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Cradle Of Filth: Cryptoriana – The Seductiveness Of Decay

Progressiver und schwerer zugänglich als der Vorgänger, aber mit hoher Langzeitwirkung
Wertung: 9/10
Genre: Black/Symphonic/Gothic Metal
Spielzeit: 53:01/65:30
Release: 22.09.2017
Label: Nuclear Blast

Hossa! Nach dem vergleichsweise unspektakulär benannten „Hammer Of The Witches“ hauen Cradle Of Filth mit „Cryptoriana – The Seductiveness Of Decay“ wieder einen düster-poetischen Titel heraus, der auf ebenso anschauliche wie wortgewaltige Weise die Cradle-Grundpfeiler-Themen Erotik, Tod und Horror bündelt. So erklärt auch Fronter Dani, dass sich die Scheibe mit der „Faszination der Menschen für das Übernatürliche, Makabre und sterbliche Überreste“ befasst, und dies – natürlich – während Mr. Filths Lieblingsepoche, dem Viktorianischen Zeitalter.

Unspektakulär war am vorigen Album ansonsten sicherlich gar nichts, ganz im Gegenteil haben Dani und seine Spießgesellen mal eben eine der stärksten Scheiben ihrer gesamten Karriere unters Volk gebracht. Die Kehrtwende zurück zur Atmosphäre und musikalischen Ausrichtung zu glorreichen „Dusk And Her Embrace“- und „Midian“-Zeiten wurde von der Fanschar mit großer Begeisterung zur Kenntnis genommen, zumal die Band sich nicht billig einfach nur selbst kopiert hat, sondern schlicht mit starkem Songwriting und viel Spielfreude und Liebe zum Detail überzeugte.

Dass die Engländer diese Schiene auf dem Nachfolger weiterverfolgen und verfeinern würden, war an sich klar; es wird also erneut viel in der Vergangenheit gewühlt. Dennoch steht „Cryptoriana“ für sich und ist ein ungleich schwerer zu verdauender Brocken als „Hammer Of The Witches“. Die Band geht klar progressiver zu Werke, die Songs sind sehr detailliert ausgefeilt, doch die logische Zusammensetzung, das Aha-Erlebnis erfolgt erst nach einigen Rotationen. Streckenweise erinnert die Stimmung noch etwas mehr an „Cruelty And The Beast“ als an „Midian“, was wohl auch der Tatsache geschuldet sein dürfte, dass Keyboarderin und Co-Sängerin Lindsay Schoolcraft deutlich mehr zu tun bekommen hat – opernhafte Frauenstimmen kommen jedenfalls häufiger vor als auf der 2015er Platte. Des Weiteren wurde für die bombastischen Hintergrundgesänge sogar ein ganzer Chor engagiert.

Das eröffnende „Heartbreak And Seance“ läuft im Vergleich zum sonstigen Material relativ schnell rein, die stets wiederkehrende, beinahe Dream Theater-artige Gitarrenmelodie singt man schnell mit – ein ordentlicher Opener, der aufgrund seiner Eingängigkeit verständlicherweise auch gleich als erste Single und als erster Aperitif veröffentlicht wurde.

Bei den folgenden Nummern jedoch zeigen sich Cradle sehr Break-freudig: „Achingly Beautiful“ und „Wester Vespertine“ besitzen jede Menge Wendungen, wachsen allerdings mit jedem Durchlauf immer mehr. Ersteres nennt einen sehr ätherischen Chorus sein Eigen, zu dem vor allem Lindsays sinnliche Stimme ihren Beitrag leistet. Letzteres wiederum scheint zunächst ein bisschen zu sehr von Selbstzitaten zu leben (deutliche Anlehnungen an „Cruelty Brought Thee Orchids“ treten zutage, auch das thrashige Riff nach etwa einer halben Minute klingt wie schon oft gehört), erweist sich aber nach einiger Zeit ebenso als Highlight: Allein die Arpeggios im Refrain sind anbetungswürdig und am Ende ist man einfach nur sprachlos ob der vielen Ideen und der facettenreichen Kompositionsweise.

Dass eine so eigenständig klingende Band wie Cradle Of Filth hier und da in bekannte Muster verfällt, sei ihr auch anno 2017 und beim zwölften Studioalbum zugestanden – außerdem wird der Rundling vor allem zum Finale hin besonders stark: „You Will Know The Lion By His Claw“ peitscht energiegeladen nach vorne, die sich hinzu gesellenden Mantra-artig vorgetragenen, hypnotischen Chorgesänge ergänzen sich prima – und am Schluss wird so dermaßen das Tempo angezogen, während sich ein angepisst klingender Dani die Kehle aus dem Leib kreischt, dass einem nahezu schwindlig zu werden droht. Vor allem aber „Death And The Maiden“ ist ein echter Hammer, unheimlich wuchtig, doomig und düster, dabei aber trotzdem in gelungener Manier durch Akustikgitarren aufgelockert – eine fantastische, eher untypische Komposition, die sich die Engländer wohlwissend für das Ende aufbewahrt haben.

Ein hartes Stück Arbeit stellt auch der Titeltrack dar; das tänzerische Riff erinnert an „Blackest Magick In Practice“, gleichzeitig kommt einem im langsamen Part „Bathory Aria“ in den Sinn, während das ruhig und feierlich startende „Vengeful Spirit“ mit einem regelrecht eleganten Refrain besticht, für den man sich mit Gothic-Ikone Liv Kristine eine alte Bekannte ins Studio holte – sie veredelte seinerzeit bereits den Song „Nymphetamine“ vom gleichnamigen Album.

Alles in allem braucht „Cryptoriana“ definitiv länger als sein Vorgänger, um zu zünden, erstrahlt dann jedoch umso heller als weiteres Highlight in der Cradle-Discographie. Zwar nicht ganz so superstark wie das grandiose „Hammer Of The Witches“, dennoch spannend, abwechslungsreich und songschreiberisch imponierend. Und über das handwerkliche Niveau muss man kaum noch sprechen: Die Gitarrenarbeit ist erneut vom Allerallerfeinsten, allein was das Tandem Ashok und Richard Shaw in den letzten beiden Songs an Soli auspackt, ist völlig grandios – die Herren brauchen sich auch hinter bekannteren Gitarrenhelden der Szene überhaupt nicht zu verstecken.

Von daher ebenso passend, dass man den Annihilator-Klassiker „Alison Hell“ coverte, ist Jeff Waters doch auch vor allem für seine unfassbaren Fähigkeiten an der Gitarre bekannt. Auch der andere Bonustrack „The Night At Catafalque Manor“ ist verdammt stark (und erinnert noch mehr an alte Großtaten), weswegen es sehr lohnenswert ist, sich das Digipak zuzulegen. Cradle Of Filth sind nach zwölf Studioalben also kein bisschen müde, im Gegenteil: Das derzeitige Line-up ist handwerklich so beschlagen, dass ihm alle Tore offen stehen, auch live war die Band nie besser. Hoffen wir, dass sie uns noch viel Freude bereiten werden.

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