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Beardfish: Mammoth

Neben den beiden "Sleeping In Traffic"-Platten das beste Album bisher
Wertung: 9.5/10
Genre: Progressive Rock
Spielzeit: 52:13
Release: 25.03.2011
Label: InsideOut

Spieglein, Spieglein an der Wand, wer ist die beste Retro-Prog-Band im Land? Oder sagen wir besser: in der Welt insgesamt? Oder irgendwie so ähnlich... Jedenfalls kann die Antwort darauf eigentlich nur Beardfish lauten. Von allen aktuellen Combos, die sich auf alten Siebziger-Prog beziehen, sind die Schweden die originellste, erfrischendste, spiel- und experimentierfreudigste, und noch dazu die witzigste. Während man einigen alten Größen von damals wie Yes oder ELP gerne mal Hang zur Megalomanie attestierte, wirkt diese Truppe durch ihren kauzigen, Zappa-esken Humor, der sich sowohl musikalisch als auch lyrisch niederschlägt, ungleich bodenständiger. Allerdings ist sie auch deutlich mehr an Gruppen wie King Crimson, Gentle Giant, Genesis und Camel angelehnt anstatt den orchestralen Bandbreiten-Sound à la, nun ja, Yes oder ELP.

Alles, was das schwedische Quartett bisher fabriziert hat, hatte Hand und Fuß, seine große Stärke lag darin, trotz ausufernder Kompositionen, die – wie Falle von „Sleeping In Traffic“ – auch mal die 30-Minuten-Grenze sprengen konnten und mit allerhand interessanten, sich erst nach mehreren Durchläufen offenbarenden versteckten Details gespickt waren, immer mit nachvollziehbaren Songstrukturen aufzuwarten und vor allem Melodien zu kreieren, die auch auf Dauer hängen bleiben. In jedem Fall ist die Band ein Beweis dafür, dass der Spirit des alten Prog Rock immer noch lebt, vielleicht sogar lebendiger denn je ist. Gruppen, die alt, aber nicht altbacken klingen, braucht die Szene ja auch, wo alles immer mehr technisiert wird und so viele Leute meinen, nur weil sie in ihrem Leben mal zwei Akkorde auf der Gitarre gelernt haben, müssten sie ihre so genannten musikalischen Ergüsse unbedingt im stillen Kämmerlein aufnehmen und auf die Menschheit loslassen, und in Zeiten, wo viele dem Trugschluss auferlegen sind, eine Produktion, die knallt, sei gleichzeitig automatisch auch gut.

Wie auch immer, auch auf ihrem sechsten Studioalbum „Mammoth“ (benannt nach der Aussage des Gitarristen David Zackrisson, Mammuts seien wohl seine Lieblingstiere – und da hat er recht, die ausgestorbenen, aber knuffig wirkenden Zottelriesen muss man einfach mögen) proggen sich Beardfish wieder durch die Botanik, dass es eine wahre Freude ist. Laut Bandchef, Songwriter, Sänger, Keyboarder und Gitarrist Rikard Sjöblom soll das neue Album rauer und härter als das bisherige Material geworden sein – diese Feststellung lässt sich zumindest nach meiner Auffassung allerdings nur teilweise bestätigen. Zwar sind an einigen Stellen ein paar ruppigere, Metal-mäßige Vocals, für die man sich sogar einen Gastsänger ins Studio holte, zu verzeichnen, doch gab es bereits auf „Destined Solitaire“ ein paar Growls, und dieses Experiment ging damals ziemlich in die Hose.

So gesehen waren vielleicht sogar eher auf dem Vorgänger noch härtere Momente zu finden, doch egal, ob nun härter oder nicht, eins bieten Beardfish auch anno 2011: schlichtweg gute Musik. Allein das Herzstück, das 15-Minuten-Epos „And The Stone Said: If I Could Speak“ ist so voller toller Ideen, dass man aus dem Staunen gar nicht mehr herauskommt. Dabei verlieren die Bartfische erneut nicht das Wesentliche aus den Augen, nämlich das Songwriting. Vielmehr verlässt man sich auf eine prägnante Saxophon-Melodie und einprägsame Gesangslinien, die den roten Faden für dieses, ähem, Mammutstück bilden. Zwischen begeisternden Prog-Eruptionen wird immer nachvollziehbar und clever zu diesen Fixpunkten zurückgeleitet und es bleibt ein sprachloser und gefesselter Hörer. Kein Wunder, dass Mike Portnoy so angetan von der Mucke der Truppe ist.

Aber schon der Opener „The Platform“ begeistert vom ersten Ton an. Eine sehnsüchtige und melancholisch angehauchte Mainmelodie bildet die Basis, dazwischen darf sich die Instrumentalfraktion austoben und warme Mellotron-Sounds vermitteln nostalgisches Seventies-Prog-Flair. Auf ganz andere Weise tut dies auch die wunderbar fluffig-leichte Ballade „Tightrope“, welche im Refrain regelrecht tänzerisch anmutet, dabei aber dennoch einen psychedelischen Charakter besitzt.

Ein Track wie „Green Waves“ hingegen schafft einen deutlichen Kontrast: Vielleicht wegen dieses Songs kam Sjöblom zu der Ansicht, die neue Platte sei härter als sämtliche vorherigen Outputs, denn hier agiert die Band schon ziemlich klar Riff-lastiger und düsterer als man es bisher von ihr gewohnt war – aber das Metal-Element ist den Jungs auch wichtig, wie nicht nur die erwähnten Growls auf der letzten Scheibe gezeigt haben, sondern wie auch ihre eigene Aussage, sie seien mit Metal aufgewachsen, belegt.

Vielseitig- und Wandlungsfähigkeit wird also wieder groß geschrieben im Hause Beardfish: Auf diese sicherlich etwas zähere, aber ebenfalls zweifellos ganz starke Nummer folgt mit „Outside/Inside“ (das nicht umsonst so betitelt wurde) ein smoothes, wiederum wunderbar leicht anmutendes Pianoinstrumental, dem mit dem abgefahrenen und mitreißenden „Akakabotu“, bei dem die Hammondorgel wummert, das Saxophon wieder eine Hauptrolle übernehmen darf und man zwischen entspannten Jazz- und kratzbürstigen Rocksounds wechselt, ein weiteres Instrumental nachgeschoben wird. Doch damit nicht genug: Im finalen „Without Saying Anything“, das vom Klavier getragen wird, greift Sjöblom wieder zum Mikro und man fragt sich, obwohl einem immer noch die Saxophonmelodie von „Akakabotu“ im Kopf herumspukt, woher dieser Mensch die Einfälle für diese zahllosen außergewöhnlich guten und schönen Gesangslinien nimmt – es ist immer wieder ein Phänomen, mal abgesehen von der Natürlichkeit der Stimme selbst.

Keine Frage: Beardfish ziehen auch auf ihrer neuen Langrille ein kreatives Feuerwerk ab, „Mammoth“ ist neben den grandiosen „Sleeping In Traffic“-Scheiben das beste Album bisher geworden. Abwechslung, Experimentierfreudigkeit, gutes Songwriting, tolle Gesangslinien und eine spritzige Instrumentalabteilung runden das Ganze zu einer lupenreinen 9,5-Punkte-Platte ab, und man kann nur hoffen, dass diese großartige Band noch viele solcher großartigen Alben herausbringen wird.

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