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Arcade Fire: Neon Bible

Das zweite Meisterwerk
Wertung: 10/10
Genre: Indie Rock, Art Rock
Spielzeit: 47:3
Release: 02.03.2007
Label: CitySlang

Bereits mit ihrem Debütalbum „Funeral“ erschufen die Kanadier von Arcade Fire aus dem Nichts ein absolutes Meisterwerk. Als im März 2007 der Nachfolger „Neon Bible“ erschien, waren wohl alle gespannt, ob die exzentrischen Indie / Art – Rocker an die Qualität des Debüts herankommen würden oder wie so viele Indie – Bands an der großen Hürde einer zweiten, gleichwertigen Platte scheitern werden. Aber mit „Neon Bible“ konnten Arcade Fire diese Bedenken vollkommen ad absurdum führen. Man muss der Band auch einfach ein gewisse Cleverness attestieren, denn weder hat sie mit „Neon Bible“ versucht, „Funeral“ zu kopieren, noch zu viel verändert, um eventuell einige Fans zu verprellen. Arcade Fire haben genau die Mitte zwischen Weiterentwicklung und Tradition getroffen und kletterten auf der Erfolgsleiter noch weiter nach oben (u.a. mit einem 1 Platz in den kanadischen Albumcharts und zweiten Plätzen in den USA und im Vereinigten Königreich).

Was hat sich aber im Vergleich zum Vorgänger musikalisch verändert? Dies ist relativ einfach herauszuhören. Der Sound ist wesentlich klarer und druckvoller geworden, die Streicher und weitere Instrumente stehen nun ziemlich weit im Vordergrund und die Stimme von Win Butler wirkt tiefer und bedrohlicher als zuvor. Arcade Fire fahren hier eine Breitwandproduktion auf die ihres gleichen sucht, aber immer noch verdammt nach Kälte und Verzweiflung klingt und die typisch düstere Atmosphäre der Band nicht vermissen lässt, sie vielleicht sogar noch intensiviert.

Bereits der Opener „Black Mirror“ macht deutlich, dass das hier keine „Easy Listening“ - Musik ist, sondern Musik die reifen, wachsen und sich entfalten muss. So wirkt der unheimlich düstere Song zunächst ziemlich sperrig und vielleicht auch etwas unspektakulär zu Beginn. Spätestens aber, wenn Win Butlers Stimme lauter wird, er einige Wörter auf Französisch singt und im selben Atemzug imposante Streicher einsetzen, weiß man, warum man diese Band einfach lieben muss. Im Gegensatz zu „Black Mirror“ steht das folgende „Keep The Car Running“, das entschieden freundlicher und einfacher zugänglich ist. Streckenweise kommt gar ein wenig Rockabilly – Stimmung auf und tief im Gedächtnis bleibt der flotte, sehr starke Song auch. Ganz anders erscheint da schon wieder der sparsam instrumentierte Titelsong, der hauptsächlich von Gesang und Streichern dominiert wird. Ein leises, gefühlvolles, aber unheimlich intensives Hörerlebnis, das sich dem Hörer hier bietet. Gänsehaut garantiert!

Im direkten Anschluss erklingen bei „Intervention“ eine dröhnende Orgel und spartanische Xylophon – Schläge, die im Zusammenspiel mit den Vocals und den einsetzenden Streichern den Song ganz sanft aufbauen. „Intervention“ begeistert von der ersten Sekunde an und nimmt den Hörer mit auf eine Achterbahn der Emotionen. Das hier ist ein Hit mit Niveau und Klasse, den man gehört haben sollte und der das Potenzial besitzt, nie wieder in Vergessenheit zu geraten. Ganz hieran kann „Black Wave / Bad Vibrations“ nicht anknüpfen, wenngleich auch dieser Song grandios ist. Wie der Titel vermuten lässt, hat der Song zwei ganz verschiedene Teile, die nur durch einzelne Fragmente verknüpft sind. Der erste Teil ist eher fröhlicher gehalten und wird von Régine Chassagne zweisprachig gesungen. Der zweite Teil beginnt mit der Stimme von Win Butler, ist wesentlich düsterer gehalten und versprüht gar einen Hauch von Mystik.

Die schöne Ballade „Ocean Of Noise“ lässt in manchen Momenten gar Erinnerungen an die großartigsten Morrissey – Momente aufkommen und ist nichts für Leute, die allzu nah am Wasser gebaut sind. „The Well And The Lighthouse“ behält mit seinen ganz famosen Melodien, die verträumte Stimmung bei und ist der ideale Soundtrack für kalte Winternächte, auch da der Song einen leichten Gothic – Einschlag enthält. Und auch das Xylophon kommt hier wieder zum Zuge. Dass Arcade Fire schon immer einen Hang zum Merkwürdigen hatten, stellt „(Antichrist Television Blues)“ unter Beweis. Ein Akustikgitarrenriff, welches so gut wie immer präsent ist, etliche Instrumente, die zum Einsatz kommen und ein recht seltsamer Songtext machen den Song zu einem großen Erlebnis, für das ich kaum Worte finde. Als ähnlich ruhig, dafür aber wesentlich griffiger erweist sich die tolle Ballade „Windowsill“, bei der besonders die Bläser am Schluss begeistern.

Wer bisher einen feierlichen Song der Marke „Wake Up“ (aus dem Album „Funeral“) vermisst hat, ist dann bei dem umwerfenden „No Cars Go“ an der richtigen Stelle. Bei diesem rockigen Song zeigt sich vor allem die Vorliebe für dichte Orchesterteppiche und Chöre, die punktgenau auf diese ohrwurmtaugliche und abwechslungsreiche Hymne zugeschnitten sind. Zum Abschied erklingen beim befremdlich scheinenden „My Body Is A Cage“ dann auch wieder die liebgewonnenen Orgelklänge. Nach zwei Minuten der Ruhe und des Wartens auf den endgültigen Ausbruchs des Songs, erschallt das Orchester in seiner ganzen Pracht und begleitet den Hörer durch das große Finale des Albums.

Fazit: „Neon Bible“ ist das zweite Meisterwerk aus dem Hause Arcade Fire, welches eindrucksvoll untermauert, dass momentan kaum eine Band an die herausragenden, innovativen und immer wieder faszinierenden Kanadier herankommt. Alles andere als die Höchstnote wäre auch hier ein Witz! Ich kann diese Platte jedem empfehlen, der die Zeit und die Geduld mitbringt, sich diesem Werk zu stellen und den Willen hat, es mit Leib und Seele in sein Herz einzuschließen (ganz gleich, ob nun Indie – Rock-, Metal- oder Gothicliebhaber), auch wenn Arcade Fire mit Sicherheit nicht jeden Geschmack treffen werden. Sollte die Band auch mit ihrem dritten Album eine solche Leistung abrufen können, ist der Platz im Olymp der Rockmusik wohl Ehrensache und bereits reserviert.

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