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Avatarium: The Fire I Long For

Auch das vierte Album kann vollends überzeugen
Wertung: 9/10
Genre: Doom/Classic Rock
Spielzeit: 44:03
Release: 22.11.2019
Label: Nuclear Blast

Wie hungrig Avatarium sind, mit der Welt ihre Musik zu teilen, zeigt allein die Tatsache, dass die Band mit „The Fire I Long For“ ihr viertes Full-Length-Album seit 2013 veröffentlicht, also schön im regelmäßigen Zweijahresrhythmus – und bislang waren alle Platten mindestens stark bis überragend. Seit der letzten Scheibe „Hurricanes And Halos“ hat sich im Line-up der Schweden wieder eine Veränderung zugetragen: So sitzt hinter dem Drum-Set seit kurzem Andreas Johansson, der den abgewanderten Lars Sköld ersetzt – der Bandgründer und bisherige Hauptsongwriter Leif Edling hat sich ja bereits seit eben jener 2017er Platte mehr und mehr in den Hintergrund zurückgezogen, allerdings auch dort noch den Löwenanteil der Kompositionen übernommen.

Dies hat sich auf dem aktuellen Output geändert, auf dem die Basslegende lediglich drei Lieder beigetragen hat, während der Rest vom Ehepaar Jennie-Ann Smith (Gesang) und Marcus Jidell (Gitarre) verfasst wurde, den Aushängeschildern der Band. Da sie bereits auf der letzten Platte mit „Road To Jerusalem“ und „When Breath Turns To Air“ zwei überzeugende Nummern ablieferten, war die spannende Frage, ob das Duo diese Qualität auch über die Distanz fast eines gesamten Albums würde halten können.

Spoiler-Alarm: Sie können! Nachdem „Hurricanes And Halos“ im Gegensatz zu den beiden Doom-lastigen ersten Werken eher in die Vintage/Classic Rock-Ecke tendierte, herrscht auf „The Fire I Long For“ eher eine ausgewogene Mischung aus beidem vor, hier und da garniert mit leicht psychedelischen Elementen. Beeindruckend ist zunächst schon einmal die Produktion, die Jidell erneut selbst übernommen hat – organisch, warm, kraftvoll; besser kann man diese Art Musik einfach nicht in Szene setzen.  

Gleich die erste Akkordfolge des doomig-schleppenden und mystisch anmutenden Openers „Voices“ strotzt vor Power, darüber legt sich alsbald die gleichsam kernige wie ästhetische Stimme von Jennie-Ann – und sofort befindet man sich unverkennbar im Avatarium-Kosmos. Eine Jon Lord-Gedächtnisorgel im zweiten Teil sorgt für leichte Classic Rock-Einsprengsel – ein sehr gelungener Einstieg, der zeigt, dass Smith und Jidell inzwischen einiges in Sachen Killerriffs von ihrem Mentor gelernt haben. „Rubicon“, bereits vorab veröffentlicht, kommt danach rockiger und leichter daher, und besticht mit einem spektakulär eingängigen Refrain.

Die absoluten Highlights jedoch finden sich in der zweiten Hälfte wieder: Da ist zunächst das ätherische „Great Beyond“, das von der Atmosphäre her eher mit Led Zeppelins „Kashmir“ anstatt dem gleichnamigen R.E.M.-Song zu tun hat und dem Titel gemäß tatsächlich wie ein Strudel in jenseitige Sphären anmutet. Wieder ein fantastischer, aufblühender Refrain und im Endpart Gitarrenwände dicker als die Mauern eines Bunkers, gekrönt von einem tollen Slidegitarrensolo; das ist großes Kino, doch mit dem alles überragenden Titelstück soll es noch besser kommen. Von einer schwermütigen, eindringlichen und zeremoniell-feierlichen Stimmung geprägt und trotzdem sehr eingängig, glänzt Jidell bei dieser grandiosen Nummer mit herausragenden Gitarrenlicks und einem wahnsinnig gefühlvollen Solo.

Aber auch Smiths Sangeskünste müssen unbedingt noch einmal extra erwähnt werden: Wie sie zwischen Rockröhre und zerbrechlicher Emotionalität wechselt, sucht seinesgleichen. In der wundervollen Abschlussballade „Stars They Move“, die nur von Klavier und ihrer Stimme getragen wird, singt sie derart schön und makellos, dass einem buchstäblich der Atem stockt. Auch die zweite Ballade „Lay Me Down“, mit ihren Akustikgitarren schwebend wie eine Feder und mit hübschen Harmoniegesängen im Chorus ausgestattet (wahrscheinlich von Jidell), ist schlicht zauberhaft – Avatarium zeigen somit erneut, dass sie auch diese Disziplin meisterlich beherrschen, Kitsch fabrizieren andere.

Keine Frage also, dass die Schweden auch mit dem vierten Album ein ganz starkes Stück Musik abliefern. Vor allem Smith und Jidell beweisen, dass sie sich von Leif Edling endgültig freigeschwommen haben; möglicherweise kein Zufall, dass ihre Songs mittlerweile stärker und intensiver als die des Meisters sind, dennoch handelt es sich bei „Porcelain Skull“ und dem hymnischen „Epitaph Of Heroes“, die wie „Voices“ zur doomigen Fraktion der Platte gehören (die dritte Edling-Komposition bildet das zuvor erwähnte, sanfte Finale „Stars They Move“), ebenfalls um prima Material, das sich bestens mit dem Rest der Scheibe ergänzt.

Einzig „Shake That Demon“ fällt qualitativ etwas deutlicher ab; ohne wirklich schlecht zu sein, klingt diese Uptempo-Nummer ein bisschen nach Deep Purple- oder Uriah Heep-B-Ware. Insgesamt aber ist es faszinierend zu sehen, wie Avatarium sich immer weiterentwickeln und dabei stets Qualität servieren. Hier muss jeder Fan der Band und von zeitgemäß produziertem und trotz klar hörbaren Einflusses der üblichen Verdächtigen Purple, Sabbath, Rainbow und Zeppelin total eigenständigem Classic Rock zuschlagen. Was für ein starkes Musikjahr 2019 doch ist!

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