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Apocalyptica: Cell-0

Bestes Apocalyptica-Album mindestens seit „Reflections“
Wertung: 9/10
Genre: Cello Metal/Crossover
Spielzeit: 53:40
Release: 10.01.2020
Label: Silver Lining Music

Viele Apocalyptica-Anhänger besonders der ersten Stunde dürften erfreut zur Kenntnis genommen haben, dass die Finnen ihr neues Album „Cell-0“ von Anfang an als reine Instrumentalplatte ankündigten. In ihrer Karriere haben sie schon viel ausprobiert, mal mit mehreren verschiedenen Sängern agiert, dann für die letzte Scheibe „Shadowmaker“ mit Franky Perez einen festen Vokalakrobaten engagiert – sie haben sich zumindest nie wiederholt, das muss man ihnen lassen, auch wenn nicht jedes Experiment als gelungen betrachtet werden kann. Da war schon gerne mal eine gute Portion Kitsch und plattes Anbiedern an den US-Mainstreammarkt dabei – umso schöner zu sehen, dass die Band nun eine 180-Grad-Wendung vollführt und sich wieder auf ihre Wurzeln mit Celli und Drums als Protagonisten besinnt.

Ausschlaggebend für dieses Umdenken war in erster Linie die Tour zum 20-jährigen Jubiläum ihres „Plays Metallica by Four Cellos“-Albums, das Eicca Toppinen und seinen Kollegen erst wieder verdeutlichte, wie viel Kraft und Ausdruck dieses Instrument jenseits allen redundanten Brimboriums bietet. Der simple Titel „Cell-0“ scheint die Essenz der Band außerdem direkt auf den Punkt zu bringen, erweist sich jedoch sogar als cleveres Wortspiel, denn, so Eicca, ,Cell-0‘ stehe für die universelle Zelle, „der Ursprung von allem und wo alles wieder enden wird“.

Philosophisch und nachdenklich in unsicheren Zeiten; auch Apocalyptica haben sich Gedanken um den Zustand der Welt gemacht und wollen dies auch in ihrer Musik ausdrücken, wenngleich sich dies in rein instrumentaler Form natürlich als schwieriger erweist als mit Texten und Gesang, die weniger Raum zum Interpretieren lassen. Andererseits ist manchmal gerade das Abstrakte wirkungsvoller, insbesondere wenn es um den einzigartigen Klang des Cellos geht, der so unter die Haut geht wie kaum ein anderes Instrument.

Franky Perez’ langweilige und emotionslose Stimme war ohnehin ein Fehlgriff, trotzdem war er nicht der alleinige Grund dafür, dass die besten Stücke auf dem enttäuschenden „Shadowmaker“ die instrumentalen waren – die Jungs sind schlicht und ergreifend am besten, wenn sie sich auf ihre Stärken konzentrieren, anstatt auf irgendwelche Charterfolge zu schielen. Mit Fug und Recht darf man dieses neunte Studioalbum der Cello-Rocker gar als das fesselndste mindestens seit „Reflections“ bezeichnen, zum Teil fahren die Nordeuropäer mit dem besten Material überhaupt in ihrer bisherigen Karriere auf.

Hervorstechend ist vor allem das überragende zehnminütige Titelstück, das nichts anderes als eine nahezu perfekte Symbiose von klassischen und metallischen Elementen darstellt – mit Hilfe eines enormen Spannungsbogens, bei dem das Hauptthema stets aufs Neue variiert wird und das von zurückhaltenden Pizzicato-Stellen über herzerwärmende melodische Momente bis hin zu garstigen Rifferuptionen jegliche Form von Dynamik abdeckt. Doch auch der Opener „Ashes Of The Modern World“ kommt sehr vielseitig daher, bietet sowohl eingängige Melodien als auch hartes Riffing (der Anfang hört sich im Übrigen frappierend nach Dimmu Borgir an), ebenso wie „En Route To Mayhem“ (beides Titel, die recht klar suggerieren, was Hauptthema der Platte ist), bei dem wie zu besten „Inquisition Symphony“- und „Cult“-Zeiten mit ordentlich Schmackes und zum Teil in atemberaubendem Tempo gethrasht wird, oder das zwischen entspannten Folk-Elementen und Gemetzel schwebende „Fire & Ice“.

Und auch wenn man im Zuge dessen gern in Nostalgie versinkt, wird hier nicht bloß Altes wieder aufgewärmt, dazu sind die Kompositionen zu stark, ist die Spielfreude zu greifbar, tönt die Produktion zu frisch und knackig. Da hat die Band gemeinsam mit Andrew Scheps ganze Arbeit geleistet – der Sound ist messerscharf und trotzdem organisch, ein Spagat, den bekanntlich nicht jeder hinbekommt. Die hier und da dezent platzierten Keyboards stören dabei nicht, sondern verleihen dem Ganzen im Gegenteil einen zusätzlichen Hauch von Variabilität. 

Auch die eher durchgängig balladesk gehaltenen Stücke haben wieder die Magie von einst – das sich dem Titel entsprechend steigernde „Rise“, das von hypnotischen Drums gekennzeichnete und mit elektronischen Elementen leicht aufgepeppte „Call My Name“ und besonders das tränentreibende „Catharsis“ sind wundervoll schön und ohne Anflüge von Kitsch in Szene gesetzt. Größtes Highlight neben dem erwähnten Titeltrack dürfte aber das enorm hitverdächtige „Scream For The Silent“ sein, das eine optimistische Grundstimmung verbreitet, dabei zum Teil tänzerisch daherkommt und schließlich von einem furiosen Finale gekrönt wird. Die Abschlussnummer „Beyond The Stars“ wird dann gar mit filigranen Pianoläufen garniert und endet ebenfalls mit einem bombastischen Part, der wiederum dem Titel alle Ehre macht.   

Wer hätte gedacht, dass Apocalyptica noch mal mit so einer großartigen Platte aufwarten würden? Nach mancher Enttäuschung in den letzten Jahren durfte man damit nicht unbedingt rechnen, doch „Cell-0“ ist absolutes Pflichtprogramm. Vielfältig, fantastisch produziert, spannend arrangiert und geschrieben, kann das Gebotene keinen Fan kalt lassen. Schade, dass die Band auf ihrer nächsten Tour mit diesem Album im Gepäck leider nur im Vorprogramm der unsäglichen Sabaton zu sehen ist…

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