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Danzig: The Lost Tracks Of Danzig

Unglaubliche Kreativität, wenn er denn will
Wertung: 7/10
Genre: Dark Rock
Spielzeit: 134:16
Release: 10.07.2007
Label: Soulfood Music Distribution GmbH

Wenn eine Band fast mehr ehemalige Mitglieder als Lebensjahre in ihrer Chronik aufweist, kann das zwei Dinge bedeuten. Erstens: Diese Band hat einfach nie etwas auf die Reihe bekommen und sich wohl schneller wieder aufgelöst, als jemand ihren Namen auswendig schreiben konnte. Die zweite Möglichkeit liegt in diesem Fall vor: Die Band existiert einfach schon seit 19 Jahren und ist mittlerweile vom Kiesel- zum Urgestein geworden.

Eben jene Gruppe ist Danzig, die mehr oder weniger spektakuläre 19 Besetzungsänderungen aufweisen - und schon ihre Anfänge beruhen auf einem Ausstieg. Nämlich dem Glenn Danzigs, der The Misfits den Rücken kehrte und erst 1983 Samhain und schließlich 1987 Danzig ins Leben rief. Glenn Danzig, eine Persönlichkeit, die schon für sich stehen kann. Der Musiker ist langsam zu einer Legende geworden. Guns N‘Roses, Metallica und My Chemikal Romance coverten seine Lieder; er komponierte für Johnny Cash und Roy Orbison. Glenn Danzig ist wohl, ohne übertreiben zu wollen, das Beispiel einer Traumkarriere für jeden Musiker.

Charakteristisch für die nach ihm benannte Band: der Mix aus Blueselementen und Heavy Rock, der bei den Fans regen Zuspruch fand. Als man sich ´96 am Industrial orientierte, schwächte diese Euphorie ab, sodass „Circle of Snakes“ sich wieder verstärkt in die alte Richtung orientierte.

„Lost Tracks of Danzig“, so wird immer wieder betont, sei keine Best Of-CD, sondern wirklich eine Sammlung von Tracks, die es zu den jeweiligen Aufnahmen nicht aufs Album schafften, nicht, weil sie zu schlecht waren, sondern schlicht und ergreifend nicht ins Gesamtbild passten.

Aber auch eine Sammlung „alter“ Lieder ist keine Zuckerschlecken. Die Songs waren teilweise ohne Gesang, manche mussten noch einmal abgemischt werden, es waren viele Demoversionen dabei, die schon im Vorfeld ausgeschieden und dann nicht mehr überarbeitet worden waren. Doch nachdem dieser erste Arbeitsschritt erfolgt war, ging es ins Studio zur Aufnahme - und wie es sich für einen Meister gehört, nahm Danzig als Produzent auch die ganze CD selbst auf.

Die CD ist nicht als Gesamtwerk zu betrachten, dazu ist sie einmal vom Hören selbst ungeeignet, zum anderen sind die Lieder chronologisch geordnet, beginnt also mit „Pain like an Animal“ und „When Death had no Name“ von selbstbetitelten Album „Danzig“ und „Angels of the Seventh Dawn“ von „Danzig II: Lucifuge“.

Dementsprechend klingt „Pain ist like an Animal“ auch mehr nach Samhain; ein gutes Lied, keine Frage, dessen Songwrrter Ahnung hatte von dem, was er tat. Ein Hit wie „Mother“ damals ´94 aber auf keinen Fall. „When Death has no Name“ durchzieht eine schleppende, träge Gitarrenmelodie und auch Danzigs Gesang variiert zwischen dumpfen Tönen und plötzlichen Tonartwechseln, die dem Ganzen aber nicht wirklich interessanter gestalten. Bevor man dann endgültig in der Trägheit versinkt, bekommt der Track urplötzlich mehr Tempo, man knallt mit dem fast auf den Tisch gesunkenen Kopf erschrocken gegen die Schreibtischlampe - was war denn das? Aber die Gitarre macht weiter, auch der Gesang wird schneller und ufert schließlich gemächlich in langgezogenen Akkorden aus.

Man merkt die chronologische Reihenfolge noch mehr an „You should be dying“, trotz des irgendwie einfallslos wirkenden Textes ein Ohrwurm mit einer tollen Gitarrenmelodie. Balladesken Charakter hat hingegen „Cold, cold Rain“, ein wundertoller, kitschiger, typische schwarzer Song. Aber der Gesang der ersten Strophe gehört verboten. Man schwankt zwischen Tränenausbuch ob der wunderbaren Melodie und dem Wunsch, dem Herrn hinterm Mikro zu bitten, die Zähne ein wenig zu öffnen. Wahrscheinlich hat das auch irgendjemand während der Aufnahmen leise gesagt, jedenfalls variieren die übrigen Gesangsparts in Tönen, Länge - ich bin begeistert!

