Achtung: In deinem Browser ist JavaScript entweder nicht installiert oder deaktiviert. Einige Funktionen dieser Seite stehen daher leider für dich nicht zur Verfügung.

Blind Guardian's Twilight Orchestra: Legacy Of The Dark Lands

Mutig, episch, fantastisch produziert – das lange Warten hat sich gelohnt!
Wertung: 9,5/10
Genre: Klassik/Orchestermusik/Symphonic Metal ohne Metal
Spielzeit: 75:28
Release: 08.11.2019
Label: Nuclear Blast

Als Blind Guardian im Juli vermeldeten, dass noch in diesem Jahr endgültig ihr lange geplantes Orchesteralbum herauskommen würde, dürften sich viele Fans verwundert die Augen gerieben haben. Seit dem 1998er Referenzwerk „Nightfall In Middle-Earth“ (!) ist das gute Stücke in der Mache, wurden Ideen gesammelt und über die Jahre hinweg Songs geschrieben, doch wurde eine Fertigstellung und Veröffentlichung immer und immer wieder verschoben. Ursprünglich sollte die Orchesterscheibe auch von „Herr der Ringe“, der Lieblingsbuchreihe der Krefelder handeln, doch dieser Gedanke wurde zugunsten eines ungleich spektakuläreren Vorhabens verworfen.

So geht es in „Legacy Of The Dark Lands“ nun um die beiden Freundinnen Aenlin und Tahmina sowie Nicholas, den Anführer einer Compagnie, die im Jahre 1629, als der Dreißigjährige Krieg in vollem Gange ist, aufeinandertreffen und in einer Story, die Fakten und Fiktion, Geschichte und Fantasy miteinander verknüpft, Abenteuer erleben. Das Besondere dabei ist, dass der Roman „Die dunklen Lande“ des Schriftstellers Markus Heitz, auf dem das Album basiert, auch erst in diesem Jahr erschien und quasi das Prequel zum Album darstellt. Die verschiedenen beiden Medien gehören also zusammen und bilden eine Einheit – eine interessante Arbeitsweise und in Zukunft vielleicht gar nicht mehr so ungewöhnlich.

Ungewöhnlich ist in jedem Fall für eine Metalband das ganze Album als solches – die Verbindung von Band und Orchester ist inzwischen natürlich längst nichts Neues mehr, doch eine Metalband, die ein reines Orchesteralbum produziert, dürfte es bislang wohl so noch nicht gegeben haben. Wer also trotz stets klarer Ankündigungen, dass die Platte ein reines Orchesteralbum mit Gesang und ohne E-Gitarren werden soll, Metal auf diesem Output erwartet und ohne nicht kann, braucht gar nicht erst weiterzulesen. Nicht umsonst haben die Westfalen das Werk unter dem Banner Blind Guardian’s Twilight Orchestra firmieren lassen, um auch die letzten Missverständnisse zu beseitigen.

Für ungewohnte Ohren, deren Erfahrung sich in Bezug auf Klassik bisher darauf beschränkt hat, einen Filmsoundtrack im Hintergrund laufen zu lassen, ist das viel Holz: Knapp 76 Minuten Länge und von Blind Guardian selbst im Endeffekt nur Hansi Kürsch zu hören, keine Riffs in dem Sinne – das alles gilt es erst einmal einzuordnen. Eine Aussage der Marke, „Legacy Of The Dark Lands“ wäre nur Blind Guardian ohne Metalelemente, nachdem die Band bereits auf den letzten Alben stets einen himmelhohen Bombastfaktor auffuhr, für den sie auch teilweise Kritik einsteckte („überladen“, „überambitioniert“ etc.), würde jedenfalls zu kurz greifen.

Vielmehr sind durch den fehlenden Metalanteil nun die einzelnen Orchesterfarben stärker im Fokus, was für jeden, der auch mal über den Tellerrand schaut, reizvoll sein sollte, unter Umständen sogar außerdem gerade für jene, die die letzten Alben als überproduziert betrachten. Die Guardian-Köpfe André Olbrich und Hansi Kürsch sind seit jeher ebenso für ihre Detailverliebtheit wie ihren Hang zum Perfektionismus bekannt – und eben weil keine Band vorhanden ist, die das musikalische Grundgerüst stellt, sondern (abgesehen vom Gesang) alles vom Orchester getragen wird, ist dies eine ganz andere Art des Komponierens. Auch wenn sie sich mit Adam Klemens, der bereits die Orchesterparts auf „At The Edge Of Time“ dirigierte und auch diesmal das 90-köpfige Prager Philharmonie-Orchester leitet, professionelle Unterstützung geholt haben, kann so ein Unterfangen natürlich gnadenlos scheitern, gerade wenn man seit 20 Jahren von dessen Realisierung träumt und die Erwartungshaltung mit jeder Verzögerung nicht geringer wird.

