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At The Gates: The Nightmare Of Being

Mutig und überraschend progressiv
Wertung: 9,5/10
Genre: Melodic Death Metal
Spielzeit: 45:38
Release: 02.07.2021
Label: Century Media

Im Review zu „To Drink From The Night Itself“ schrieb meiner einer trotz wohlwollenden 8,5 Punkten noch: „Große Innovationen wird man hier vergeblich suchen, aber wer erwartet das bei At The Gates im Jahre 2018 auch noch groß?“ – Und abgesehen vom finalen „The Mirror Black“ mit dem ebenso überraschenden wie fantastischen Streichersegment ist das Album trotz starker Songs auch nach wie vor ziemlich konventionell ausgefallen. Ganz anders das vorliegende „The Nightmare Of Being“, das tatsächlich neue Grenzen auslotet und mit völlig unerwarteten Innovationen glänzt. So als ob das orchestrale Ende der letzten Platte schon mal ein Fingerzeig auf kommendes, deutlich vielfältigeres Material gewesen wäre.

Vor allem in der Mitte ihres neuen Rundlings zeigen sich At The Gates von einer verblüffend progressiven Seite – am auffälligsten beim grandiosen „Garden Of Cyrus“, das mit seinen vielen Dreiklang-Arpeggios, einem ungewöhnlichen Arrangement und vor allem den Saxophon-Passagen (!), die überhaupt nicht erzwungen klingen, sondern raffiniert in den Sound der Truppe integriert wurden und für interessante Farbtupfer sorgen, jede Menge King Crimson atmet – wie auch die Band selbst propagiert.

„Touched By The White Hands Of Death“ direkt im Anschluss wiederum startet mit Flötenklängen und bombastisch-Soundtrack-artigen Orchestersequenzen, um dann mit voller Wucht hereinzubrechen, und auch „The Fall Into Time“ beginnt mit symphonischen Klängen, besticht dann mit schneidendem, fiesem Riffing und hat im weiteren Verlauf eine regelrecht angejazzte Wendung zu bieten. Affektiert wirkt aber auch hier nichts, vielmehr ist es schlicht beeindruckend, mit was für tollen Einfällen die Göteborger jonglieren und dass das alles trotzdem nachvollziehbar strukturiert und arrangiert wurde.

Großes Kino ist ebenso „Cult Of Salvation“, das wunderbar illustriert, wie man mit Spannungsbögen arbeitet: In der Mitte taucht plötzlich ein Klaviermotiv auf, das im Folgenden clever variiert und aufgebaut wird, zudem beinhaltet der Song ein sehr eingängiges Mainriff – bei aller Progressivität haben die Herren nämlich trotzdem nicht vergessen, die nötigen Hooklines zu berücksichtigen. Gleich der Opener, der zunächst mit Opeth-artigen Akustikgitarren eingeleitet wird, ist ein Kracher par excellence, auch das treibende „The Paradox“ ist noch vergleichsweise frei von genrefremden Elementen und läuft schnell rein, während das Titelstück mit seiner ruhigen, melodischen Strophe vorerst einen effektiven Kontrast zu den beiden flotten Nummern zuvor bildet, dann jedoch mit einem kraftvollen Ohrwurm-Refrain allererster Güte zuschlägt.

Völlig geil auch „Cosmic Pessimism“, das ein fast schon tanzbares, mit hypnotischen Gitarren versehenes Mainriff sein Eigen nennt, das sich derart in die Hirnrinde fräst, dass man mit Fug und Recht von einem kleinen Hit sprechen kann. Wegen seines rockigen Charakters und der bei dieser Musik erstaunlichen Leichtigkeit fällt auch dieses Stück eher aus dem Rahmen, aber gewöhnlich, standardmäßig oder gar klischeehaft ist auf „The Nightmare Of Being“ ohnehin absolut gar nichts.

Wenn im Promoschreiben überschwänglich vom „finest album of their career to date“ die Rede ist, muss man in diesem Fall tatsächlich nicht unbedingt von Übertreibung sprechen, denn At The Gates haben hier wirklich ein vorzügliches Werk an den Start gebracht. So vielfältig, dynamisch, einfallsreich, anspruchsvoll und mutig hat man die Schweden zuvor noch nie gehört. Melodik, Härte und Progressivität gehen mühelos Hand in Hand und trotz allem ist die Scheibe mindestens so düster und atmosphärisch wie ihre Vorgänger. Dazu trägt auch Sänger Tomas Lindberg bei, der seine Stimme ebenfalls so vielfältig wie nie einsetzt und mit seinem giftigen Organ und nihilistischen Texten, die laut eigenen Worten diesmal vor allem von Horrorschriftsteller Thomas Ligotti inspiriert wurden, zusätzlich dunkle Stimmung einbringt.

Dass die meisten ATG-Fans immer noch „Slaughter Of The Soul“ als bestes Album ansehen, während die Band selbst dies eigentlich für ihre eindimensionalste Platte hält, sagt sicherlich einiges über den immer noch vorherrschenden Konservativismus der Szene aus, doch auch wer seinen Death Metal eher straight bevorzugt, sollte auf seine Kosten kommen, so kunstvoll wie hier verschiedene Einflüsse fusioniert wurden. Außerdem bescheinigt der Fünfer seinen Anhängern auf der anderen Seite durchaus stilistische Offenheit, schließlich habe man beim Roadburn 2019 King Crimson und Philip Glass gecovert und das habe dort niemanden gestört. So oder so sollte hier jeder Fan unbedingt reinhören – wer hätte gedacht, dass At The Gates sich mit zunehmendem Alter noch so kreativ austoben würden?

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