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Arjen Anthony Lucassen: Lost In The New Real

Wie immer bei Mr. Lucassen kann man bedenkenlos zugreifen
Wertung: 8.5/10
Genre: Progressive Metal/Rock
Spielzeit: 90:27
Release: 20.04.2012
Label: InsideOut

Es gibt Leute, bei denen wird so gut wie alles, was sie anfassen, zu Gold. Arjen Anthony Lucassen, der Mann, der im Alleingang für Konzept, Musik und Texte des Ayreon-Projektes verantwortlich zeichnet, ist so einer. Jener fantastischen Saga, bestehend aus insgesamt sieben zusammenhängenden Studioalben, verdankt der Niederländer auch sein hohes Ansehen in der Szene und dass ihm bescheinigt wird, einer der kreativsten und genialsten Köpfe im zeitgenössischen Prog zu sein.

Mit „01011001“ fand das Megaepos im Jahre 2008 sein vorläufiges Ende, was für Arjen gleichzeitig Fluch und Segen bedeutete. Auf der einen Seite ist es sicherlich irgendwo schade, wenn solche Großprojekte, an denen man jahrelang arbeitete und mit denen man so viele Fans glücklich machte, irgendwann zu Ende gehen, weil alles gesagt ist, andererseits bedeutet diese Tatsache auch eine Art Befreiungsschlag, da aufgrund des großen Erfolgs, den auch Lucassen so wohl nie wieder erreichen wird, immer eine gewisse Erwartungshaltung vorherrschte und der Komponist daher auch darauf bedacht war, seine Fans nicht zu enttäuschen – so gibt es der Holländer auch selbst zu. Selbstverständlich hat er sich schon etwas dabei gedacht, sein neuestes Album ganz schlicht unter seinem bürgerlichen Namen zu veröffentlichen, denn so war es ihm laut eigener Aussage möglich, eine Platte aufzunehmen, auf der er sich austoben, herumexperimentieren und sich alle künstlerischen Freiheiten erlauben konnte – ohne sich um irgendwelche Erwartungshaltungen zu kümmern. Das erinnert ein wenig an Steven Wilson von Porcupine Tree, der bei seiner Hauptband zwar ebenfalls praktisch alleiniger Songwriter ist, sich bei seinen Soloreleases allerdings doch wesentlich mehr Experimente erlaubt beziehungsweise erlauben kann.

Dennoch knüpft „Lost In The New Real“, übrigens Lucassens zweites Soloalbum nach dem eher mäßig beachteten „Pools Of Sorrow, Waves Of Joy“ aus dem Jahre 1994, musikalisch definitiv stärker an die Ayreon-Sachen an als an die vor zwei Jahren reaktivierten Star One oder sein letztes Projekt Guilt Machine. Gerade aufgrund der inzwischen so stark digitalisierten Welt, in der Musik immer mehr zum schnöden Konsumgut wird anstatt als höchste, emotionalste Form der Kunst verehrt zu werden, wollte Arjen deutlicher zu seinen musikalischen Wurzeln, die bei Bands wie den Beatles, Led Zeppelin, Pink Floyd und Deep Purple liegen, zurückkehren. Auch wenn dieser Einfluss natürlich immer wieder durchschimmert (und bereits in anspielenden Titeln wie „Pink Beatles In A Purple Zeppelin“ oder „When I’m A Hundred Sixty-Four“ verraten wird), sind die für ihn respektive Ayreon typischen Elemente wie Geigen-, Flöten- und Cellostimmen ebenso stets zu hören wie die futuristische Grundstimmung, und was dem Zwei-Meter-Mann auch diesmal wieder glänzend gelungen ist, ist das Verweben von vielschichtigen, progressiven Arrangements mit eingängigen, manchmal gar poppigen Melodien, die sich schnell in den Gehirnwindungen festsetzen.

Langweilig wird es jedenfalls zu keiner Sekunde; mal erwischt man sich dabei, wie man mitreißende Refrains wie von „E-Police“, „Dr. Slumber’s Eternity Home“ oder „Yellowstone Memorial Day“ mitschmettert oder bei herrlich luftigen, von Akustikgitarren getragenen Ohrenschmeichlern der Sorte „The Social Recluse“ oder „You Have Entered The Reality Zone“ zu schweben anfängt, dann wird man in Form von beklemmenden, futuristisch-kalten Nummern à la „Parental Procreation Permit“ oder „Don’t Switch Me Off“ auf den Boden der Tatsachen zurückgeholt und geht schließlich beim überlangen, dramatischen Titelstück oder dem trippigen, sehr Floyd’schen „Our Imperfect Race“ auf Entdeckungsreise. Die Instrumente hat der Meister auch auf diesem Longplayer fast alle im Alleingang eingespielt, nur als Drummer fungierte mit Ed Warby ein alter Bekannter und auch die Flöten,- Geigen- und Cellopassagen wurden von Gastmusikern realisiert.

