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Candlebox: Disappearing In Airports

Frischer Frühlingswind aus Seattle
Wertung: 9,5/10
Genre: Rock/Grunge
Spielzeit: 46:58
Release: 22.04.2016
Label: Eternal Sound / Membran

Viele scheinen die Band hierzulande nicht zu kennen, deshalb ist vorher eine kurze Zuordnung des musikalischen Backgrounds fällig. Candlebox bekamen in ihrer Vergangenheit zumindest in Europa und außerhalb der USA viel zu wenig Würdigung, die an den musikalischen und textlichen Qualitäten kaum liegen könnte. Die Bandgeschichte reicht zurück bis 1990, als die Formation unter dem Namen Uncle Duke ins Leben gerufen und 1991 in Candlebox umbenannt wurde. Kurz darauf wurde sie von Madonnas Plattenfirma Maverick Records unter Vertrag genommen und ihr erstes Album erreichte 1993 vierfaches Platin. In dieser Zeit tobte schon der Grunge-Sound, deshalb war es für die Band schwer, neben Pearl Jam, Soundgarden und Nirvana Fuß zu fassen, obwohl sie damals schon originell war. Aber die genannten waren eben besser vermarktet.

Dieses Album ist ihr sechstes reguläres in der Reihe und mit einem Cover ausgestattet, das Rätsel aufgibt. Von den Originalmitgliedern ist nur noch Sänger Kevin Martin dabei. Außerdem ist von den ehemaligen Weggefährten derjenige Dave Kursen wieder im Boot, der auch auf „Ten“ von Pearl Jam hinter dem Schlagzeug saß.

Nach unzähligen durchschnittlichen Alben bekommt man hier endlich eine überdurchschnittliche, sogar sehr gute Platte zu hören. Musikalische Parallelen zu ziehen fällt einem schwer, denn hier hat man es mit zeitlosen und gekonnt komponierten Songs zu tun, die charakteristische und eigenständige Merkmale aufweisen. Bereits mit dem Opener „Only Because Of You“ landet der Fünfer einen Hit. Auch die anderen Stücke sind fast allesamt radiotauglich, und ihre Längen entsprechen den medialen Vorgaben. Die Lieder zünden sofort, nisten sich in die Gehörgänge ein und werden auch nach mehrmaligem Hören keinesfalls langweilig. Sie entwickeln viel Energie und Kraft mit gleichzeitig sehr schönen Melodiebögen und werden so zu echten Ohrwürmern. Kevin Martin spielt mit seiner Stimme in den Nuancen und unterordnet sie der Stimmung des jeweiligen Liedes. Man erkennt ihn unter Tausenden von Sängern; von der Charakteristik her könnte man ihn am besten vielleicht mit Mike Tramp (ex-White Lion) vergleichen.

Die Aussagen der Texte sind auch noch positiv, im Gegensatz zu ihren Genrekollegen von Alice In Chains oder Pearl Jam, und sogar zum Nachdenken anregend. Die Songstrukturen sind alle auf den Punkt gebracht: Gute Strophenteile, aufbereitende Bridges und das Ganze entfaltet sich in sehr schönen Refrains. Die Nummer zeigen, dass man auch Hits schreiben kann, ohne dass sie ultrasimpel sind. Den aufmerksamen Zuhörern wird auffallen, dass hier und da vermehrt mit Gospelchören gearbeitet wird und so wirken sie eingebettet, einfach epischer, wofür der Song „Spotlights“ ein gutes Beispiel ist. Aber das Albumtempo reicht von melancholischen Stücken („Only Because Of You“) bis hin zu richtigen rockigen Knallern („God’s Gift“).

Im Gesamtsound sind alle Instrumente im Verhältnis zueinander ideal abgemischt worden und die Aufnahme atmet so richtig, was leider selten in unserem digitalen Zeitalter geworden ist, ganz zu schweigen von den toll durchdachten und arrangierten Songs. Die Instrumentalisten beherrschen nicht nur ihre Werkzeuge – zeugen von Einfallsreichtum, ohne sich dabei auf ihre Instrumente zu versteifen –, sondern allesamt arbeiten songdienlich. Das Album dürfte wohl nicht nur die Fans mitreißen, denn die Band gehört zu den Originalen, die einen eigenständigen Charakter haben und vom Rest der Konkurrenten gut zu unterscheiden sind. Hier spielt einer der wichtigsten und besten Schlagzeuger von Seattle und einer der besten Sänger der letzten fünfundzwanzig Jahre, unterstützt von erstklassigen Mitmusikern. Wer Alternative Rock mit etwas Grunge-Einschlag und Classic-Rock-Elementen mag, muss hier zwingend zugreifen.

Auf die lediglich drei Konzerte der Band in Deutschland kann man sich so richtig freuen, denn hier werden die Songs erst richtig beim Publikum auf die Probe gestellt.

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