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Blues Horror Brigade: Live On Titan

Absurd, außerirdisch, anstrengend
Wertung: 6/10
Genre: Space Rock
Spielzeit: 61:40
Release: 05.08.2011
Label: Pro Stata Records/Broken Silence

Fiktive Bandbiografien gibt es viele; die der Blues Horror Brigade ist eine der einfallsreicheren und abgefahreneren: Als intergalaktische Rockkapelle jetten vier skurrilen Gestalten durchs Universum und beglücken jeden Planeten in Reichweite mit ihrer Musik. Als auf der Erde gerade die Schweinegrippe grassiert, machen sich die Kerle auf zum Saturnmond Titan, um dort das örtliche Wonne-Gut-Festival zu rocken. Auf „Live On Titan“ kommt nun auch der Teil der Erdbevölkerung, der damals zufällig nicht auf dem Titan weilte, in den Genuss dieses denkwürdigen Konzerts. 

Es gibt noch eine andere Version der Geschichte um „Live On Titan“: Demnach sind die Außerirdischen eigentlich vier Schweizer mit komischen Schutzanzügen und dem ein oder anderen Sprung in der Schüssel. Und das Livealbum vom Mond ist eigentlich ein reguläres Studioalbum mit später hinzugefügtem Applaus aus der Dose. An der außerirdischen Natur der Blues Horror Brigade festzuhalten, macht es aber vielleicht etwas einfacher, ihre Musik irgendwie zu durchschauen. 

Die ist nämlich mit „absurd und abgedreht“ noch vorsichtig umschrieben: Schon der Opener „Zoemorph“ kombiniert irrwitziges Synthie-Geblubber mit Blast- und Punkbeats, schrammelnden Gitarren und einem mit Autotune belegten, jodelnden Schwein am Gesang – so klingt es zumindest. Bei „Porto Gripo (Apokalypso)“ bedient sich die Band immerhin einigermaßen sprachlicher Laute, auch wenn sich die Bedeutung des Songs wohl nur dem Teil der Bevölkerung erschließt, der umfassende Esperantokenntnisse vorweisen kann. Mit der Mehrsprachigkeit hat es die Blues Horror Brigade ohnehin: „Bubbles“ vereint Deutsch, Chinesisch, Niederländisch und Spanisch; „Ghüder“ erklingt in Berner Mundart. Zumindest behaupten die vier Querköpfe das. Genauso gut könnten die Texte auf „Live On Titan“ auch komplett aus Verbalunsinn bestehen, denn meist vernebeln Stimmeffekte den Klang fast bis zur Unkenntlichkeit, sodass der Gesang eher wie ein weiteres Instrument wirkt. 

„Zoemorph“ deutete es schon an und im weiteren Verlauf der Platte bestätigt sich: Die Instrumentalarbeit der Blues Horror Brigade verhält sich ähnlich wirr, wie die textliche Gestaltung ihrer Songs. Stilistisch treffen hier Punk, Electro, Jazz und Industrial aufeinander; dazu arbeitet die Band ausgiebig mit verzerrten Samples und spacigen Soundeffekten. So klingt „Live On Titan“ in Verbindung mit dem irren Gesang wie die Vertonung einer hyperaktiven Kindergartenklasse: aufgekratzt, unvorhersehbar, schrill und hektisch; kurz: anstrengend. Ein Machwerk wie „Bad Trip“ muss man da erst einmal verkraften, aber erstaunlicherweise hat die Scheibe als Gesamtwerk trotzdem so etwas wie einen gewissen Reiz. Die Band schafft es nämlich recht gut, den völligen Overkill an absurden Schallereignissen als schlüssigen Stil zu verkaufen und durchzuhalten. Obendrein verstecken sich unter der chaotischen Oberfäche nicht nur überaus tanzbare Rhythmen, sondern manchmal auch völlig unerwartete Ohrwurmmelodien. Hat man sich bei den ersten zwei Durchläufen noch verzweifelt gefragt, wo überhaupt ein Song anfängt und der nächste endet, ertappt man sich bald dabei, wie man lauthals den Refrain von „Porka Gripo“ mitsingt.

„Live On Titan“ bleibt natürlich trotzdem gewagt und steht in der ästhetischen Wahrnehmung balancierend auf dem schmalen Grad zwischen Kunst und Schrott. Eine Lärmeskapade wie „Rosemary's Baby“ geht bei über sechs Minuten Spielzeit auch mit viel gutem Willen nicht mehr als coole Idee durch. Und „Extraterrestial Love“ ist ähnlich umfangreich und besteht ausschließlich aus französischem Gehauche und Gestöhne über einer Art Pseudo-Lounge-Jazz. Durchgängig hochgradig nervig und ein definitiver Kandidat für die Skip-Taste! 

Solchen Ausfällen steht eine ordentliche Zahl gelungener und technisch einwandfreier Nummern gegenüber; generell ist „Live On Titan“ aber nur etwas für Hörer, die entweder selber außerirdisch sind oder ein ziemlich abgedrehtes Verständnis von Humor, Musik oder beidem haben (Helge-Schneider-Fan zu sein reicht übrigens vermutlich noch nicht aus). Wer sich jetzt angesprochen fühlt, hört mal unverbindlich rein, freut sich vielleicht auch noch über die beigelegte Bonus-DVD mit einem selbstgedrehten, trashigen Filmchen zwischen Amateurdoku und Eigenwerbung – und beherzigt ansonsten die Warnung, die die Blues Horror Brigade am Ende des an den letzten Song anschließenden Hidden-Tracks ausspricht: „Iss dein Brot, sonst bist du tot!“ Mit Aliens ist eben nicht zu spaßen.

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