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Combichrist: Making Monsters

Vielleicht das bisher beste Album
Wertung: 8.5/10
Genre: EBM, Industrial
Spielzeit: 57:02
Release: 27.08.2010
Label: Out Of Line

Auf Combichrist  kann man sich einfach verlassen. Groß wurde im Vorfeld angekündigt, das neue Album „Making Monsters“ sei – mal wieder – das beste Album, das Herr LaPlegua jemals aus den kreativen Händen geflossen sei, usw. usf. Klingt großkotzig, hat aber Hand und Fuß, wenn man sich den neuen Silberling der norwegisch-amerikanischen EBM-Formation mal so anhört. Das mittlerweile sechste Studioalbum untermauert nicht nur den Status als großartige Industrial-Pioniere, es reißt sogar die Mauer ein und errichtet sie an anderer Stelle neu – schneller, höher, weiter ist hier die Devise und dafür hat sich der Norweger sogar artfremde Unterstützung in Form von Bleeding Through-Sänger Brandan Schiepatti dazugeholt – ein raffinierter Schachzug, schließlich haben Combichrist schon immer ein bisschen mit der Hardcore-Schiene geliebäugelt.

Vorab gab es die Single „Never Surrender“ (siehe Review), die bei uns mehr als anständig wegkam – damals lautete der Teaser „Wenn das Album sich der Single anpasst – Hut ab!“. Um die passende Kopfbedeckung nicht erst aus dem Schrank kramen zu müssen, lüfte ich einfach die imaginäre Kappe und sage: Herr LaPlegua hat es geschafft, hat das Album dem Song angepasst und eine Scheibe geschaffen, die ebenso zum nächtelangen Durchtanzen wie zum kollektiven Selbstmord einlädt. Denn: Combichrist sind tanzbar, wütend, suizidal, verwirrt, großartig. Auch auf „Making Monsters“. Wie die Band das anstellt, ist mir ein Rätsel, Fakt ist aber, dass man beim ersten und zweiten Durchlauf keinen Durchhänger auf dem Album erkennen kann.

Hören wir mal genauer hin: Nach dem knapp zweiminütigen, unheilschwangeren Intro „Declamation“ wird direkt Herr Schiepatti vors Mikro gezerrt, um sich am auditiven Amoklauf zu beteiligen. Stampfende Beats leitet den Track ein, im Geiste sieht man tausende EBM-Clubs in den Grundmauern erschaudern, erst recht, wenn der Bleeding Through-Sänger seine beeindruckende Stimme erklingen lässt, die in den Strophen noch dominiert, im Refrain aber gegen die apokalyptischen Beats ankämpfen muss. Ein großartiges Stück und das gleich zu Anfang – ob LaPlegua das überbieten kann?

Klar kann er, denn gleich auf diesen Trommelfell-Terminator folgt „Never Surrender“, das inzwischen wahrscheinlich schon in sämtlichen Clubs totgenudelt wurde. Dass die Band sich auch nach sieben Jahren noch nicht zu schade für Experimente ist, beweist einmal mehr „Throat Full Of Glass“. Hier kann man nicht, wie zuerst vermutet, einem Schreiexzess des Sängers beiwohnen, sondern hat im Gegenteil die Gelegenheit, Andy mal fast besinnlich zu erleben – die Betonung liegt natürlich auf „fast“, den obwohl der Text hier gesungen bzw. eher gesprochen wird, ist der Track alles andere als ruhig, sondern wird fast bedrohlich.

Bei „Fuckmachine“ und der Zeile „You are my fucking toy“ muss ich unwillkürlich grinsen – die Vorstellung, wie ganze Heerscharen von Teeniemädels mit Neonpuscheln in den Haaren diese Zeile bei einem Combichrist-Konzert voller Inbrust mitgröhlen und sich der Vorstellung hingeben, selbst als Spielzeug für Herrn LaPlegua herhalten zu dürfen, lässt den guten Song eigentlich fast zu einer Parodie verkommen. „Just Like Me“ gehört zwar nicht zum Besten, was Combichrist jemals hervorgebracht haben, aber irgendwie setzt sich der Song schön im Gedächtnis fest und kann definitiv als Anspieltipp herhalten – allein wegen des genialen Beats in der Hälfte des Songs, der leider viel zu schnell wieder abgeschwächt wird.

Gänzlich ungewohnt kommt „Through These Eyes Of Pain“ rüber – ein Synthpop-Stück mit leicht spacigen Hintergrundbeats, klarem Gesang und einer fast melancholischen Melodie. Großartig, so ein ruhiges Stück zwischen all den Tanzflächenkrachern! Endzeit-Stimmung verbreitet dann noch einmal der Rausschmeißer „Reclamation“, das nicht etwa das Gegenstück zum „Declamation“-Intro darstellt, sondern als eigenständiger Track daherkommt, in dem wieder auf ähnlich klaren Gesang wie bei „Throat Full Of Glass“ gesetzt wird. In Kombination mit Andys spürbar unterdrückter Wut und der bedrohlichen Melodie gibt das Stück einen super Schlussstrich ab.

Fazit: Combichrist haben vor dem Release tatsächlich nicht zu viel versprochen – „Making Monsters“ kann gut und gerne als das experimentierfreudigste Album der Combo durchgehen; vielleicht gefällt es mir genau aus dem Grund so gut, weil auf überflüssige Aggrotech-Attacken verzichtet wird, die zwar im Club zünden mögen, auf Platte aber einfach nur anstrengend wirken. Stattdessen hat LaPlegue auch mal die andere Seite der Medaille ausprobiert, und besinnt sich auf das, was er am besten kann: Stücke kreiern, die sowohl auf der Tanzfläche, als auch im heimischen Wohnzimmer perfekt funktionieren.

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