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Bela B.: Bingo

Durchaus akzeptabel mit seinem bunten Stilmix
Wertung: 6.5/10
Genre: Deutschrock
Spielzeit: 55:2
Release: 12.05.2006
Label: Cargo Records

die ärzte gehören wohl zweifelsohne zu den drei besten Bands Deutschlands. Da kann man es sich durchaus auch mal erlauben, nach 20 Jahren Bandkarriere ein Soloalbum aufzunehmen. Farin Urlaub hat es bereits zwei mal vorgemacht, Rod Gonzalez hat immerhin eine Single zustande gebracht und auch Bela B. war bislang eigentlich nicht untätig, immerhin gab es auch von ihm schon eine ganze Reihe von einzelnen Soloauskopplungen und Duetten ("Leave" mit Lula, "Candy" mit den Killer Barbies oder "You'll never walk alone" als Stadionhymne für den FC St. Pauli). Mit "Bingo" folgt Bela B. nun also seinem Kollegen und wagt sich mit anderem Management und neuer Plattenfirma auf den steinigen Weg der Solokarriere.

Dabei verzichtet Bela B. auch diesmal nicht auf Duette. Neben der schon bekannten Lula schafften es auch Charlotte Roche ("1.2.3. ...") und Lee Hazlewood ("Lee Hazlewood & das erste Lied des Tages"), seinerseits Countrylegende ("These Boots Are Made For Walking") und immerhin bald stolze 77 Lenzen alt, auf dieses Werk. Anders als Kollege Urlaub verließ sich Bela B. jedoch nicht allein auf seine eigenen Fähigkeiten, sondern holte sich für die Aufnahmen mit Olsen Involtini und Wayne Jackson zwei hochkarätige Mitstreiter ins Boot.

Neben aufnahmetechnischen Kenntnissen brachten Involtini und Jackson (sowie Lula) auch musikalische und textliche Einflüsse ein. Dies führt dazu, daß sich Bela B.'s Soloalbum deutlich mehr vom typischen die ärzte-Sound abgrenzt als Farin Urlaub's Solo-Eskapaden, denen man allzu oft zutraut, auch auf ein die ärzte-Album zu passen. "Bingo" enthält viele ehrliche Texte, viel Experimentierfreudigkeit und einen leichten Schuss Ironie. Musikalisch geht das Album von Punkrock bis hin zu Country und Glamrock.

Nach einem opulenten Intro startet Deutschlands bekanntester Schlagzeuger mit "Gitarre runter" gleich mal einen direkten Rundumschlag gegen die "kleinen feuchten Griffbrettgucker", Gitarristen also, die ihrer Gitarre höher als hoch schnallen. Da Bela B. jüngst in einem Interview verlauten ließ, die Arctic Monkeys zu hören - bekanntermaßen eine offensichtliche "Griffbrettgucker-Band" - verliert dieser Song ein wenig an Authenzität, auch wenn Herr Felsenheimer es auf der Bühne durchaus versteht, den Text dieses Liedes auch optisch zu unterstreichen. Musikalisch fühlt man sich zu Beginn des Liedes ein wenig an die Ramones erinnert.

Erinnerungen kommen auch bei anderen Songs hoch. "Der Vampir mit dem Colt" erinnert anfänglich ein wenig an die Geschichte des Erlkönigs. Musikalisch erinnert es an "El Cattivo" von Bela's Stammband, textlich und auch melodiös streckenweise sehr an Farin Urlaub's "Dermitder" ("Man weiß nicht, wer er ist" gegen "Man weiß nicht, wo er her kommt"). Auch die Düsseldorfer Kollegen von den Toten Hosen lassen sich mit etwas Fantasie erkennen. Der Beginn von "Versuchs doch mal mit mir" erinnert ziemlich an "Auswärtsspiel" eben jener Band. Ferner geht es dann unterschwellig in der Melodie von Johnny Cash's "Ring of Fire" weiter.

Hab keine Angst" mündet dann schließlich in die offensichtlichste, aber von Bela B. am vehmentesten geleugnete Ähnlichkeit: Melodie und Gesang erinnern stark an "Where The Wild Roses Grow" von Kylie Minogue und Nick Cave. Der Autor sagt, die einzige Gemeinsamkeit seien die Mandolinen und der Duettstil. Ohne Bela B. & Lula ein Plagiat vorwerfen zu wollen, sind dort schon weit mehr als nur diese beiden Aspekte zu entdecken. Vom Künstler ausdrücklich erwähnt wird jedoch das "Da Da Da"-Sample zu Beginn vom "ZappingsonG". Zusammenfassend kann man an dieser Stelle wohl ein Zitat aus "Traumfrau" anbringen: "Ich stehe auf der Bühne und die Menge jubelt laut / Und während ich so singe, merk ich: Hey, das ist geklaut."

Neben diesen vielen "Inspirationen" fließen in die "Bingo"-Texte, wie bereits erwähnt, auch viele persönliche Umstände ein. Als auf persönlicher Ebene textlich besonders herausstechend sind hier die Songs "Irgendetwas bleibt", "Letzter Tag" und "Sie hat was vermisst" (allerdings mit der plattesten Zeile des gesamten Albums: "So hat sie sich entfernt, sie wurde kastig wie Bernd") zu nennen. "Wiehr thind sssuper" und "ZappingsonG" richten sich gegen die gegenwärtige Fernseh- und Lebensmentalität der Deutschen. Speziell wird hier die Kommerzialisierung des TV-Programms und die "Du bist Deutschland"-Kampagne beklagt.

Bela B. versteht es, mit diesem Album sowohl die typische die ärzte-Hörerschaft wie auch völlig neue Zielgruppen anzusprechen. Mit einem überwiegend völlig neuen Sound und überraschend ehrlichen und persönlichen Texten, gepaart mit einem klar zu erkennenden Las Vegas-Touch, erschafft sich Bela B. mit "Bingo" eine Solokarriere, der man - im Gegensatz zu der Farin Urlaub's - nicht vorwerfen kann, einem die Ärzte-Album die Songs zu stehlen. Der Sound ist natürlich gewöhnungsbedürftig und eigentlich hat man auch ein wesentlich dunkleres Album erwartet, aber alles in allem ist dieses Album durchaus akzeptabel, trifft aber mit seinem bunten Stilmix bei weitem nicht mit jedem Song den Geschmack des geneigten Hörers.

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