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Blackfilm: Blackfilm

Dicht gewobene Klangstrukturen
Wertung: 9/10
Genre: Dark Ambient, Electronica, Avantgarde
Spielzeit: 57:42
Release: 10.12.2010
Label: Denovali Records

Wenn man Musik beschreibt oder über sie schreibt, ist man häufig gezwungen, Worte für etwas zu finden, was selbst keine Worte braucht. Um einen Eindruck von dem zu vermitteln, was auf dem eindringlich, ästhetisch gestalteten Tonträger mit dem Namen „Blackfilm“ vorhanden ist, diese dicht gewobenen Klangstrukturen in schriftlicher Form wiederzugeben, müsste man die literarischen Fähigkeiten eines Franz Kafka oder James Joyce besitzen.
Dies im Hinterkopf versuchen jedoch die kommenden Zeilen, die Schatten der Gestalt nachzuzeichnen, die in der akustischen Dimension zwischen Elektronik, Klangkonserve und architektonischem Wirken in Musik gebaut wurden.

Besonders große Freiheit ist dem Kunstwerk durch die Form gegeben: Als elektronische Musik gehört die Auflösung der Songstruktur, welche auf einen Text Rücksicht nehmen müsste, quasi zum guten Ton. Anstelle einer literarischen Idee können rhythmische Gedanken der Jazz- und Funk-Drumsamples in einer besinnlichen bis aufgebracht-emotionalen, teils düsteren Soundumgebung zum aktiven Nachdenken über Musik in Klang genutzt werden.

Das hört sich erst einmal recht philosophisch an, denn wenn man mag, so liefert diese Musik eben jene Strukturen und Freiräume, welche man in cleverer instrumentaler Musik finden kann. Doch wie bei einem guten Buch oder einer interessanten Unterhaltung mit einem guten Freund, ist die Musik nie aufdringlich verloren in Gedanken oder Aufmerksamkeit fordernd: leicht und besinnlich und doch mit Sinn zusammengefügt.

„Electronica“ ist zum Glück ein Begriff, der ein so facettenreiches Feld abdeckt, dass man Schwierigkeiten hat, in diesem Sektor auf Klangkunst mit veralteten Ideen und überholten Melodien zu stoßen. Bei Blackfilm ist der Verzicht auf eben jenes Ding, welches man „Melodie“ nennt auch ein wichtiges Element: synthetische und organische Klangtüfteleien und Rhythmen mischen sich mit Versatzstücken aus Aufnahmen, die Idee einer klagenden Violine und die Erinnerung an Klaviertropfen kommen auf, verfestigen sich zu einer deutlichen Form und werden dann wieder in den Fluss der Musik verwoben.

Im flexiblen Rahmen der elektronischen Musik gehört schon seit Längerem Erfindergeist und Experimentierfreudigkeit zum guten Ton und die zahlreichen Möglichkeiten werden so vital kombiniert, dass man zwar immer auf bekannte Effekte und Klangerscheinungen trifft, jedoch das Endprodukt immer eine sehr eigene Schrift trägt; pulsierende Bässe und Fetzen einer Cellostimme könnten auch tanzbar gestaltet sein, doch ist gerade der gelungene Spagat zwischen echter Traumwelt und elektronischer Virtualität die Signatur der Ansammlung angenehm-avantgardistischer Akustikartisten, die teilweise auch auf die Namen Amiina, Amon Tobin und Sigur Ros hören. Dieser ungeschickte Vergleich ist jedoch nur eine wage Richtungsorientierung, denn grundlegend ist zwar die Spielfreude und das Arsenal an technischen Möglichkeiten der gemeinsame Nenner, doch das Ergebnis ist stets eine Verformung des bekannten Klangraums.

Die Musik ist jedoch auch an einigen Stellen so seltsam verformt, dass man Mühe beim Hören haben könnte, wenn man nicht schon ein wenig mit dieser Art von Klangexperimenten vertraut ist. Hier hilft dann entweder das sehr bewusste Hören und Entdecken der Musik und seiner Bauelemente oder das gezielt unbewusste Hörerlebnis zur Konditionierung der Erfahrungen mit dieser Art von Musik. Wie auch in gemäßigt progressivem Jazz und Hindustanischer Musik ist es also möglich, die Struktur zu erleben oder zu verstehen – beides bietet interessante Erfahrungen, vergleichbar mit der Lektüre eines Kapitels aus Joyces „Ulysses“.

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