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Cryptex: The Madeleine Effect

Ambitioniertes, von Proust inspiriertes Konzeptwerk
Wertung: 8.5/10
Genre: Progressive/Folk Rock
Spielzeit: 50:29
Release: 24.04.2015
Label: SAOL (H'ART)

Einer der originellsten und besten Geheimtipps der Szene ist zurück: Cryptex kommen vier Jahre nach dem Release ihres Debütalbums „Good Morning, How Did You Live?“ mit ihrer zweiten Langrille an den Start und mittlerweile haben sich die Niedersachsen dank zahlreicher Liveauftritte (von über 200 in zwanzig verschiedenen Ländern ist im Promoschreiben die Rede) einen guten Ruf erspielt, der inzwischen auch ein bisschen über Underground-Niveau anzusiedeln ist.

Kein Wunder, überzeugt die Band doch gerade live durch die starke Präsenz ihres Frontmannes Simon Moskon, durch ihren Humor und die Fähigkeit sämtlicher Bandmitglieder, gleich an mehreren Instrumenten recht fit zu sein. Vor allem jedoch der einzigartige Stilmix aus Rock-, Prog- und Folk-Elementen, der so locker-flockig wie bei kaum einer anderen Band flutscht, beeindruckt und lässt die Truppe sehr einzigartig wirken – was in der heutigen Zeit mit einem völlig übersättigten Markt wahrlich keine Selbstverständlichkeit darstellt.

Das Erstlingswerk begeisterte unseren Thomas sogar so sehr, dass er ohne zu zögern einen glatten Zehner zückte und mit Sicherheit wird ihm auch der vorliegende Nachfolger gefallen. Die Band hat sich ziemlich lange Zeit gelassen (wohl auch, weil am Besetzungskarussell ordentlich gedreht wurde; außer Simon Moskon ist anno 2015 keiner mehr von der Ursprungsbesetzung dabei), dafür aber erneut ein warm und mit Herzblut produziertes Album voller Liebe zum Detail eingespielt, bei dem Wert auf Vielfalt ganz oben anzusiedeln ist. Der Titel „The Madeleine Effect“ bezieht sich auf das siebenbändige Mammutwerk „Auf der Suche nach der verlorenen Zeit“ des französischen Schriftstellers Marcel Proust (1871 – 1922), in dem der Protagonist in der Schlüsselszene eine Madeleine isst, ein spezielles französisches Gebäck, dessen Geschmack unwillkürlich Kindheitserinnerungen in ihm weckt.

Die Thematik von Erinnerungen, vor allem durch Geruch und Geschmack, sowie die Auswirkungen auf Geist und Seele, zieht sich durch die gesamte Platte. Eine interessante Idee, die der Vierer sogar noch ein wenig weitergesponnen hat, indem sie den Versuch wagen, durch die Kompositionen selbst diese Assoziationen beim Hörer hervorzurufen. Ein ziemlich ambitioniertes Unterfangen, schließlich ist das Leben eines jeden einzelnen, der sich diese CD anhört, anders verlaufen – der Satz „Extrahiere die Schönheit und Reinheit des Schmerzes, erkenne die Anarchie der Vergänglichkeit und du wirst ’The Madeleine Effect‘ verstehen“, mit dem Simon Moskon das Album beschreibt, mutet zunächst ein wenig kryptisch (haha, ich weiß…) und vielleicht sogar hochgestochen an, möglicherweise jedoch mag sich der eine oder andere damit nach reiflicher Überlegung identifizieren können.

Melancholie und Sehnsucht sind zwei wichtige Schlagworte, was bei dem Konzept auch wenig verwunderlich ist. Das beginnt zunächst beim Opener „The Knowledge Of Being“, der in der Strophe phasenweise an Queens „Spread Your Wings“ erinnert – keine schlechte Referenz, waren die britischen Megaseller doch ebenfalls Meister darin, sich ohne Probleme zwischen stilistische Stühle zu setzen. Man befindet sich sofort im Cryptex-Universum, denn so klingt einfach keine andere Band, wie man nach wenigen Sekunden umgehend feststellt. „When The Flood Begins“ stellt ebenso ein wunderbares Beispiel für die grandiose Dynamik dieser Band dar: In nur dreieinhalb Minuten wird hier die ganze Palette aufgefahren – da finden sich rockige Riff-Momente ebenso wie eine ruhige Sequenz, die von sanften Celloklängen untermalt wird, sowie ein schwelgerischer Breitband-Chorus.

„Stroking Leather“ hingegen zeigt, was für coole Einfälle in puncto Instrumentierung diese Jungs zum Teil auf der Pfanne haben: Im Hintergrund tönt ein dezentes Seemannsakkordeon, dazu wurden einige passende „Ohoho“-Gesänge eingebaut. Mag sich seltsam anhören, passt aber tatsächlich und kommt keineswegs albern daher. „A Quarter Dozen In Ounces“ wiederum punktet mit dem wohl schönsten Refrain des Albums, der regelrecht aufblüht und dank des Glockenspiels geradezu bombastisch anmutet.

Herzstück bildet aber wohl „Melvins Coolercoup“, mit über sechs Minuten längster Track der Scheibe, das die progressiven Wurzeln mit etwas vertrackterer Struktur offenlegt und in der Mitte außerdem die humorige Seite des Quartetts präsentiert. So oder so tönt hier aller Melancholie und allem Anspruch zum Trotz nichts schwermütig, sondern stets leicht und filigran, wie aus einem Guss. Stücke wie das knackige, rockige „Ribbon Tied Swing“ oder vor allem das sehr kurze, aber enorm effiziente „Romper Stomper“, eine tänzerische Folk-Nummer, bei der Moskon mit fast schon Rap-artig schnellem Gesang beeindruckt und das Cryptex auch schon zuvor live aufgeführt haben, lockern die Angelegenheit zudem gut auf.

Insgesamt wirkt „The Madeleine Effect“ etwas geordneter, klarer strukturiert als das Debüt, was wohl auch darauf zurückzuführen ist, dass ein Konzept zugrunde liegt. Die Eingängigkeit ist nicht ganz so offensichtlich, die Verspieltheit und der feinsinnige, unterschwellige Humor aber sind geblieben und genau das sind ja auch wichtige Faktoren, die die Band auszeichnen und liebenswert machen. Außerdem beweisen die vielschichtigen, durchdachten Arrangements, mit welch tollen Musikern wir es hier zu tun haben. Starkes Album und man darf sich sicher sein, dass es nicht das letzte ist, was man von dieser sympathischen Gruppe noch zu hören bekommt.

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Absolut fantastischer Konzertabend, der kaum überboten werden kann