Achtung: In deinem Browser ist JavaScript entweder nicht installiert oder deaktiviert. Einige Funktionen dieser Seite stehen daher leider für dich nicht zur Verfügung.

Beardfish: Sleeping in Traffic: Part One

Der mehr als gelungene Einstand einer talentierten Band
Wertung: 9/10
Genre: Progressive Rock
Spielzeit: 65:59
Release: 18.05.2007
Label: InsideOut Music GmbH

Ein traurig dreinblickender Mann stapft durch den Sturm – an der Leine ein bärtiger Fisch. Dieses Motiv ziert das Cover der CD „Sleeping In Traffic: Part One“, dem quasi offiziellen Debüt der Schweden Beardfish. Quasi deshalb, da die Band bereits zwei Silberscheiben in Eigenregie veröffentlicht hat. Zurück zum traurigen Männlein.

Wer jetzt auf Indiemusik oder Gothic tippt, liegt - wie sollte es anders sein – falsch. Unser Bartfisch widmet sich 11 wunderschöne Lieder lang in Gänze dem progressiven Rock. Die vier Jungspunde nehmen uns in ein Zeitalter mit, das irgendwo Mitte der Sechziger beginnt und ein Jahrzehnt später endet. Zwischen den Polen/Gegenpolen Gentle Giant und Frank Zappa, den Beatles und Hoelderlin (deutsche Progrock – Band der 70-er), Genesis und King Crimson, Camel und Supertramp bewegt sich die Band mit einer derart traumwandlerischen Sicherheit, dass ich bereit bin zu glauben, das Album stamme aus dieser Ära. Hier wird, wie sollte es anders sein, nicht kopiert, sondern „zitiert“ und neu zusammengesetzt. So entwickelt der Vierer seinen eigenen Klangkosmos. Diesen ergänzt man um Einflüsse aus Jazz, Psychedelic und Canterbury – Schule/Sound (hierzu bitte bei Wikipedia nachschlagen). All das fügt sich zu einem neuen und großen Ganzen zusammen.

Meine Begeisterung ob der Verschrobenheit der musikalischen Ideen, Sounds und Arrangements kennt keine Grenzen. Es lebe die bereits erwähnte Epoche. Mein erster Favorit ist das mit einem Akkordeon beginnende „... On The Verge Of Sanity“ (Titel 1). Nach dieser kurzen Einführung bricht fast der Sturm los. Gitarre, Orgel und Schlagzeug kreieren ein prächtiges Frühsiebziger Soundgefüge, über das sich alsbald die Stimme von Rikard Sjöblom legt. Der Gute erinnert mich an den Sänger von Canned Heat (Bob Hite), auch wenn er längst nicht so hoch singt. Aber dieses wunderbare Timbre! Nach knapp sechs Minuten wird erst mal ordentlich an den Knöpfchen der Synthies gedreht und tolle Klänge herbeigezaubert. Bevor aber alles in Harmonie versinkt, jagt der Sänger sein Organ durch den Verzerrer. Der Song endet in einem Auf-/Schrei.

Nummer zwei (Titel 5) nennt sich „Roulette“. Hier erinnern sie an zwei viel zu früh in Vergessenheit geratene Bands der Siebziger. Supertramp und Camel treffen aufeinander. Ihr Stelldichein wird zum Gipfeltreffen. Nach einem lebhaften Auftakt schleicht sich die Melodie zart und sanft ins Ohr. Hervorragend, wie man immer wieder Clavinet und Orgel zum Einsatz bringt. Rockige Ausbrüche, witzige Gitarrenlicks und ein wunderbar melodischer und dominanter Bass runden alles ab. Im letzten Drittel darf David Zackrisson an den Sechssaiten ein paar Yes – Einflüsse einstreuen. Und schwups – eh man sich’s versieht – ist das Akkordeon wieder da. Und es passt dazu. Irre – grandios!

Der Dritte im Bunde ist die ans Herz gehende Piano – Ballade „Dark Poet“ (Titel 6). Dieses musikalische Kleinod hätte glatt aus der Feder der Beatles stammen können. Ich bin begeistert und mir bleibt doch wirklich der Mund offen stehen.

„Without You“ (Titel 10) und „Same Old Song“ (Titel 11) bilden den Abschluss der CD. Sie sind ein perfektes Doppel. „Without You“ startet mit gezupfter akustischer Gitarre. Darüber legt sich der Gesang. Still und zärtlich streichelt Dich die Weise. Herrlich! Der immer wieder gleiche Song ist ebenfalls ein Vertreter der ruhigen Art. Elektrische Gitarre, verhaltene Perkussion und die abermals bandtypisch-prägnanten Orgelklänge bilden das Grundgerüst. Ich fühle mich an die Anfangstage von Genesis erinnert. Um das Ganze aufzulockern/abzurunden, werden ein paar Jazzelemente eingestreut. Außerdem werde ich den Eindruck nicht los, dass Bassist Robert Hansen der Name Greg Lake nicht gänzlich unbekannt ist.

Um Missverständnissen vorzubeugen: Die gesamte CD bewegt sich auf einem extrem hohen Niveau – kompositorisch, musikalisch und handwerklich. Meine Favoritenauswahl ist rein willkürlich. Sie reflektiert nur die momentan bevorzugten Stücke.

Ein weiterer, für mich wichtiger Punkt ist die Tatsache, dass in allen Liedern ein gesundes Maß an Melancholie mitschwingt. Es passt hervorragend zu den einzelnen Kompositionen und verleiht der CD ein besonderes Flair.

Fazit: „SIT:PO“ ist der mehr als gelungene Einstand einer talentierten Band, von der wir in Zukunft hoffentlich weiterhin nur Gutes zu hören bekommen.

comments powered by Disqus