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Cristian Machado: Hollywood Y Sycamore

Eine erstaunlich ausgereifte Acoustic-Scheibe
Wertung: 9/10
Genre: Acoustic Singer/Songwriter, Acoustic Rock
Spielzeit: 51:14
Release: 25.09.2020
Label: Chesky Records/Coconut Bay

Ein Schock war es ja schon: Eigentlich hatte man sich 2019 wieder auf eine neue Ill Niño-Veröffentlichung eingestellt, war die letzte Scheibe „Till Death, La Familie“ doch bereits 2014 erschienen. Stattdessen gab es beinah ein halbes Jahr lang unmöglichste Statements sämtlicher vermeintlicher Noch- und Nichtmehr-Bandmitglieder in den sozialen Medien, bei denen nach einiger Verwirrung unterm Strich herauskam, dass die lateinamerikanische Nu-Metal-Truppe die Hälfte ihrer Mitglieder geschasst hatte, unter anderem das optische Aushängeschild, Sänger Cristian Machado, der sich recht schnell berappelt zu haben scheint – im September diesen Jahres ist mit „Hollywood Y Sycamore“ seine erste Solo-Platte erschienen (rekrutiert wurde zu diesem Zwecke der ebenfalls plötzlich heimatlos gewordenen Ill Niño-Percussionist Oscar Santiago). Ein Acoustic-Werk ist es geworden, was insofern recht mutig ist, da der Mann nicht zu den allerbesten Clean-Sängern der Metalszene zählt, dennoch macht die Tracklist neugierig, finden sich dort doch nicht nur brandneue Eigenkreationen, sondern auch zwei neu arrangierte Songs der alten Band (wenn das mal keinen Stunk gibt) sowie einige spannend ausgewählte Coverversionen.

Wer nun letzten Endes wem wann und wie auf den Schlips getreten ist, ist wahrscheinlich für Außenstehende wie auch Insider nicht mehr einwandfrei nachvollziehbar. Gekriselt hatte es ja gefühlt immer mal wieder bei den Herrschaften; während nun also die „neuen“ Ill Niño mit neuem Sänger im Studio an ihrem ersten gemeinsamen Album werkeln, führen wir uns die Soloplatte des ehemaligen Fronters zu Gemüte.

Vorab wurde mit „Die Alone“ bereits im Mai eine recht ruhige Single ausgekoppelt, die etwas weniger Pathos hätte vertragen können, aber erst mal niemanden überraschen wird, der sich auch mit den sanfteren Songs von Machados ex-Band auskennt. Erfreulicherweise bleibt der Musiker der Zweisprachigkeit treu, wechselt innerhalb eines Songs auch mal vom Englischen ins Spanische, scheint sich aber in seiner neuen Rolle ganz austoben zu wollen – keine Spur davon, dass der Mann versucht hat, alte Songs zu kopieren. Der mittlerweile 17 Jahre alte Song „How Can I Live“ hat sogar mit schwungvoller Percussion und Violine einen ganz neuen Anstrich bekommen und rührt beinah zu Tränen, zumal die stimmliche Leistung des Brasilianers ausgesprochen positiv überrascht.

Ein wahnsinnig gutes Händchen hat Machado auch mit der Auswahl der Coverversionen bewiesen: Das raue, fast bedrohlich dargebrachte „Blame It On Me“ von Post Malone hat da mindestens genauso viel Lob verdient wie der Life Of Agony-Tanzflächenfüller „Weeds“, das hier wunderschön balladesk vorgetragen wird. Mit Pink Floyds „Welcome To The Machine“ hat sich die Truppe dann natürlich noch an eine Band herangewagt, die sicherlich für 90 Prozent aller Rock- und Metalbands eine Vorbildfunktion hat – und den Song in ein hypnotisches Acoustic-Gewand gesteckt, der natürlich mit dem effektbeladenen Original wenig zu tun hat, aber einen absolut spannenden Track markiert. Ein bisschen knüpft Machado hier also doch an alte Zeiten an, hatten Ill Niño sich doch schon 2006 einer ganzen Cover-EP gewidmet, unter anderem mit atemberaubenden Hommages an Nirvana und Faith No More.

Entgegen der anfänglichen Skepsis und Sorge, dass Machados erste Soloscheibe in kitschigen Balladen ertrinken könnte, sind hier eigentlich standing ovations angebracht. Bis auf einige kleinere gesangliche Arrangements ist von Kitsch weit und breit nichts zu hören, stattdessen scheint der Musiker Gefallen an der alleinigen Singer/Songwriter-Rolle gefunden zu haben. Gelobt werden müssen aber natürlich auch die übrigen Musiker, unter ihnen Ali Bello, der die Songs mit einem genialen Violionspiel veredelt. Alles in allem ist „Hollywood Y Sycamore“ also keineswegs der peinliche Versuch eines gefallenen Frontmanns geworden, sich wieder ins Rampenlicht zu schieben, sondern markiert ein absolut gelungenes Acoustic-Rock-Album, das von gestandenen und begabten Musikern vorgetragen wird.

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