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Arena: The Theory Of Molecular Inheritance

Die wohl beste Arena-Scheibe seit „Pepper’s Ghost“
Wertung: 9/10
Genre: Progressive Rock
Spielzeit: 62:03
Release: 21.10.2022
Label: Verglas Music

Pünktlich zum 25. Geburtstag von Arena im Jahre 2020 sollte das neue Album „The Theory Of Molecular Inheritance“ erscheinen, passenderweise zu so einem Jubiläum das zehnte – doch dann kam bekanntlich Corona und wirbelte jegliche Pläne kräftig durcheinander. Außerdem standen die britischen Neo-Progger plötzlich ohne Sänger da, weil Paul Manzi für viele überraschend nach zehn Jahren Mitgliedschaft und drei eingesungenen Platten seinen Rückzug erklärte. Schade an sich, denn seine Stimme vereinte die Eigenschaften seiner Vorgänger Rob Sowden und Paul Wrightson ziemlich passend, allerdings konnte man recht bald mit Ex-Threshold-Frontsympathikus Damian Wilson hochkarätigen Ersatz verpflichten.

Bandleader Clive Nolan wollte Wilson wohl schon nach dem Ausstieg von Rob Sowden ins Boot holen, zumal man sich anscheinend schon länger kennt und schätzt, damals jedoch war der Sänger nicht verfügbar, nun aber konnte sich der Keyboarder diesen Traum endlich erfüllen. Rein technisch betrachtet ist Damian sicherlich der beste Sänger, den Arena je hatten, aber würde seine im Vergleich zu den vier (!) anderen Frontmännern, die bei den Prog-Rockern bereits das Mikro schwangen, doch deutlich andere (klarere und höhere) Stimmfärbung auch wirklich zu dieser Band passen?

Glücklicherweise ja. Es würde der Truppe und dem Album nicht gerecht werden, das Ganze auf ein „Arena-Album mit dem früheren Threshold-Typen“ zu reduzieren. Wilson scheint den Bandsound sehr zu dominieren, ist zudem bei fast jedem Song mit einem Writing-Credit aufgeführt, doch ist dies alles eine Sache der Gewöhnung. Der Opener „Time Capsule“ macht in jedem Fall ordentlich was her und ist ein heißer Bewerber als Setlist-Eröffnungsnummer bei kommenden Shows, ein gut reinlaufendes Stück mit typischen Arena-Riffs und -Melodien; schon die textlosen „Ahaha“-Vocals zu Beginn wird jeder Fan sofort aufgreifen und mitsingen, was für den eingängigen Refrain umso mehr gilt. Noch besser wird es beim folgenden „The Equation (The Science Of Magic)“ mit wunderbaren Keyboardteppichen Marke Clive Nolan, einer mitreißenden Basslinie, die für einen unwiderstehlichen Drive sorgt, und großartigem Gesang von Damian – was für ein erneut toller Refrain!

Hat man sich in puncto Vocals akklimatisiert, darf man im Endeffekt gar konstatieren, dass der Mann noch nie so gut gesungen hat. Die glockenhelle Stimme ist ohnehin Schönheit pur, doch besitzt er eben auch die technischen Voraussetzungen und präsentiert sich äußerst facettenreich. Besonders im putzig betitelten „The Heiligenstadt Legacy“ imponiert Wilson mit einer eindringlichen Darbietung in den elegischen, zerbrechlichen Strophen, während er im kraftvollen Chorus dann mit Power agiert – überhaupt mit ihrer ausgeprägten Dynamik eine raffinierte Komposition, die locker als Anspieltipp durchgeht.

Ab der Mitte wird das Album ganz allgemein besonders stark: „Fields Of Sinners“ entpuppt sich wieder als sehr charakteristisch für die Band mit geschmackvollen, nie aufdringlichen Gitarrenleads von John Mitchell und Passagen, die sich einfach nach Arena anhören, ohne dass der Song völlig vorhersehbar wäre. „Pure Of Heart“ fällt ziemlich düster aus, der Sahne-Refrain allerdings blüht als Kontrast dazu regelrecht auf, mit Kanon-artigem Gesangsarrangement und Mitchell-Sololicks beim letzten Durchgang als i-Tüpfelchen – grandios.

Den Höhepunkt erreicht das Werk jedoch in Form von „Under The Microscope“. Der Refrain dieses Stücks ist wie die aufgehende Sonne (ein gutes Beispiel dafür, dass die Platte mit Manzi ganz anders geklungen hätte, denn gerade diese Passage hätte er so niemals singen können), mehrstimmig und einfach wundervoll. Wie anschließend in der Mitte das Tempo angezogen wird und Nolan und Mitchell nach Herzenslust solieren, ist einfach nur geil.

„Part Of Me“ ist wiederum ziemlich düster geraten – die markant eingesetzten Streicher, die das Stück zusätzlich spannend machen, sind eher untypisch für die Engländer und haben fast ein bisschen was von der Beatles-Nummer „Eleanor Rigby“, nur eben wesentlich dunkler. Auch im Gesamtbild betrachtet ist „The Theory Of Molecular Inheritance“ ein recht düsteres Album, das sich, wie der Titel schon sagt (nerdig-proggiger geht es im Übrigen ja kaum…), mit der Theorie Molekularer Vererbung beschäftigt, deren Thesen erst Jahrzehnte nachdem sie aufgestellt wurden wissenschaftliche Bestätigung fanden. Clive Nolan, der alle Texte geschrieben hat, interessierte sich ja schon immer für wissenschaftliche Themen, wie beispielsweise auch in „Contagion“ zu hören.

Apropos: „Integration“ markiert das einzige Stück, das man zwiespältig bewerten kann. Der Musical-artige erste Teil ist schon etwas kitschig mit seinen sehr hohen Gesangseinlagen (die nichtsdestotrotz hervorragend dargeboten sind), dann allerdings mutiert der Track in ein Instrumental, das an jene Platte von 2003 erinnert, bei dem Nolan und Mitchell wieder eine ausgiebige Solosektion haben, die sie wie immer angenehm bodenständig und songdienlich ohne übertriebene Frickelei vollziehen. Hier wird der Bogen zum Finale der Scheibe gespannt – in der das Ganze wunderbar abrundenden Abschlusshymne „Life Goes On“ heißt es dann auch: „Stardust in my hands, now I understand“ – wir beginnen und verenden als Sternenstaub, doch das Leben geht immer weiter.

Keine neue Erkenntnis, aber vor Augen halten sollte man sie sich vielleicht immer mal wieder. Arena jedenfalls zeigen sich auf ihrem zehnten Album in bestechender Form und legen die wohl beste Scheibe seit „Pepper’s Ghost“ vor. Erstmals hat man einen Sänger an Bord, der schon vor seinem Einstieg bekannt war, was auch in die Hose gehen kann, zum Glück ist dies hier absolut nicht der Fall. Gerade das letzte Werk mit Paul Manzi war sehr stark, dennoch setzen die Briten hier noch mal einen drauf, obwohl nicht ein Song die Sieben-Minuten-Grenze überschreitet, von einem Mammuttrack à la „Moviedrome“ oder „The Legend Of Elijah Shade“ ganz zu schweigen. Aber Länge allein macht nun mal kein gutes Prog-Album aus.

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