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Anathema: The Optimist

Die probaten Mittel haben sich abgenutzt
Wertung: 5/10
Genre: Alternative Rock
Spielzeit: 58:20
Release: 09.06.2017
Label: Kscope/Edel

Mit dem Albumtitel „The Optimist“ liefern Anathema gleich mal unfreiwillig eine Steilvorlage. Das letzte Full-Length-Werk „Distant Satellites“ nämlich wurde trotz großspuriger Ankündigungen der Marke „beste Platte, die wir je gemacht haben“ von der Anhängerschaft eher zwiespältig aufgenommen, vor allem da das songschreiberische Niveau im Vergleich zum starken „Weather Systems“ insgesamt deutlich abgenommen hatte und die Arrangements denen des Vorgängers einfach zu sehr ähnelten: Einen Song ruhig zu beginnen und kontinuierlich zu steigern, verspricht sicherlich viel Intensität und passt zu den Engländern, auf Dauer jedoch wirkt dieses ewig gleiche Rezept etwas ermüdend.

Immerhin hatte man in der zweiten Hälfte der Platte ein bisschen herumexperimentiert, indem mit Elementen aus dem Electro-Bereich gearbeitet wurde. Zwar war dieses Vorgehen nur teilweise von Erfolg gekrönt, aber immerhin stellte es den Versuch dar, sich ein wenig mehr mit alternativen Sounds zu befassen, um nicht komplett auf der Stelle zu treten. Für Anathema-Verhältnisse dennoch etwas enttäuschend, weswegen allein der Titel der neuen Scheibe bei so manchem Fan sicherlich Hoffnung auf Besserung erweckte, noch dazu, da die Truppe erklärte, das Werk würde thematisch eine Fortsetzung des 2001er Klassikers „A Fine Day To Exit“ darstellen.

Aufgrund der verstärkten Elektronik-Spielereien zuletzt überrascht es daher nicht allzu sehr, dass die Band da anknüpft, wo sie vor drei Jahren mit „Distant Satellites“ aufhörte: Der dem kurzen Intro-Track „32.63N 117.14W“ folgende Opener „Leaving It Behind“ setzt auf ein gelooptes Schlagzeug-Sample, das sich durch den gesamten Song zieht. Darüber schweben eine eingängige Gitarrenmelodie und Vincent Cavanaghs unvergleichliche Stimme. Sehr simpel, aber durchaus wirkungsvoll – so richtig überzeugen will die Nummer allerdings nicht, zumal erneut auf das nun schon altbewährte Mittel der kontinuierlichen Steigerung zurückgegriffen wird.

Was anschließend passiert, kommt einem ebenfalls irgendwie bekannt vor: Das von Lee Douglas gesungene „Endless Ways“ wirkt wie der Versuch, einen weiteren Gänsehaut-Tränentreiber à la „Everything“ oder „Untouchable Part 2“ zu schreiben, leider jedoch wird dieses Level nicht im Entferntesten erreicht, vielmehr plätschert das Stück wenig mitreißend dahin und die eigentlich bei den Liverpoolern doch so wichtigen und groß geschriebenen Emotionen bleiben eher auf der Strecke.   

Auch in den äußerst ruhigen Nummern „Ghosts“ und „Close Your Eyes“ sind vom Gesang der Schwester von Drummer John Douglas bestimmt und so schön ihre Stimme und so hübsch-melancholisch insbesondere „Ghosts“ auch zweifellos ist (wenigstens kommen hier endlich mal echte Emotionen auf) – Leadsänger des Sextetts ist und bleibt immer noch Vinny Cavanagh, dessen wundervoll warmes und gefühlvolles Singorgan auf „The Optimist“ ganz eindeutig zu kurz kommt.

Doch wenn es nur das wäre; das Hauptproblem der Platte bleibt das alles in allem von wenig Inspiration gekennzeichnete Songwriting. Fast immer dieselben Songaufbauten mit ruhigem Beginn (meistens mit Klavier) und anschließender Steigerung, wobei das Grundgerüst stets recht simpel bleibt. Aus wenig viel zu machen, war immer die größte Stärke dieser Band, doch scheint sich dies langsam aber sicher abzunutzen, und wirklich starke Hooks, die hängenbleiben, sind auch nicht aufzufinden. Der Titeltrack rieselt unspektakulär vor sich hin, was ebenfalls für das folgende Instrumental „San Francisco“ gilt, das trotz erneuter Elektronik-Elemente zu wenig Einfälle bietet und daher ziemlich monoton wirkt.

Auch „Wildfires“ ist unglaublich öde ausgefallen, während „Springfield“ (auch wenn eine Menge Städte dieses Namens existieren, muss man sofort an eine gewisse gelbe Familie denken) trotz auch hier wenig Innovation zumindest eine Spur intensiver daherkommt ohne gänzlich vom Hocker zu reißen, „Can’t Let Go“ hingegen rockt endlich mal tatsächlich halbwegs, erinnert streckenweise allerdings frappierend an „Get Off, Get Out“ von „We’re Here Because We’re Here“.

Immerhin legen Anathema mit „Back To The Start“ ein gelungenes Finish hin; den klar besten Song des Albums haben sie sich bis zum Schluss aufbewahrt, der „The Optimist“ freilich nicht davor bewahrt, als kolossaler Fehlschlag abgestempelt werden zu müssen. Dass bei jener Komposition am Ende einige Minuten Leerlauf zu Buche schlagen, bevor ein völlig unnötiger und belangloser Hidden Track erklingt, passt gut ins Bild eines mageren Albums, denn verdammt noch mal: Ich hasse Hidden Tracks wie die Pest. Weil handwerklich natürlich gut gemacht und kompetent produziert, gibt es noch fünf Punkte – was bei dieser Band einem Offenbarungseid gleichkommt. Und jetzt gehe ich erst mal „Judgement“ hören…

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