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Chelsea: Anthology Vol. 3

Die Londoner erfinden sich in den Neunzigern wieder neu
keine Wertung
Genre: Punkrock, Streetpunk
Spielzeit: 187:10
Release: 15.04.2016
Label: Westworld Recordings

Wir blättern nochmals zurück: 40 Jahre Chelsea sind ein Grund zum Feiern für Band und Fans, daher bringen die Briten drei CD-Päckchen à drei Alben heraus – „Anthology Vol. 1“ konnte ab dem zweiten Album so richtig überzeugen, bei „Vol. 2“ verhielt es sich dann leider genau umgekehrt: Die Londoner hatten die Kitschspritze zu tief ins Fleisch gehauen und versumpfen in Hall. „Vol. 3“ schießt nun mit knapp drei Stunden Spielzeit zumindest längenmäßig schon mal den Vogel ab, inhaltlich dürfen sich Punkfans auf die Alben „The Alternative“ (1993), „Traitor’s Gate“ (1994) und – besonders spannend – die 2005er Veröffentlichtung „Faster, Cheaper And Better Looking“ freuen.

Der Start verläuft schon mal astrein: Gleich im Doppelpack können Chelsea mit „The Alternative“ und „Weirdos In Wonderland“ überzeugen, Irish-Folk-Einflüsse brechen sich Bahn, alles passt wunderbar zusammen und ist tanzbar ohne Ende. „Ever Wonder“ lehnt sich dann schon recht deutlich an Neunziger-Punk an, hier gibt es wieder eine Spur Hall auf den Vocals, allerdings rutscht die Performance zum Glück eher ins Psychedelische und weniger in den Kitsch ab. Auch hier fühlt man sich im Refrain wieder ein bisschen irisch, „Where Is Everything“ widmet sich dann wieder verstärkt dem Punkrock und kann vor allem im Refrain auf ganzer Linie überzeugen.

So glatt kann es natürlich nicht weitergehen: „You Can Be There Too“ klingt soundtechnisch völlig verkorkst, es rauscht und flirrt an allen Ecken und Enden, ein New Wave-tauglicher Beat ist aufzumachen, ansonsten hört sich der Track eher wie eine Aufnahmestörung an. Bei Platte Nummer zwo, „Traitor’s Gate“, geht es dann schon etwas gesitteter zu, der Sound lässt beim Opener „Streets Of Anarchy“ noch schwer zu wünschen übrig, dafür geben sich Chelsea wieder dem flotten, etwas zahmen, aber nichtsdestoweniger guten Punkrock hin.

Spätestens bei „Power For A Day“ merkt man: Die Produktion wird nicht mehr besser, bleibt dafür aber im Gegensatz zur Vorgängerscheibe stabil. Wieder arbeiten die Briten mit relativ viel Hall (wer hat ihnen das denn bitte beigebracht?!), lassen die Vocals ihres Fronters aber wenigstens nicht im Äther verschwinden. Im Gegenteil, bei Songs wie „Fireworks“ passt dieser Effekt sogar ganz gut zum Gesamtbild, ein bisschen Oi-Punk-Stimmung kommt auf, es klingt immer, als würde konstant eine ganze Gruppe ganz weit im Hintergrund mitgrölen.

Das rumpelige, stark an Siebziger-Punk erinnernde „We Dare“ erhält im Bonusteil der Platte noch mal ein neues Gewand mit weniger rumpelndem, dafür knarzendem Sound – und auf Deutsch! Vom Text versteht man quasi gar nichts, lediglich die Anstrengung ist Sänger Gene anzumerken – vielleicht ist der schlechte Sound hier auch Absicht, scheint Deutsch doch für Nicht-Muttersprachler eine eher unangenehm klingende Sprache zu sein.

Somit sind wir im Jahr 2005 angekommen, das immerhin auch schon wieder eine Weile her ist, aber durch die Zahl zwei am Anfang eher Nähe suggeriert. Immerhin: Der Sound ist zumindest beim Opener „Living In The Urban UK“ klar und druckvoll, Gene versucht sich an teilweise klarem Gesang, man merkt dem Herrn das Alter aber schon ein bisschen an. Von Müdigkeit aber noch keine Spur, „Bad Advice“ galoppiert recht flott heran, der Punk lebt, ist nur ein bisschen grauhaariger geworden. „KXLU (Radio)“ weckt dann wieder das Tanzbein, still halten kann man bei dem Song schlichtweg nicht, dafür brennt sich die Leadgitarre viel zu sehr in die Nerven. „Ritalin Kid“ gerät ein bisschen ruhiger als der Titel vermuten lässt, dreht aber in der zweiten Hälfte mit einer kreischenden Gitarre noch mal auf – für Überraschungen sind die Alt-Punks dann eben doch noch manchmal gut.

Nach stundenlangem Chelsea-Hören fällt das Fazit ein wenig durchwachsen aus. Am schlechtesten abgeschnitten hat in der persönlichen Gesamt-Skala definitiv „Anthology Vol. 2“ –Punk war hier nur noch in mikroskopischen Mengen vorhanden, stattdessen wurde triefender Pathos serviert, der viele Tracks in die Mittelmäßigkeit und darunter abgleiten ließ; zum Lieblings-Einzelalbum hat sich ganz lockerflockig „The Alternative“ gemausert. Auch hier gibt es Längen, allerdings überwiegen die stimmungsmäßig wirklich gut gemachten Songs. Insgesamt bieten die drei „Anthology“-Pakete einen ziemlich guten Querschnitt durch das Schaffen der Punk-Veteranene, musikalische Qualität hin oder her.

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