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Arcade Fire: Funeral

Ein kommender Klassiker
Wertung: 10/10
Genre: Indie Rock, Art Rock
Spielzeit: 48:0
Release: 14.03.2005
Label: Rough Trade

Wir schreiben das Jahr 2004. Die bis dato wohl nur einem erlesenen Kreis von Insidern bekannten Kanadier von Arcade Fire veröffentlichen in Nordamerika ihr Debütalbum „Funeral“ und steigen wie der Phönix aus der Asche an die Spitze der Indie Rock / Art Rock – Szene. Und als es dann im März 2005 soweit war und „Funeral“ endlich bei uns erschien, war auch hierzulande die Hysterie um die Band aus Montreal angekommen. Wie so oft bei von der ersten Sekunde an gehypten Bands, stellte man sich natürlich auch bei den Männern und Frauen um das Ehepaar Win Butler und Régine Chassagne die Frage, ob dieser Hype nun auch tatsächlich gerechtfertigt ist. Und dies ist und war er absolut! Arcade Fire klingen nicht wie zig andere Bands in diesem Sektor, sondern erschaffen mit allerhand Instrumenten (z.B. Xylophon und Geigen) und einer (wie der Albumtitel schon vermuten lässt) beklemmenden Atmosphäre ihren ganz eignen musikalischen Kosmos. Dieser wirkt beim ersten Durchhören vielleicht befremdlich und wenig eingängig, doch spätestens nach der dritten oder vierten Vollrotation dieses Album weiß man, dass „Funeral“ früher oder später als eines der besten und innovativsten Rock – Alben aller Zeiten in die Musikgeschichte eingehen wird.

Ganz leise startet das Album mit dem überragenden „Neighborhood #1 (Tunnels)“, bei welchem man spätestens dann eine dicke Gänsehaut hat, wenn Win Butlers eigenartig leidender Gesang einsetzt. Die Band zeigt hier ihr ganz eigenes Gespür für starke Songdynamiken. Mal leise, mal lauter, mal traurig, mal fröhlicher, mal sparsam, mal aufwendig instrumentiert und dies in nur einem einzigen Song. Das alles kreiert eine ganz einzigartige Atmosphäre, eben die typische Arcade Fire – Atmosphäre. Mit seinem auffälligen Akkordeon bringt „Neighborhood #2 (Laika)“ einen Hauch von Frankreich in das heimische Wohnzimmer und diese tolle Melodie brennt sich sehr schnell im Hirn des Hörers fest. Der Rest des schnelleren Songs, insbesondere der hier noch merkwürdigere Gesang, möchte erschlossen werden und nach einer gewissen Zeit mausert sich „Neighborhood #2 (Laika)“ dann zu einem waschechten Hit.

Wesentlich eingängiger und auch poppiger präsentiert sich die wunderschöne Ballade „Une annee sans lumiere“, bei dem die Kanadier abwechselnd auf Englisch auf Französisch singen und das einen rockigeren, überraschenden und ziemlich abgefahren Schlussteil besitzt. Ein Song, der zum Träumen anregt. „Neighborhood #3 (Power Out)“ strapaziert dann ganz schön die Nerven seines Hörers, da dieser Song wirklich sehr anstrengend geraten ist. Aber eben dieses, man möchte sagen schon fast wirre Songwriting macht den Song so interessant. Der witzige Xylophon – Einsatz trägt hierzu selbstredend ebenfalls bei. Die aufwändige Ballade „Neighborhood #4 (Kettles)“ beschließt mit tiefer Melancholie und fantastischen Streichern die „Neighborhood“ - Reihe genau so, wie sie es verdient, nämlich in einer atemberaubenden, erdrückenden Art und Weise.

Und noch bleibt es bei der nachfolgenden Semi-Ballade „Crown Of Love“ für ein paar Minuten, die von dem unheimlich sehnsüchtigen Gesang von Win Butler leben und wiedereinmal das Prädikat „wunderschön“ verdienen, ruhig, bis gegen Ende der Song feierlicher wird und die Streicher weit in den Vordergrund rücken. Dies ist zugleich die perfekte Überleitung für die geniale Hymne „Wake Up“, dessen Refrain aus dichten Chören besteht, die einen imposanten Kontrast zu der eiskalten Stimmung in den Strophen bilden. Nicht umsonst haben U2 auf ihrer „Vertigo“ - Tour diesen sensationellen Song als ihr Konzertintro verwendet. Und erneut kann man am Ende des Songs einen überraschenden Wechsel bestaunen, bei dem man gerne auch mal das Tanzbein schwingen möchte.

Der wieder etwas ruhigere Song „Haiti“, bei dem erstmals die etwas schrillen Vocals von Régine Chassagne im Vordergrund stehen, ist dann genau der kleine Dämpfer, den man nach dem aufregenden „Wake Up“ braucht. Doch gewöhnlich ist an diesem bizarren Song rein gar nichts und auch „Haiti“ braucht seine Zeit, sich zu entfalten und um vollends zu zünden. „Rebellion (Lies)“ ist nicht nur der eingängigste Song auf „Funeral“, sondern vielleicht auch der beste. Allein die Melodie im fulminanten Outro ist den Kauf dieses Albums absolut wert. „Rebellion (Lies)“ ist ein Hit, für den viele andere Bands morden würden, um einen solchen schreiben zu können. Der Song berüht Herz und Kopf gleichermaßen! Die finale, stimmungsvolle und hauptsächlich von Régine gesungene Ballade „In The Backseat“ beendet dann dieses Machtwerk.

Über was kann man sich bei „Funeral“ eigentlich beschweren? Vielleicht nur über den Sound, der etwas satter hätte ausfallen können und diesbezüglich im Vergleich zum nicht minder sensationellen Nachfolger „Neon Bible“ nicht ganz mithalten kann. Aber vielleicht ist es auch gerade dieser manchmal etwas steril und unterkühlt anmutende Sound, der „Funeral“ seine ganz eigene Stimmung, seine ganz eigene Note verleiht. Erwähnenswert ist auch die tolle Aufmachung des Digipacks von „Funeral“, das künstlerisch unheimlich ansprechend gestaltet ist (inkl. einem Booklet, das wie ein Schreiben bei einer Beerdigung konzipiert ist).

Fazit: Auf „Funeral“ erlebt man musikalisch mit Arcade Fire so ziemlich jedes Gefühl, welches das menschliche Leben bietet - Hass, Trauer, Wut, Verzweiflung, Sehnsucht, Liebe und Glück – und nicht umsonst wurden und werden die Kanadier von vielen prominenten Musikern überschwänglich gelobt (z.B. von Chris Martin [Coldplay] oder David Bowie, der „Wake Up“ schon gemeinsam mit der Band live sang). „Funeral“ ist ein kommender Klassiker, den man als Musikfan kennen sollte. Ein Meisterwerk!

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