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Attic: Sanctimonious

Sakrale Unschuld eines farbigen, sommerlich schwarzen Seelenstriptease
Wertung: 9/10
Genre: Heavy Metal
Spielzeit: 64:04
Release: 18.08.2017
Label: Ván Records

Immer wieder war aus dem Attic-Lager zu hören: Es wird, dauert nicht mehr lange, wir brauchen nur noch X, wir basteln noch an Y, und irgendwann hat man auch schon mal schmunzelnd abgewunken ganz nach dem Motto: Ja ja, warten wir ab. Und dann kommen die Gelsenkirchener rund um den Lünener Frontmann Meister Cagliostro nach guten fünf Jahren dann doch mit dem neuen Studioalbum um die Ecke und legen, so schon das Fazit nach zwei Durchgängen, ihr bisheriges Meisterstück vor. Natürlich streifen sie die King-Vergleiche nicht ab, dafür ist allein der Gesangsstil zu ähnlich und auch auf seine Art extrem polarisierend, dazu kommt bei „Sanctimonious“ auch noch, dass sich die Fünf an ein Konzeptalbum herangetraut haben, wo die sakrale Unschuld einen farbigen, sommerlich schwarzen Seelenstriptease hinlegt.

Und wenn schon mit etwas mehr als 64 Minuten auch zeitlich ordentlich geklotzt wird, da spielt es es doch gut ins Gesamtkonzept, dass das Album auch als Doppel-180g-Vinyl im jungfräulichen Weiß daherkommt, sich schön in das aufwendige Klappcover schmiegt, die Texte grafisch untermalt auf einem zwölfseitigen 12" großen Booklet nachzulesen sind, wobei das gesamte Paket auch noch ein Poster von der Band bzw. auf der Flipside das Artwork der Platte beinhaltet – da sind ein paar Euronen mehr wegen des wertig erhöhten Aufwands durchweg gerechtfertigt, zumal die Vinyletten auch in gefütterten, unbedruckten Innersleeves gut behütet sind.

Verpackung ist nicht alles in Zeiten von Streams und Downloads, da geht es um die enthaltene Mucke, und die kann sich durchweg hören lassen, denn ein Durchhänger oder Langeweiler ist trotz der langen Spielzeit nicht zu entdecken. Allein schon beim Intro „Iudicium Dei“ ist der Original-Orgelsound und nicht die Casio-Version schon amtlich, stimmungsvoll wird das Album mit einem noch heiligen Touch versehen, bevor die wohl heftigste Nummer aus der Attic-Feder inklusive deutlicher Schwarzmetall-Färbung das heile Weltgeschehen aufmischt – da verquicken sich wohl die eigenen Vorlieben mit den Skandinavientripp-Erfahrungen, schnell wird deutlich, dass Meister Cagliostro sich sehr souverän durch die vier weiblichen Charaktere screamt und sich Melodie sowie Härte die metallische Pommesgabel reichen.

Klar, auch Attic erfinden hier das Rad nicht neu, doch immer wieder sind es die kleinen Zitate, die wirkungsvollen Ideentreffer, die „Sanctimonious“ wie aus einem Guss in obere Punkteränge katapultieren. „Penalized“, eine kurze und prägnante Heavy-Nummer mit sehr starker Gesangsleistung und maidenhaften Ausflügen, ein Killerlead in „Sinless“, welches sich nachdrücklich einprägt und das Zeug zum Klassiker hat, weil auch einmal mehr der Refrain eindrucksvoll melodisch und doch polarisierend gelungen ist, in „The Hound Of Heaven“ gleich mal wieder die Gitarren für ein großes Hallo sorgend, da sie sich mal gerne zu Doppelleads zusammentun oder aber auch mal im Hintergrund mit sehnsuchtsvollen Spielereien ihren Stempel aufdrücken, dazu noch das ruhige, manchmal balladesk aufkeimende „Dark Hosanna“, welches mit reichlich Tiefgang für Gänsehaut sorgt, fertig ist die Mischpoke vom tiefgründigen Gruselkabinett aus dem Ruhrpott.

Überraschend, dass sich Attic gerade auch im Midtempo durchsetzen, die Screams immer wieder auf dem Punkt wie ein heißes Messer Fleisch und Sehnen durchtrennen, ein kurzer Akustikklampfenausritt wie in „Serpent In The Pulpit“ den Song einfach schwergewichtiger wirken lässt oder die Orgel-dominierten Zwischenspiele als harmonische Bindeglieder im Erzählverlauf fungieren. Und wer noch einmal einen Beweis für die stimmigen Gitarrenharmonien braucht, klinkt sich einfach in „Born From Sin“ ein – einfach stark, was sich die Ruhrpöttler da leisten.

Viel gibt es nicht zu meckern, man hätte im Studio vielleicht dem Schlagzeugsound noch ein bisschen mehr Aufmerksamkeit widmen können. Aber ansonsten stimmen Konzept und Abwechslung, was in der Endabrechnung dann sogar bedeutet, dass der King (Diamond) hier seinen Gruselmeister gefunden hat. Es empfiehlt sich ohnehin, sich auch mit den Lyrics auseinanderzusetzen, denn dann wird die abwechslungsreiche Gesangsleistung deutlich schlüssiger, aber auch so haben sich Attic mit ein bisschen Selbstkopie aus dem würgenden King Diamond/Mercyful Fate-Schlingknoten befreien können.

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