Wem das zu viel gesungenes Leid war, darf sich die erste Coverversion des Albums anhören. „Buick McKane“ stammt ursprünglich von T-Rex. Eine fast flotte Nummer mit derart gut gestricktem Gitarrenthema, dass das auch im gesamten Song gespielt werden darf.

Nach der zweiten Version von „When Death has no Name“, gegen die die erste wirklich schwungvoll genannt werden darf.

Ebenfalls interessant klingt das Versprechen „akustisch“, das „Come to Silber“ trägt. Besonders vielversprechend klingt die Interpretation dann doch nicht. Das Lied hatte Danzig ursprünglich für Johnny Cash geschrieben und genauso klingt es auch. Und leider auch für Cash‘s Stimme ausgelegt und nicht für Danzig. Schade.

„Deep“ klingt schon ein wenig elektronisch an, sonst aber wie 08/15-Danzig, „Warlok“ hat einen schönen, eingängigen Klang, mit effektvoll gedoppeltem Gesang. Ein bisschen fremdartig, die mutigen Experimente auf der Tonleiter verstärken den Effekt. Ein Glück, dass er immer noch nuschelt!

Die zweite CD bietet dann noch einmal mit Coversongs auf: „Cat People“ (David Bowie), „Caught in my Eye“ (The Germs). Doch zunächst beginnt man sehr klassisch und blueshörig mit „Lick the Blood off my Hands“. Ein sehr ruhiger Song, der aber sich aber nicht zieht und nach viereinhalb Minuten langsam ausgeblendet wird. Fortsetzung folgt?

„Crawl across your killing floor“ ist eine Beispiel für gekonntes Balladenschreiben. Den anfänglichen Bombast mindestens drei Gitarren, zuzüglich zwei Vordergrundmelodien entlasten die ruhigen Strophen, die einmal mehr für die charakteristische Art von Danzigs Gesang geschrieben wurden. Nach sechseinhalb Minuten ist aber auch das Ohr des größten Balladenfans von Gitarrensolo und akustischen Strophen geschwächt.

Wirklich gespannt war ich auf „Cat People“, das wirklich gut umgesetzt wurde. Wenngleich der Anfang extrem leise abgemischt wurde - Danzig geht wohl davon aus, dass man als Hörer die Boxen eh ein paar Dezibel lauter gestellt hat - rockt die Version. Aber im direkten Vergleich mit einem altersschwachen David Bowie mit seltsamer Bühnenperformance rockt wohl alles. Versteht mich nicht falsch, beide Sänger liefern großartige Beweise ihrer Gesangskunst; Danzig sogar überzeugender als auf den meisten seiner Lieder und die Zweitstimme verstärkt den Effekt positiv. Genau wie das Original wird das Ende ausgeblendet - nur dass ich nicht ungut an Weihnachtslieder und euphorische Gospelsänger denken muss.

Es folgen der nächste Ohrwurm „Bound by Blood“, in dessen Kontext aber das Gitarrensolo stört, „Who Claims the Soulness“, das trotz aufregendem Schlagzeug langweilig klingt und „Maleficial“, dessen großartiges, verzerrtes Intro in der nichtssagender Länge des Liedes ausläuft und keinen Höhepunkt erreicht.

Schließlich hat Danzig seine Vorliebe für Engel entdeckt, dem „Dying Seraph“ folgt "Lady Lucifera", vielleicht eine weibliche Form des Lichtbringers, vielleicht aber auch schlicht und ergreifend ein Vamp. Melodisch wieder brillant umgesetzt klingt Danzig, als ob er die Frau in den Schlaf singen wolle. Alternativ ist das die kreativste Art eines Korbs, nur scheinen die übrigen Bandmitglieder irgendwie auf die Dame zu stehen.

„Under Belly of the Beast“ ist hingegen wieder eine Glanznummer, aber nur für alternativere Hörer geeignet, weil der Industrial doch etwas mitschwingt. Der dumpfe Elektro zusammen mit der dominierenden Gitarre sind einfach toll anzuhören. Die Frage, warum wie der „Unspeakable Shango Mix“ zu seinem Namen kam, erübrigt sich beim Hören. Was ist das? Die Erstentwurf von Marylin Manson? Möglich ist vieles, der Song ist auch irgendwo unmöglich und zeugt einmal mehr wie dieses Doppelalbum von der unglaublichen Kreativität, die Danzig zu Tage verlegen mag. Wenn er denn will.

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