Glücklicherweise ist dies bei „Legacy Of The Dark Lands“ nicht der Fall, vielmehr hat sich das lange Warten gelohnt. Bis auf die elektrisch verstärkten Instrumente ist alles dabei – laut, leise, dramatisch, bombastisch, rührend, sanft, hart, traurig, fröhlich, hell, dunkel; welche Kraft und unendliche Klangpalette in einem Orchester steckt und dass es praktisch jede Emotion abdecken kann, wird durch das Fehlen metallischer Merkmale nur umso deutlicher.

So sei beispielsweise „Point Of No Return“ genannt, das von einer verspielten, tanzbaren Strophe über einen Breitbandrefrain bis zu orientalisch angehauchten Melodien unterschiedlichste Stimmungen zu bieten hat, die sich wunderbar ergänzen, während „In The Red Dwarf’s Tower“ mit seinen zahlreichen heiteren Sounds der Schalk im Nacken zu sitzen scheint. Wahnsinnig dramatisch und emotionsgeladen hingegen türmt sich das überragende „Nephilim“ auf, einer der Höhepunkte des Albums, ebenso feierlich wie melancholisch, dominiert von schwelgerischen Streichern, teilweise mit Bach-artigen Läufen und sogar einer Orgel versehen. Im opulenten, marschmäßigen Finale „Beyond The Wall“ beeindrucken dann die fulminanten Chöre, die Mantra-artig den Titel skandieren, während sie von mächtigen Blechbläsern untermalt werden. Definitiv besser als die gleichnamige, miese „Game Of Thrones“-Episode und trotz allen Pomps sogar eingängig.

Denn obwohl man sich bei dieser Scheibe viel erarbeiten muss: Es ist nicht so, dass man unter den symphonischen Schichten permanent nach den Hooklines suchen müsste. Das beschwingte „Dark Cloud’s Rising“ kommt entgegen seinem Titel recht locker daher und nennt den möglicherweise eingängigsten Refrain der Platte sein Eigen, auch die vorab veröffentlichte Nummer „This Storm“ oder „The Great Ordeal“ besitzen unstrittig Ohrwurmqualitäten.

Man merkt, wie viel Arbeit in diesem herausfordernden Projekt steckt und kann nur den Hut ziehen. Man muss gar nicht weiter groß Anspieltipps anpreisen – Blind Guardian’s Twilight Orchestra liefern hier schlichtweg große Kunst ab, die wirklich bis ins kleinste Detail durchdacht ist. Auch wenn klassische Komponisten ebenfalls Pate standen, hat das Ganze mehr Filmsoundtrack-Charakter, aber vielseitig und klangtechnisch variabel wird das Orchester auf jeden Fall eingesetzt. Gleichzeitig ist stets hörbar, dass hier Guardian-Songs zum Besten gegeben werden – nicht nur wegen Hansi Kürschs Stimme, die erstklassig mit dem instrumentalen Teppich harmoniert, sondern auch aufgrund mancher charakteristischer Melodiebögen und Harmonien; wen wundert’s, sind die Songs doch über Jahre hinweg entstanden. Das Orchesterprojekt färbte sogar schon vor seinem eigenen Release auf das Schaffen der Fantasy Metaller ab – jedenfalls gibt Hansi zu Protokoll, dass es einen Song wie „And Then There Was Silence“ ohne diese Idee gar nicht gegeben hätte.

Nostalgie kommt zudem bei den kurzen Hörspiel-Schnipseln zwischendurch auf, denn natürlich muss da jeder Fan an „Nightfall In Middle-Earth“ denken. Trotzdem werden nicht alle damit warm werden, denn auch wenn sie die Story zusammenhalten und die Sprecher grundsätzlich tolle Stimmen haben, wird sich der eine oder andere am teilweise arg deklamierten Stil stören („The Ritual“). Ändert insgesamt jedoch nichts an der Extraklasse dieses mutigen, epischen und fantastisch produzierten Albums, über dessen Veröffentlichung nach so vielen Jahren niemand erleichterter sein dürfte als die Band selbst. Obwohl streng genommen nur ein Viertel davon darauf zu hören ist.

comments powered by Disqus

Auch die unsägliche Informationspolitik kann einem den Spaß nicht verderben

Stimmungsvoller Abend mit zwei motivierten Bands

Spektakulärer Abend, der kaum zu übertreffen ist

Das Wochenende klingt mit Volldampf aus

 

 

„Das ist genau der Punkt, kein erhobener Zeigefinger“