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Apocalyptica: Wagner Reloaded - Live In Leipzig

Wer nicht live vor Ort war, hat möglicherweise etwas anderes erwartet
Wertung: 8/10
Genre: Crossover
Spielzeit: 56:14
Release: 15.11.2013
Label: BMG Rights

Okay, ich gebe es zu: Auch ich war einer jener ahnungslosen Trottel, die mit einer völlig falschen Erwartungshaltung an dieses Album herangegangen sind. Als jemand, der sowohl Metal als auch Klassik schätzt (und insbesondere Wagner; ich behaupte mal, mich besser mit dem visionären Komponisten auszukennen als ein gewisser Joey DeMaio), erwartete ich so etwas in der Art wie das, was Apocalyptica auf ihrem allerersten Studioalbum getan haben, auf dem sie Metallica-Songs nachspielten – nur dass die Finnen in diesem Fall Unterstützung von einem Orchester hatten und eben Richard Wagner statt Metallica zelebrierten.

Weit gefehlt, und im Promoschreiben wird es bereits angedeutet: „Wagner Reloaded“ ist eben nicht in dieser Machart gehalten, aber trotzdem anders. Anders als alles, was die Cello-Virtuosen bisher geboten haben. Letztendlich ist das Dargebotene der Soundtrack zu dem Event, den sich Regisseur und Choreograph Gregor Seyffert anlässlich des 200. Geburtstag Wagners ausgedacht hat – ein Crossover-Spektakel für die Bühne, bestehend aus Tanz, Theater und Musik, das auf dem Leben des Komponisten beruht und im Mai in Leipzig (Wagners Geburtsstadt und -monat) stattfand.

Da die Geschichte für die Bühne konzipiert war, wäre es sicherlich reizvoller, das Ganze auch visuell und nicht nur auditiv genießen zu können, doch da gilt es wohl, sich noch etwas zu gedulden (immerhin haben die Jungs schon einen etwa sechsminütigen Videoausschnitt der Show im Netz gepostet) und vorerst lediglich mit der CD- bzw. Vinylversion vorlieb zu nehmen. Was besonders alte Fans freuen wird, so vermutet es auch Bandchef Eicca Toppinen, ist die Tatsache, dass die Combo rein instrumental agiert – nicht nur dem Verfasser dieser Zeilen wurden es in der letzten Zeit ein bisschen arg viele Gastauftritte von Sängerinnen und Sängern, sodass man sich lieber nostalgischen Gedanken an selige „Cult“-Zeiten hingab.

Dennoch kommt die Platte ein bisschen langsam in Schwung, mit „Signal“ und „Genesis“ liegen quasi zwei Intros hintereinander vor, bevor es mit „Fight Against Monsters“ so richtig losgeht. Auch hier ist der Beginn allerdings schleppend und nahezu bedrohlich anmutend; erst in der Mitte des Tracks wird der Härtegrad angezogen. Das Orchester kommt an den richtigen Stellen zur Geltung und transportiert sehr viel Farbe, auch wenn die Protagonisten die Cello-Metaller aus der finnischen Hauptstadt sind. Wenn man in der Musik eben nicht gerade nach Motiven aus dem Ring-Zyklus sucht, wie Siegfried den Drachen Fafner erschlägt und sich enttäuscht fragt: „Wo zum Teufel ist da bitte Wagner zu hören?!“, macht das Stück Spaß und auch der Rest entpuppt sich schnell als die ausgewogene und kompositorisch starke Mischung aus hübschen Balladen und härteren Nummern.

„Stormy Wagner“ beispielsweise beginnt mit einer wunderschönen Melodie, die von sanftem Pizzicato begleitet wird, um schließlich etwas, nun ja, rockiger zu werden, während „Lullaby“ über die gesamte Distanz eine zarte Komposition bleibt, bei der sich das Orchester immer mehr steigert. Das Cello ist aber ein so warm klingendes Instrument, dass es sich für balladeske Töne besonders gut eignet – die Jungs haben in der Vergangenheit ja bereits so einige wundervolle Tränentreiber verfasst.

Auch wenn es insgesamt eher ruhiger zugeht, denn auch das sehnsuchtsvoll schmachtende „Running Love“, das rührende „Birth Pain“, dessen wunderbar arrangierter Beginn an ein Streichquartett erinnert, sowie die letzten beiden Tracks „Ludwig – Requiem“ und „Destruction“ (der Titel ist da etwas irreführend) fallen in die sanftere Kategorie, muss kein Fan befürchten, dass es nicht auch mal ordentlich zur Sache geht: Neben erwähntem „Fight Against Monsters“ wird in „Path In Life“, „Creation Of Notes“ und „Ludwig – Wonderland“ ganz gerne auch mal kräftig gerifft. Doch ob nun Härte oder Balladeskes im Vordergrund steht, spielt eigentlich gar keine Rolle, wichtig ist die Frage, ob die Chose überzeugen kann und in sich stimmig ist, und dies kann man nach leichten Anlaufschwierigkeiten zum Glück bejahen. Eicca Toppinen ist ohne Zweifel ein fantastischer Musiker, der mit seinem klassischen Hintergrund genau weiß, wie er Band und Orchester effektiv zusammenspielen lassen muss.

Und wer sich immer noch fragt, wo dabei denn nun eigentlich Wagners Musik bleibt, dem sei gesagt, dass man sich zwar darüber streiten kann, ob Toppinens Kompositionen nun tatsächlich an Wagners Stil angelehnt sind oder nicht, doch sind immerhin einige Zitate des Meisters klar herauszuhören. Das offenkundigste natürlich bei „Flying Dutchman“, wo die Ouvertüre zunächst zum Teil eins zu eins wiedergegeben wird und die Motive daraufhin durchaus smart in Apocalyptica-Manier variiert werden, besonders clever jedoch sind die etwas unterschwelligeren, so geschehen bei „Creation Of Notes“, wo der berühmte Tristan-Akkord zu hören ist, bei „Ludwig – Wonderland“, wo man plötzlich das Vorspiel zum dritten Akt aus „Lohengrin“ auspackt, und bei „Birth Pain“ meine ich, etwas aus „Parsifal“ herausfiltern zu können. Bei „Path Of Life“ wird außerdem der zweite Satz von Beethovens neunter Symphonie verwurstet – möglicherweise weil der Bonner ein sehr großer Einfluss für Wagner war; dafür sprechen auch die beiden mit „Ludwig“ am Anfang betitelten Tracks.

Alles in allem ein hochinteressantes Album, das Fans ohne Scheuklappen (als Apocalyptica-Supporter darf man solche allerdings ja ohnehin nicht tragen) unbedingt gehört haben sollten. Vielleicht wäre angesichts des ungeheuren, auch heute noch maßgeblichen Schaffens Richard Wagners sogar noch mehr drin gewesen, auch wenn man nicht genau sagen könnte was. Kann sein, dass die Erwartungshaltung da einfach zu hoch ist. In jedem Fall behält Toppinen recht mit dem, was er sagt: Die Platte ist – wieder mal – einfach anders.

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