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Dark Allure

Tolle Idee, zwiespältige Auswahl
keine Wertung
Genre: EBM, Gothic Rock, Industrial, Dark Electro
Spielzeit: 156:59
Release: 30.06.2010
Label: Echozone

Der Radiosender HaZZard Of Darkness, vornehmlich für die dunkle Seite der Macht, pardon, Musik zuständig, hat sich nun förmlich ein Bein ausgerissen, um seinen Hörern endlich Futter in CD-Form zu kredenzen. Ergebnis ist der Doppelsampler „Dark Allure“, der ganze Körbe voll Bands aus EBM, Industrial, Gothic und Dark Electro versammelt – von den 35 Tracks waren sagenhafte 24 beim Release der Scheibe im Juni noch unveröffentlicht, was aber nicht der einzige Kaufanreiz gewesen sein dürfte. Statt nämlich einfach alle Stile bunt zu mischen, haben die Organisatoren die Bands auf zwei CDs mit den Titeln „Plec Side“ bzw. Mass Flow“ ausgestattet – erstere beschäftigt sich wie erwartet mit eher gitarrenorientiertem Sound, natürlich mit ordentlich Düsteranstrich, während CD zwei eher die Clubgänger und Nachtschwärmer anspricht und von Industrial über Electro alles bietet, was das Tänzerherz begehrt.

Neben noch relativ jungem Gemüse haben es auch ein paar wahre Klassiker auf die CDs geschafft – als bekannteste wären hier nur einmal die Münsteraner Gothen Via Obscura, die Düstermeister The Flaw oder die seit 1998 bestehenden Gothic Rocker Golden Apes zu nennen, die sich zwischenzeitlich schon einen ordentlichen Namen im Düsterbereich erspielt haben. Der Chronologie halber befassen wir uns erst einmal mit CD eins – den düsteren Gitarrenklängen.

Mystigma eröffnen den unbunten Reigen mit „Irony Of Fate“ und ziehen direkt mit ihrem Mix aus etwas kratzigen männlichen Vocals und treibenden Gitarren über die Ziellinie. Während sich ansonsten in der ersten Hälfte der Scheibe abgesehen von experimentierfreudigen Tracks wie zum Beispiel dem wie eine Mischung aus Rammstein und Florian Silbereisen anmutende „O Schweig“ von Leichenwetter recht wenig tut, wird mit Ohrwürmern und Highlights ab Song Nummer zehn, namentlich The Flaws „Mute“, nur so um sich geworfen – da folgen mit „A Warm Sight At 6° C“ der Berliner Tunes Of Dawn, das sich leicht poppig, aber durchaus schön in den Gehörgang schlängelt, und dem ebenfalls zuerst recht ruhigen und gleichzeitig eindringlichen „Doors“ von Beloved Enemy, das sich zu einem großartigen Refrain steigert und Sänger Ski-King mit seinem durchdringenden Bass durchaus den Titel „Barry White des Gothic“ zugestehen würde, gleich zwei Glanzstücke aufeinander.

Doch damit nicht genug: Es geht direkt mit Whispers In The Shadow und „From Aeon To Aeon“ weiter; der Song lebt hauptsächlich von der großartigen Melodie, die ein wenig an The 69 Eyes erinnert – nur, dass Sänger Ashley Dayour, der auch schon für L’Ame Immortelle in die Saiten griff, eine große Portion mehr Emotionen in die Vocals legt als sein doch eher gleichförmiger finnischer Kollege. Einen wunderschön deprimierenden Abschluss bilden die eingangs erwähnten goldenen Äffchen: Zu Beginn nur mit Akustikklampfe unterlegt, steigert sich „The Sea Inside“ schnell zu einem Paradebeispiel für Gothic Rock, ohne kitschig oder sonstwie überladen zu wirken. Die Stimme von Sänger Peer Lebrecht erinnert zeitweise stark an Deine Lakaien-Fronter Alexander Veljanov, hinterlässt einen wohligen Schauer und zieht den Hörer gleichzeitig in seinen Bann – genial!

