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Contemporary Noise Sextet: Ghostwriter's Joke

Jazz in neuen Formen
Wertung: 8/10
Genre: Jazz, NuJazz
Spielzeit: 44:51
Release: 08.07.2011
Label: Denovali Records

Was verbirgt sich hinter dem Namen Contemporary Noise Sextet? Wer bei dem Namen auf eine Band tippt, die sich tatsächlich dem Noise widmet, könnte falscher kaum liegen, denn in Wahrheit spielt die Tuppe ihre eigene Vision von Jazz und hat mit richtigem Krach nur am Rande zu tun. Nun wird sich mancher Leser fragen, inwiefern solche Musik für dieses Magazin relevant ist – für Hörer mit Scheuklappen kommt „Ghostwriter's Joke“ zwar keineswegs in Frage, doch für so manchen offenherzigen Freund experimenteller Rockmusik könnte das Sextett aufgrund seiner ungewöhnlichen Attitüde durchaus interessant sein.

Aufhören lässt dabei schon das Konzept, das hinter dem Album steht, denn jeder Song auf „Ghostwriter's Joke“ thematisiert jeweils das Leben eines bestimmten Menschen, der etwas bewirkt oder erreicht hat, aber anonym blieb. Obwohl die Besetzung aus Blasinstrumenten, Klavier, Gitarre und Schlagzeug weitgehend dem üblichen Jazz-Schema entspricht, geht die Band beim Songwriting doch trotz einiger Einflüsse aus diesem Bereich eher wenig improvisiert vor und räumt stattdessen dramatischen, oft cineastischen Strukturen Platz ein. Eine progressive Note erhält das Ganze durch das Arbeiten mit Lautstärkeänderungen und dem Ausbau von Motiven, wobei fast immer die elektrische Gitarre mit beeindruckenden Soli zum Einsatz kommt und so den teilweise rockigen Charakter der Musik unterstützt, der ohnehin schon von den teilweise aggressiven Melodien ausgeht.

Eine regelrecht drängende Haltung nimmt so beispielsweise „Morning Ballet“ ein: Zu einem flotten Rhythmus mit groovendem Bass ertönt lässiges Klavierspiel, während die Instrumente im Laufe des Stückes immer mehr in improvisierte Schemata verfallen und vor allem die Bläser zu nahezu undurchschaubarem Chaos übergehen. Auch ein verspieltes Gitarrensolo darf dabei natürlich nicht fehlen, das zu einem Spannung aufbauenden Ausbau des anfänglichen Motivs überleitet, welches am Ende geschickt mit einem gelasseneren Rhythmus pointiert wird. Ähnlich dramatisch geht es in „Chasing Rita“ zu, jedoch mit einem stets vorhandenen cineastischen Unterton – die Spannung entfaltet sich hier in einem stetigen Fluss und findet ihren Höhepunkt in einer von einem Gitarrensolo begleiteten Klavierpassage. Auf der anderen Seite stehen ruhige, Piano-basierte Songs wie „Walk With Marilyn“ oder „Old Typewriter“, die im Falle des ersten Stückes in fast schon freier Form daherkommen und mit fernen, hallenden Gitarren ein nostalgisches Feeling erschaffen.

Obwohl schon diese Songs nicht unbedingt leicht verdauliche Kost sind, gibt es Momente, in denen die Truppe noch um einiges progressiver agiert und vertraute Strukturen zunehmend verblassen – so lebt beispielsweise „Is That Revolution Sad?“ von den vielfältigen Stimmungswechseln, die sich nicht nur in melancholischen Stilmitteln wie einsamen Bläserklängen oder einem wiegenden Klavierrhythmus, sondern auch in jeder Menge Soloparts der einzelnen Insturmente äußern. Seine Sternstunde erreicht das Sextett jedoch mit „Norman's Mother“, das so tatsächlich als Soundtrack zu einem besonders elaborierten Film dienen könnte. In zehn Minuten rufen die Musiker hier all ihr Können zu Hilfe und fahren ein komplexes und abwechslungsreiches Stück auf: Bläser erklingen zu Klavier im Stakkato und schwellen mit diesem langsam zu einem Crescendo an, bevor eine aufschwingende Melodie ertönt, die ihrerseits zu einem wabernden Part hinabstürzt. Unterschwellige Melodik steigert sich dann langsam zu einem Wirrwarr aus Drums und Bläsern, das am Ende durch eine Aufarbeitung des anfänglichen Motivs aufgelöst wird – wer dieses Stück gänzlich verstehen will, muss sich zahlreiche Hördurchläufe gönnen.

„Ghostwriter's Joke“ ist ein wohl durchdachtes und ohne Ausfälle auskommendes Album in der Schnittmenge zwischen Jazz und experimenteller Musik geworden, das vor allem durch seinen rockigen Unterton viel an Eigenständigkeit gewinnt. Wer Jazz und das damit zumeist verbundene Instrumentarium von Grund auf ablehnt, wird mit dem Noise Sextet nicht warm werden, wer aber gerne über den Tellerrand blickt und nach Musik mit dichter und zugleich dynamischer Atmosphäre sucht, findet hier ein unkonventionelles und doch durchaus zugängliches Werk.

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