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CloverSeeds: The Opening

Eine der besten Progrock-Scheiben dieses Winters
Wertung: 9/10
Genre: Progressive Rock
Spielzeit: 45:12
Release: 17.12.2010
Label: The Laser's Edge/AL!VE

Wenn von Progressive Rock die Rede ist, treffen gewöhnlich zwei Fraktionen aufeinander, deren Meinungen zum Thema unterschiedlicher kaum sein könnten: Auf der einen Seite die Verfechter der „alten Schule“, die Prog hauptsächlich mit meisterhafter Beherrschung der Instrumente und der großzügigen Zurschaustellung dieser Fähigkeit verbinden. Auf der anderen Seite die Fans einer neueren Generation von Bands, deren Fokus wesentlich stärker auf songdienlichem Spielen in ausgefuchsten Arrangements liegt und deren Ziel eher die Erzeugung von Atmosphäre als die offene Kinnlade beim lauschenden Musiker ist.

CloverSeeds aus Frankreich gehören ziemlich eindeutig zu letzterer Kategorie und deuten mit dem hochwertigen, herbstlichen Coverartwork schon einmal an, dass sie es vor allem mit der Atmosphäre ziemlich ernst meinen. Da ist es fast schon erstaunlich, dass „Over Camellia“ so gar nicht nach Verfall klingt, sondern als – zwar gehörig krummtaktiger, aber höchst erdiger – Heavy-Rock-Track zwischen Kyuss und Tool durchgeht. Schon jetzt positiv auffallend: Die angenehm dynamische Produktion und der starke Gesang, der ein schönes Mittelmaß zwischen klagend und rockig findet und außerdem erfreulich akzentfrei gerät.

Im Opener wird er noch von harten Gitarren gestützt, in „Familiar“ steht er dann ziemlich allein im Vordergrund, während dahinter träge Echobässe wabern und postrockige Minimalgitarren klingeln - und die Leistung des Mannes am Mikrofon überzeugt nach wie vor. Außerdem bricht sich die erwartete atmosphärische Seite von CloverSeeds langsam aber sicher eine Bahn: Verzerrte Gitarren erscheinen im Klangbild, Bass und Schlagzeug verfallen in einen unruhigen Herzschlag, dissonante Klangwolken zerstören die klare Soundstruktur. Schließlich kippt der stetig hymnischer werdende Gesang in heiseres Geschrei und führt den Song in ein plötzliches, aber furioses Finale. Keine Frage: Diese Franzosen haben ihre Vorbilder aufmerksam studiert und daraus ihre eigenen Schlüsse gezogen, die sie nun zu mitreißenden Songs verbinden.

„Higher“ kommt wieder mehr nach dem Opener und begeistert mit soghaften, schnellen Rhythmen, orientalisch anmutenden Gesangslinien, ausgefeilten Dynamikspielereien und einem langen Gitarrensolo. So ganz ohne ein bisschen Protzerei lässt man sich als Leadgitarrist dann wohl doch nicht abspeisen, aber das Schaulaufen passt zum Song und zerstückelt ihn keinesfalls.

Mit dem Titeltrack „The Opening“ liefert man dann noch einen sich langsam aufbauenden, optimistischen Hymnus ab, wie er auch von Steven Wilson stammen könnte. CloverSeeds schaffen es sogar, dessen nachdenklich-melancholische Grundstimmung einzufangen, ohne jedoch ihren Charakter zu verlieren oder zur Kopie zu verkommen. Was ihnen dagegen (noch?) ein wenig fehlt, ist die Fähigkeit des Vorbilds, Melodien zu schreiben, die sich spontan im Hörkanal festbeißen und dort auch bleiben. So muss man der Platte schon mehrere Durchläufe zugestehen, ehe sich Wiedererkennungswert einstellt. Dann aber ist sie sicherlich eine der besten Progrock-Platten des ausgehenden Jahres.

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