sachen Verrücktheit mittlerweile die Hörner abgestoßen, irrt gewaltig. Auch auf "I_CON" treiben Wahnwitz und Ideenvielfalt die schönsten Blüten – wenn auch in andere Richtungen als zuvor.

Während "Machinery" stark auf Rhythmusspielereien und Groove fixiert war, stehen auf "I_CON" Sound und Melodiereichtum im Vordergrund. Konkret heißt das: Hemmungslos verträumte Refrains wie der von "Devil's Blood" (übrigens vermutlich keine Anspielung auf die okkulten Landsleute), grenzdebile, dabei unverkennbar großartige Gitarrenleads wie in "All Is Dull" und "Witch Doctor" und ein deutlich höheres Gewicht auf Synthesizerklänge, denen zum Glück keinesfalls der rohe Sound zum Opfer fällt. Stattdessen sorgen Moog und Co. für mehr Klangfülle, die den Minimalismus früherer Alben angenehm ergänzt.

Klingt alles erst mal nach ganz vielen Schritten nach vorn und dem berühmt-berüchtigten Erwachsenwerden ungestümer Rock-Rüpel. Aber keine Sorge: Hemmungsloses Rumgespinne bleibt eines der Herausstellungsmerkmale der Truppe. Bestes Beispiel und Nachfolger im Geiste der Schlachter-Hymne "Old MacDonald Don't Have No Farm No More" von "Machinery" ist wohl "Witch Doctor": Einen Song, der hemmungslos auf genau einem Akkord herumdrischt und dabei immer noch Ohrwurmgefahr birgt, muss man erst einmal zustandebringen.

Die typischen Schamanenchöre sind auch wieder großzügig in alle möglichen Songs eingestreut – u.a. in "Make Way For The Passenger", das außerdem noch die nur oberflächlich unmögliche Kombi aus Sitar und Europe-mäßigen Keyboards auffährt. Torre Florims charakteristischer Halbsprechgesang, seine ironisch-kritischen Texte und gelegentliche Ausflüge in andere Genres wie Polka, New Wave und Gabber (!) sind sowieso wieder mit dabei und weisen "I_CON" bei allen Neuerungen unverkennbar als De-Staat-Platte aus. Es spricht für den inneren Zusammenhalt des Albums, dass trotz Experimentierlust und Schabernack eine wundervolle Ballade wie "I'll Take You" kein Stück deplatziert wirkt – nicht einmal zwischen den Kloppern "Input Source Select" und "Down Town".

"Unser Ausgangspunkt war es, ein bunteres Album zu machen", so der Frontmann über die Zielsetzung beim Songwriting. Das ist zweifellos gelungen. Nie waren die Holländer vielseitiger, nie klangen die Songs ausgereifter und mehr wie aus einem Guss. Waren die beiden Vorgängeralben schon jeweils Manifeste eines völlig einzigartigen Sounds, setzt "I_CON" neue Maßstäbe, die erst einmal übertroffen werden müssen. Freiwillige vor! Ich bin zuversichtlich, dass spätestens De Staat selbst dieses Kunststück irgendwann vollbringen. Bis dahin bleibt genug Zeit, jedes irrwitzige Detail dieser vor Ideen sprühenden Scheibe zu erkunden.

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