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Ayreon: Transitus

Für Ayreon-Verhältnisse ein wenig enttäuschend
Wertung: 7/10
Genre: Progressive Metal
Spielzeit: 80:50
Release: 25.09.2020
Label: Mascot

Mit „The Source“ war Arjen Anthony Lucassen 2017 wieder zu seinem präferierten Thema Science-Fiction zurückgekehrt, nachdem „The Theory Of Everything“ (2013) zuvor einen Abstecher in die Gegenwart darstellte – eigentlich nur logisch, dass der Niederländer sich nun eine Geschichte ausgedacht hat, die in der Vergangenheit spielt: „Transitus“ ist im Jahr 1884 angesiedelt, im Mittelpunkt stehen Abby und Daniel, ein schwer verliebtes junges Paar, deren unterschiedliche gesellschaftlichen Stände es ihnen nicht erlauben, ihre Beziehung frei auszuleben. Ein solches Szenario ist beileibe nicht originell, sondern vielmehr ziemlich abgegriffen, allerdings hat Lucassen das Ganze mit einer Art Gothic-/Horrorstory verwoben, die sich nach und nach entfaltet.

Zumindest im Ayreon-Kosmos ist dies ein Novum; das zusätzliche Comicbuch in der Deluxe-Edition ebenso – noch bevor der erste Ton erklungen ist, müssen daher bereits ein paar kritische Töne laut werden: Die Standardausgabe wurde offenkundig arg vernachlässigt, denn es sind keine Texte im Booklet abgedruckt und auch wenn man Lyrics heutzutage ruckzuck im Internet nachgucken kann, ist das ein erheblicher Minuspunkt. Bei einem Ayreon-Album gehören abgedruckte Texte gefälligst dazu, weil es sich stets um Konzeptstorys handelt, die man gerne beim Hören der Musik mitliest. Und zwar stilvoll mit Booklet und nicht vor einem digitalen Bildschirm.

Nichtsdestotrotz soll der Fokus selbstverständlich in erster Linie auf die Musik gerichtet sein und auch hier geht der holländische Prog-Guru ein wenig anders vor als auf den bisherigen Ayreon-Veröffentlichungen. Klar, Musical-ähnliche Anleihen gab es schon immer, doch diesmal wird dieser Einfluss um einiges stärker ausgereizt. Der Kitschfaktor ist deutlich höher und die Songs stehen weniger für sich als zuletzt und gehen mehr ineinander über. Das Gothic-Setting wird zu Beginn des eröffnenden Zehnminüters „Fatum Horrificum“, in dem die wichtigsten Themen vorgestellt werden, mittels düsterer Sounds atmosphärisch etabliert.    

Hier tritt auch Tom Baker (der von 1974 bis 1981 die Rolle des „Dr. Who“ in der gleichnamigen Serie verkörperte – sicherlich ein Fang, auf den Lucassen sehr stolz ist) als Erzähler erstmals auf den Plan. Und obwohl seine Stimme zweifellos Charisma hat, erweist sich dieses Element recht bald als eher irritierend. Obwohl durch die teilweise fließenden Übergänge eigentlich ja mehr Zusammenhang zwischen den Stücken entstehen sollte, reißen die ständigen Erzähleinschübe die Chose auseinander und sind für den Flow eher störend, mal abgesehen davon, dass Baker des Öfteren den Hang zu übertriebener Deklamation offenbart.

Hauptsächlich mangelt es jedoch an wirklich zündenden kompositorischen Ideen. Dass Arjen hier mal etwas anderes ausprobieren wollte, ist ja grundsätzlich begrüßenswert, nur will der Funke häufig nicht überspringen, zumal sich im Endeffekt (nur eben etwas anders verpackt) dann doch wieder die typischen Melodien und Riffs wiederfinden – „Talk Of The Town“ wirkt gar fast wie ein Aufguss des Star One-Hits „Digital Rain“. Trotzdem gehört gerade jene Nummer zum stärkeren Material auf „Transitus“, da Lucassen hier clever verschiedene bekannte Komponenten wie Folk, Rock und Bombast vereint und der Track ziemlich eingängig geraten ist.

Des Weiteren hat der Meister insbesondere hier mit Paul Manzi ein echtes Ass im Ärmel, denn der Ex-Arena-Vokalakrobat singt Henry, Daniels hinterhältigen Bruder, der Abbys und Daniels Affäre dem Vater petzt, mit wunderbarer Verschlagenheit. Dass Lucassen jedoch schon immer ein Händchen bei der Besetzung seiner Rollen hatte, dürfte nichts Neues sein: Mit Oceans Of Slumber-Sirene Cammie Gilbert, die einfach eine unfassbare Stimme besitzt, und Kamelot-Fronter Tommy Karevik, der im Gegensatz zu Cammie und Paul nicht zum ersten Mal bei einer Ayreon-Platte dabei ist, hat er beim Casting der beiden Hauptrollen erneut den richtigen Riecher bewiesen.

Klasse ist auch der markige Auftritt von Twisted Sisters Dee Snider als Daniels erzürnter Vater in „Get Out! Now!“, einem weiteren definitiven Highlight des inzwischen zehnten Ayreon-Studiowerkes, bei dem sich außerdem Gitarren-Superstar Joe Satriani mit einem spektakulären Solo hervortun kann. Die rockigen, härteren Stücke sind tatsächlich auch ohne Wenn und Aber die gelungensten Momente auf „Transitus“: Der flotte Opener der zweiten CD, „Condemned Without A Trial“, kann ebenso überzeugen wie die Spaßnummer „This Human Equation“, dessen Titel allein schon ein augenzwinkerndes Bonbon für alle Ayreon-Fans markiert.

In Form von „Message From Beyond“ ist dann aber doch ein Stück absolut herausragend: Riff und Gesangslinien allein fesseln schon vom ersten Moment, der anschließende Jazzpart jedoch ist an Coolness kaum zu überbieten und Marty Friedmans (u.a. Ex-Megadeth) grandioses Gastgitarrensolo setzt dem Ganzen dann die Krone auf. Leider findet sich zwischendurch auch einiges an Stückwerk wieder, das recht unscheinbar vor sich hinplätschert, abgesehen vom erwähnten Kitsch und dem oft anstrengenden Erzählstil Bakers.

Natürlich ist das alles gut gemacht: Die Darbietungen sämtlicher beteiligter Musiker lassen keine Wünsche offen (bemerkenswert vor allem: Juan van Emmerloot am Schlagzeug – sonst war es bekanntlich seit jeher Ed Warby, der diesmal aus Zeitgründen passen musste, sowie Johanne James als Abraham, Abbys Vater – James ist ja weniger als Sänger, sondern in erster Linie als Drummer von Threshold bekannt), neben den „Neulingen“ Cammie Gilbert oder Paul Manzi sind auch alte Bekannte wie Simone Simons, Marcela Bovio und Michael Mills zu hören und wie mit wiederkehrenden Motiven gearbeitet wird, ist schon kompetent. Andererseits sind das Dinge, die man bei einem Ausnahmekünstler wie Arjen Lucassen ohnehin von Anfang an erwartet.

„Transitus“ ist deswegen auch keine schlechte Platte, allenfalls etwas enttäuschend und im Ayreon-Universum eher weiter unten anzusiedeln. Auf jeden Fall wird man dieses Werk in Zukunft sicherlich weitaus seltener auflegen als die alten Klassiker à la „The Human Equation“ oder „01011001“ und auch gegen Avantasias aktuelle Scheibe „Moonglow“ zieht „Transitus“ deutlich den kürzeren.

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