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Blind Guardian: The God Machine

Relativ untypisches Album, das gleichzeitig back to the roots geht
Wertung: 9/10
Genre: Symphonic/Speed/Progressive Metal
Spielzeit: 51:03
Release: 02.09.2022
Label: Nuclear Blast

Mit ihrem letzten regulären Studioalbum „Beyond The Red Mirror“ hatten Blind Guardian den Bombast, die Fusion von Metal und symphonischen Elementen auf die Spitze getrieben, vier Jahre später in Form des unter dem Blind Guardian’s Twilight Orchestra-Banner firmierenden „Legacy Of The Dark Lands“ zudem ein reines Orchesteralbum ohne Band und nur mit Gesang aufgenommen, das seit über zwei Dekaden geplant gewesen und so gesehen zwar erst sehr spät, musikalisch jedoch letztlich zu einem passenden Zeitpunkt in der glorreichen Diskographie der Krefelder veröffentlicht wurde.  

So erfolgreich und gelungen diese Werke auch waren und sind – dass noch mehr symphonischer Pomp praktisch nicht möglich ist, erkannte die Band selbst. So erklärt auch Frontmann Hansi Kürsch, dass klar gewesen sei, dass „wir [nach diesen beiden Alben] die orchestrale Seite von Blind Guardian nicht weiter steigern können“, sodass sich die Truppe lieber wieder mehr zurück zu den Wurzeln orientierte. Durchaus clever, dass man in diesem Zusammenhang in den letzten Monaten immer wieder den ’92er Klassiker „Somewhere Far Beyond“ in voller Pracht bei Liveshows darbot – im Nachhinein ein deutlicher Fingerzeig auch für die Ausrichtung der neuen Platte.

Natürlich wurde die jüngere Vergangenheit nicht einfach über Bord geworfen, symphonische Momente sind immer noch zahlreich vorhanden, doch nicht mehr omnipräsent, sondern dosierter eingesetzt. So beispielsweise bei „Secrets Of The American Gods“, das eine vielschichtige Orchestrierung und monumentale Chöre im Refrain kredenzt. Ein für die Band eher ungewöhnlicher Track, interessant vor allem die orientalischen Läufe im Zusammenhang mit dem Titel (Orientalisches und die USA wollen ja eigentlich nicht so richtig zusammenpassen), der sich auf Neil Gaimans Buch „American Gods“ bezieht, zu dem auch eine Fernsehserie gedreht wurde. Das prägnante Hauptthema lässt gar ein wenig an Epica denken; so oder so eine imposante, starke Komposition voller Detailreichtum.

Ungewöhnlich ist vor allem aber „Life Beyond The Spheres“, das vom Titel her auf ein eigenes Livealbum von 2017 anspielt, ansonsten jedoch inhaltlich eher wissenschaftlich denn von Fantasy gekennzeichnet ist, werden hier doch der Urknall und die Entstehung des Universums thematisiert. Musikalisch betritt man hier von den Gardinen bislang unerforschtes Terrain, da mit elektronischen Komponenten experimentiert wird, was allerdings gut funktioniert und dem Song einen modernen Anstrich verpasst, der der Combo erstaunlich gut zu Gesicht steht. Gleichzeitig gibt es auch hier Bombastchöre und zum Teil einen „Kashmir“-artigen Riffpart.

Doch wie sieht nun mit der angesprochenen „Back to the roots“-Kehrtwende aus? Tatsächlich stehen den genannten Stücken mit den starken Singles „Blood Of The Elves“ und „Violent Shadows“ (deren Titel auch wahrlich nicht nach Schmusenummern klingen) zwei pfeilschnelle Stücke gegenüber, die den Spirit der frühen Neunziger-Phase atmen, dabei aber mit äußerst versierter Gitarrenarbeit aufwarten, die logischerweise wesentlich ausgefeilter daherkommt als zu damaligen Zeiten.

Auch das famose „Architects Of Doom“ hat ordentlich Speed auf dem Tacho, ist jedoch progressiver gehalten, wechselt gekonnt zwischen schnellen und langsameren Parts und ist zudem von verdammt eingängigen Gitarrenlicks geprägt. Aber wenn die Westfalen stets etwas besonders gut konnten war es, ihre Kompositionen ebenso komplex wie eingängig zu gestalten. Dies lässt sich auch über das eröffnende Doppelpack „Deliver Us From Evil“/„Damnation“ sagen, in dem das Quartett sogleich eindrucksvoll seine vielfältigen songschreiberischen Qualitäten beweist, inklusive großer Melodiebögen, technisch herausragender Instrumentalparts und geschickter Tempowechsel. Die schönsten, elegantesten Gitarrenläufe bietet allerdings wohl das finale, hymnische „Destiny“.

Wirklich durchschnaufen lässt sich einzig beim balladesken „Let It Be No More“, das weniger folkig ausgefallen ist als die letzten Balladen der deutschen Metalikone, sondern eher „klassisch“. Wenn man überhaupt davon sprechen kann, ist dies vielleicht der einzige leichte Schwachpunkt der Platte, aber ganz sicher auch kein Skip-Kandidat.

Alles in allem kann man bestimmt viel darüber meckern, dass Blind Guardian häufig so lange für ein neues Album brauchen (wenn man das aus dem Rahmen fallende Orchesteralbum ausklammert, waren es ganze sieben Jahre seit „Beyond The Red Mirror“), doch dafür liefern sie verlässlich qualitativ hochwertige Kost und das gilt hundertprozentig auch für „The God Machine“. Die Scheibe ist in vielerlei Hinsicht ein recht untypisches Album, das fängt schon beim für BG-Verhältnisse recht reduzierten Cover-Artwork an, geht über die generell düsterere Atmosphäre bis hin zu Komposition und Arrangements, die kunstvoll ebenso in der Vergangenheit wühlen und dennoch Neues zutage fördern. Auch singt Hansi Kürsch deutlich rauer als zuletzt. Sowohl Fans der alten Speed Metal-Zeiten als auch Anhänger der symphonischen Ära sollten hier ihre Freude haben.
 
Ein weiterer Funfact, der dieses Album etwas aus der Reihe tanzen lässt: Es gibt diesmal kein direktes Tolkien-Thema, stattdessen werden beispielsweise Arthur Millers „The Crucible“, Andrzej Sapkowskis „The Witcher“ und ein Märchen von Hans-Christian Andersen behandelt.

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