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Boiler: Alles und Nichts

Textliche Schwächen verderben den Spaß
Wertung: 5/10
Genre: Rock/Metal
Spielzeit: 44:05
Release: 15.02.2010
Label: moving magnet records

„Zügellosigkeit, absurder Witz und Wahnsinn“ - mit diesen Worten umreißen Boiler den Charakter ihrer Musik und damit auch ihres Debütalbums „Alles und Nichts“. Mit minimalistisch-fetten Riffs und derbem deutschsprachigem Gesang tritt der Vierer darauf an, um der Unmoral des Daseins und gesellschaftlichen Zwangsneurosen zynischen Witz und schonungslose Ehrlichkeit entgegenzuhalten.

So zumindest die von der Band erdachte Theorie, die in Ansätzen auch durchaus gut funktioniert. Das musikalische Fundament groovt unnachgiebig, drohend und zweckdienlich voran, drängt sich meist nicht in den Vordergrund, sondern lässt großzügigen Raum für die Texte aus Sänger Howdies Feder und Kehle; eine Priorisierung, die ein bisschen an Rammstein erinnert. Auch die Themenauswahl ähnelt mitunter der Lindemann'schen Truppe: Machtverhältnisse, Abhängigkeiten, makabrer Witz und die menschliche Triebnatur sind lyrischer Grundstock der meisten Songs und werden teils äußerst kreativ aufgearbeitet.

Während „Das Tier“ sich noch vergleichsweise konventionell über die alte Werwolf-Triebnatur-Thematik hermacht, entwickelt „Bürotrieb“ schon beinahe Storytelling-Qualitäten. Mit „Feind der Liebe“ haben Boiler auch noch ein Statement gegen Faschismus und ideologische Verblendung in petto, während Songs wie „Zombietown“ und „Du bringst mich um“ schlicht den Wahnwitz zelebrieren: Ersterer handelt – mal wieder – von unkontrollierten Trieben, jedoch mit Zeilen wie „Augen baumeln, der Darm quillt raus, in Zombietown bin ich zu Haus“ ordentlich humorvoll aufgeladen und nebenbei noch recht passend auf den ganz normalen Alltagswahnsinn zu beziehen. „Du bringst mich um“ geht hingegen fast als textliches Plagiat von Knorkators „Schmutzfink“ durch, nur dass sich hier nicht ein Vater aufs derbste über seinen Sprössling aufregt, sondern ein Lehrer seinen Schüler zur Schnecke macht - „Schneid dir mal die Haare und wasch dich! Machst du das zu Hause auch so?“

In den Momenten, in denen das Absurde deutlich über die mehr oder weniger ernsthaften Inhalte überwiegt, sind Boiler dann auch tatsächlich am besten und am lustigsten, denn so sehr die Texte das wichtigste Standbein der Platte sind, so sehr sind sie leider auch deren größte Schwäche.

Wäre „Alles und Nichts“ eine Hip-Hop-Platte, man würde an dieser Stelle etwas über mangelnden Flow und Sprachgefühl lesen. Leider sind viele Texte nämlich von der Idee her wirklich interessant oder zumindest lustig, in der Umsetzung aber holprig bis misslungen. Reimketten der Sorte „Bin einsam wie ne Sau/ich wünsche mir ne Frau/ohne ist Supergau./Bin selber auch ein Pfau/geh oft auf Frauenschau/kein Sex, das macht mich mau“ klingen alles andere als eloquent und würden vielleicht noch als Stilmittel zur Betonung der Beschränktheit des lyrischen Sprechers in „Auf der Suche“ durchgehen, wenn die anderen Songs nicht ebenso ähnliche Schwächen erkennen ließen. Dazu kommen noch haarsträubende Betonungen, eine metrische Gestaltung, an die sich in dieser Form bisher wohl nur die schon genannten Knorkator gewagt haben und Howdies Organ, das zwar von sanft bis zynisch-überdreht ein breites Spektrum abdeckt, häufig aber wie die amateurhafte Parodie eines Hardcore-Shouters klingt.

Wortneuschöpfungen wie „Abortejakulation“ und „Komplettmensch-Dresscode“ laden dagegen zum Schmunzeln ein; trotzdem kann man über Zeilen wie „Willst du für mich tanzen? Ich zeig dir meinen Ranzen!“ nur den Kopf schütteln.

Fazit: Das Vorhaben, mit „Alles und Nichts“ einen kritischen musikalischen Kommentar zum Zeitgeist zu liefern, ist Boiler wie gesagt in Ansätzen schon gelungen, was vor allem an der Auswahl der Themen liegt. Auf instrumentaler Seite gibt es auch nicht viel zu beanstanden, auf textlicher Ebene dafür umso mehr: Weniger „Reim dich oder ich fress dich“, weniger Pennälerlyrik, mehr Eloquenz – dann erst wird man Boiler ernst nehmen können und wirklich nur an beabsichtigten Stellen lachen. Das Debüt bietet jedenfalls noch deutlich zuviel Anlass zum Heulen.

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