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Bela B.& Balzac: Der Graf vs. Horrorpunks

Felsenheimer und die Horrorpunks
Wertung: 7/10
Genre: Punkrock, Akustikrock
Spielzeit: 14:50
Release: 27.04.2007
Label: Gan Shin Records

Die Ärzte - Drummer Bela B. ist ja bekanntlich ein sehr umtriebiger Mensch: Ob nun als Bandmusiker, Solokünstler, Schauspieler, Synchronsprecher oder mitwirkender bei Hörbüchern = Bela B. (alias Dirk Felsenheimer) ist immer zu einer neuen Schandtat bereit.

Dennoch gelingt es dem charismatischen Berliner immer wieder aufs Neue noch eine weitere Schippe oben draufzupacken und seine breit gefächerte Anhängerschaft mit neuen Idee und Projekten zu überraschen... Jüngstes Beispiel ist hierbei die gemeinsame Zusammenarbeit Felsenheimers mit den japanischen „Horrorpunks“ von Balzac: Heraus kam dabei die nun vorliegende 4-Track-Splitt-EP “Der Graf vs. Horrorpunks“.

Der Grundgedanke dieser Kollaboration ist im Grunde so simpel wie skurril: So coverten Balzac zwei Songs von Bela´s aktuellen Soloalbum “Bingo“; und Mr. Felsenheimer nahm sich im Gegenzug zwei Pogo-Knüller von Balzac zur Brust und formte seine ureigenen Interpretationen daraus.

Allerdings werden die ersten Zweifler nun zu Recht anmerken, wie diese (vorläufig theoretische) Koproduktion in der Praxis aussehen mag? Schließlich ist die deutsche Sprache in kurzer Zeit ebenso wenig zu erlernen wie die japanische... Doch bekanntlich soll man niemals nie sagen und zumindest einen Bela B. niemals unterschätzen!

Doch beschäftigen wir uns erst einmal mit den beiden Balzac Covervarianten von “Tag im Schutzumschlag“ (= “The Day with Dust Cover“) und “Versuchs doch mal mit mir“ (= “So Why not Try Me Instead“). Wie schon angedeutet singt das japanische Quartett nicht in deutscher Landessprache, sondern ganz klassisch auf Englisch. Entsprechend sollen die textlichen Inhalte eher Nebensache sein (da zumeist eh schon bekannt); weswegen sich das Hauptaugenmerk auf die musikalische Umsetzung richtet: Während Bela´s Versionen im Original eher eine gediegene Mischung aus melodischen Pop- und Rock Attitüden darstellen, geben Hirosuke und Gefolgschaft ordentlich Tempo vor und preschen in bester Anarchisten Manier nach vorn!

“So Why not Try Me Instead“ ist nicht nur der Eröffnungstrack dieser Splitt-EP, sondern zugleich auch der punkigste und Ohrwurmlastigste: In nicht einmal drei Minuten Spielzeit fabrizieren Balzac ein extrem gelungenes Crossover aus rotzigen Old-School Punkriffs der 80er Jahre mit melodisch-modernen Einschlägen der hiesigen J-Rock Szene! Der nachfolgende “The Day with Dust Cover“ erweist sich zwar als deutlich experimenteller; ist aber in seiner Zusammenkunft aus Elektrosounds und Punkrock doch deutlich zu überladen und unnötig verschachtelt aufgebaut. So beginnt der Song zwar zu anfangs noch sehr rhythmisch und druckvoll, verliert sich dann aber allzu schnell in unnötigen Spielereien und Soundcollagen. Hier wäre weniger vielleicht mehr gewesen; aber dennoch trotz allem keine wirkliche Enttäuschung im Gesamtbild.

Aber nun zum „Grafen“ Bela B. himself: Mag Bela sicherlich nicht wenigen Fans mit seinem Soloausflug “Bingo“ vor den Kopf gestoßen haben (vielen war das Album einfach zu „poppig“ ausgefallen), so muss man dennoch vor seiner aktiven Experimentierfreudigkeit den Hut ziehen: So hat er es sich auch nicht nehmen lassen, genau das zu machen, was wohl niemand zuerst von ihm erwarten würde: Nämlich zum größten Teil rein akustische Versionen aus den beiden Balzac Punk-Smashern “Wall“ und “Tomorrow“ zu kreieren!

Auch ist insbesondere Bela´s musikalische Fassung von “Wall“ als wahrlich „multikulturell“ zu bezeichnen: Singt der Maestro doch hier selbst in den drei(!) Sprachen Deutsch, Englisch und Japanisch! Lediglich begleitet von seiner Akustikgitarre und einem subtilen 70er Jahre Synthesizerklangteppich, intoniert Bela die japanischen Strophen mit einer beachtlichen Souveränität und Unverkrampftheit, wie man sie so von ihm wohl nie erwartet hätte... Sicherlich mag sich gerade bei den ersten Hördurchgängen die japanische Aussprache aus Bela´s Munde sehr befremdlich anhören. Doch hat man sich erst einmal daran gewöhnt, funktioniert der Song erstaunlich gut! Der hingegen komplett in Englisch gehaltene “Tomorrow“, ist wie auch schon “Wall“ eine eher ruhigere Angelegenheit. Zusätzlich hat sich Bela hier aber noch gesanglich mit seiner Muse Lula verstärkt - So ertönt “Tomorrow“ erstmals als gemütliches Duett, ganz ohne unnötige Effekthascherei und Ausreisserversuche: Eben eine sehr gradlinige Komposition für einen wohligen Feierabendspaziergang unter klarem Sternenhimmel...

Fazit: Sicherlich wird diese Symbiose aus verspieltem J-Rock und minimalem Akustikgewand nicht Jedermanns Sache sein. Dem ist wohl gewiss... Aber dennoch sollte man dabei nie vergessen, dass es sich bei der vorliegenden EP “Der Graf vs. Horrorpunks“ um ein respektvolles Austauschen zweier Kapellen an Vollblutmusikern handelt. Ein Austausch, der neben seinem individuellen Anspruch aber auch ein deutliches (ganz ironisches) Augenzwinkern parat hält.

Alles im Allem unterhält die Splitt-EP wirklich gute 15 Minuten seine bunt gemischte Hörerschaft und man darf mit Sicherheit darauf gespannt sein, ob diese musikalische Fusion auch in Zukunft noch weitere Früchte tragen wird... Wir sind jedenfalls darauf gespannt!

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