Auf lyrischer und konzeptioneller Ebene hat sich der 52-Jährige einmal mehr seinem Lieblingsthema Science Fiction gewidmet, was nicht nur der Albumname selbst impliziert, sondern auch das Cover und der leicht „Back to the future“-mäßige Schriftzug, in welchem der Titel gehalten ist, auf der Frontseite verdeutlichen. Es geht um einen Mann, Mr. L genannt, der aufgrund einer schweren Krankheit, für die es in der heutigen Zeit kein Heilmittel gibt, eingefroren und erst in einer fernen Zukunft, in der die Medizin weiter fortgeschritten ist, wieder aufgetaut wird. Alles hat sich vollkommen verändert, selbst die Grenzen zwischen Realität und Fiktion scheinen nicht mehr klar definiert. Um sich in dieser für ihn völlig fremden Welt zurechtzufinden, hat man dem Protagonisten in Gestalt von Dr. Voight-Kampff psychologische Hilfe zur Seite gestellt; für letztgenannten Charakter (eine reine Sprechrolle) konnte Lucassen den Schauspieler Rutger Hauer gewinnen und sich damit einen Traum erfüllen. Hauer spielte in Arjens Lieblingsfilm „Blade Runner“ mit und trägt mit seiner tollen Stimme viel zur besonderen Atmosphäre von „Lost In The New Real“ bei, während der Gesang komplett von Lucassen selbst übernommen wurde.

In dieser Beziehung zeigt sich der Hüne selbstbewusst und spricht von der besten Gesangsleistung seiner gesamten bisherigen Karriere überhaupt. Durchaus zurecht, denn gab es überhaupt etwas, wofür man ihn kritisieren konnte, so waren dies die häufig etwas dünnen, eher durchschnittlichen Vocals; diese sind auf „Lost In The New Real“ jedoch tatsächlich so gut wie nie zuvor und mehr als solide – man merkt, dass Lucassen da ordentlich an sich gearbeitet hat.

Was das Konzept anbelangt, so steckt dahinter natürlich weit mehr als einfach nur eine Sci-Fi-Geschichte, in Wirklichkeit lauern dort (dauer)aktuelle Themen wie Geburtenkontrolle („Parental Procreation Permit“), Euthanasie („When I’m A Hundred Sixty-Four“), Umweltzerstörung („Yellowstone Memorial Day“), Religion („So Is There No God?“) oder künstlerische Offenbarungseide („Pink Beatles In A Purple Zeppelin“). Ohne permanent mit dem erhobenen Zeigefinger herumzuwedeln, hat Arjen Lucassen also nicht zum ersten Mal sehr clever und subtil Gesellschaftskritik in eine seiner Storys verpackt und beweist erneut eindrucksvoll, dass er nicht nur ein musikalisches Genie ist, sondern seine Kreativität offenbar auch in textlicher Hinsicht unerschöpflich scheint. 

Lange Rede, kurzer Sinn: Jeder Fan von Arjen Lucassen muss „Lost In The New Real“ haben, es ist einfach bewundernswert, wie diesem Menschen es gelingt, sich nie zu wiederholen und immer etwas Neues auszudenken, aber trotzdem einen Stil hat, der bei jedem seiner zahlreichen Projekte herauszuhören ist. Wer Interesse hat, sich bislang jedoch noch nicht mit der Welt des Niederländers auseinandergesetzt hat, sollte trotzdem wohl erst einmal mit den Ayreon-Alben beginnen.

Kurz erwähnt werden sollte noch, dass sich auf der zweiten CD fünf Cover befinden, die locker unter die Tracklist gemischt wurden und eine weitere Verbeugung vor den alten Rockgrößen darstellen: „Welcome To The Machine“ von Pink Floyd ist fast schon eine logische Wahl, passt dieser Track sowohl musikalisch als auch lyrisch doch bestens zum Thema und tatsächlich ist Lucassens Version sehr originell und zu seinem Stil passend umgesetzt. Auch das Zeppelin-Cover „The Battle Of Evermore“ besitzt eine stark eigene Note und ist für meine Begriffe grandios geworden, dürfte von manch anderem Die-Hard-Led-Zep-Supporter aber bestimmt als sehr gewöhnungsbedürftig empfunden werden, wohingegen die Blue Öyster Cult-Nummer „Veteran Of The Psychic Wars“ noch am ehesten dem Original entspricht. Weiterhin gibt es noch ein Alan-Parsons-Project- („Some Other Time“) und ein Frank Zappa-Cover („I’m The Slime“).

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