Nun lebt der Mensch ja nicht nur von Düsterstimmung und Romantik alleine, sondern er will durchaus auch mal bespaßt und zum Tanzen aufgefordert werden. Hierfür zeigt sich CD zwei verantwortlich, auf der sich illustre Gäste wie Delivered Soul oder die nordrhein-westfälische Electro-Combo The Dark Unspoken ein Stelldichein geben. Dass es hier weniger um Emotionen und viel mehr um den richtigen Beat geht, kann man ich denken – das erste Highlight hier bieten die Electro New Waver Empire In Dust, die mit „Bliss & Starvation“ einen wirklich tanzbaren, aber eher unaggressiven Track am Start haben – genau das richtige für schwarze Tanznächte, wenn man auf das übliche Harsh Electro- und Aggrotech-Bummbumm verzichten will.

Mit durchaus interessantem, verspieltem Beat kann „Anything“ von Bionic zumindest partiell überzeugen, auch wenn die Vocals sicher nicht jedermanns Sache sind. Zwischendurch plätschern die Track so ein bisschen an einem vorbei, bis The Dark Unspoken mit „Wild Life“ zeigen, wie leicht melancholisch angehauchter Dark Electro klingen sollte; eine etwas montone Stimmlage und ein rascher Beat in Kombination mit einer ohrwurmigen Melodie machen den Track zu einem der Glanzstücke der „Mass Flow“-CD. Zu guter Letzt gibt es den DJ Harder-Remix von „The Cold Spell“ von Wynardtage auf die Ohren – ein wunderschönes Stück, das zwar eher nicht zum Tanzen gemacht ist, aber der zweiten, etwas schwächeren CD zu einem letzten Glanzpunkt verhilft.

Wie üblich gibt es auch hier auf beiden Scheiben neben durchschnittlichen und großartigen Songs den ein oder anderen Totalausfall; „Der Exorzist“ der Industrial-Gothic-Combo Seven Seals ist ein gutes Beispiel dafür, wie wenig bedrohlich, sondern eher schauderhaft Textzeilen wie „Dein Fleisch, so jung und frisch/Leg dich auf den Gabentisch“ mit der richtigen bzw. falschen Stimme im Endeffekt anmuten. Außerdem mit im Pott: „Experimente“ von Illusion Of Light, das zwar nicht unbedingt übel anfängt, aber durch die austauschbare und schief vorgetragene weibliche Gesangsleistung ordentlich an Boden verliert. Ebenfalls eher uninteressant weil einfallslos gestaltet sich „Violen(t) Trash [The Obituary]“ von ± The Violen[t] Vocation[s] ± - mit einem solchen Zungenbrecher-Bandnamen sollte man meinen, dass die Combo mehr draufhätte, als den Amoklauf von Winnenden so öde wieder aufzubereiten. Auch der ZIVILSCHUTZ kann sich mit „Du Hast Mir“ nicht unbedingt Freunde machen, obwohl der schweizer Dialekt irgendwie süß ist.

Ein Fazit muss hier wegen der beiden sehr unterschiedlichen Platten differenziert ausfallen: Auf „Plec Side“ finden sich einige großartige Songs, aber auch die weniger auffallenden Stücke sind, bis auf wenige Ausnahmen, grundsätzlich solide. Auf „Mass Flow“ hingegen kann man zwar mehr Anspieltipps geben, die Nicht-Tipps sind allerdings größtenteils vergeudete Liebesmüh’, obwohl das natürlich starke Geschmackssache ist. Trotzdem: Eine super Idee ist der Doppelsampler allemal, vor allem weil er noch unbekannten Bands die Möglichkeit bietet, sich neben alten Hasen und bereits erfolgreichen Newcomern zu präsentieren.

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