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Alice In Chains: Rainier Fog

Auch die dritte DuVall-Platte kann überzeugen
Wertung: 8,5/10
Genre: Grunge/Alternative Metal
Spielzeit: 53:52
Release: 24.08.2018
Label: BMG

So recht mag man es kaum glauben, aber mit ihrer sechsten Full-Length-Studioplatte „Rainier Fog“ haben Alice In Chains nun genauso viele Alben mit William DuVall als Frontmann aufgenommen wie seinerzeit mit Layne Staley. Sicherlich besitzen die Werke, die in diesem Millennium entstanden, nicht denselben Status wie jene aus den seligen Neunziger Jahren, doch selbst die größten Kritiker sollten anerkennen, dass die heutigen AIC den damaligen zumindest verdammt nahe kommen. „Black Gives Way To Blue“ war 2009 ein nahezu sensationelles Comeback, das das Quartett mit dem (allerdings trotzdem starken) Nachfolger „The Devil Put Dinosaurs Here“ vier Jahre später nicht erreichen konnte.

Für den dritten Streich mit DuVall als Frontmann hat sich die Band erneut viel Zeit gelassen, wieder sind fünf Jahre ins Land gezogen – doch das Warten hat sich gelohnt. Nach dem (bewusst) eher monotonen und sicherlich alles andere als leicht zugänglichen Vorgänger wird auf „Rainier Fog“ wieder auf mehr Abwechslung gesetzt, was auch das Songwriting insgesamt etwas schneller zünden lässt. Wurden auf „The Devil Put Dinosaurs Here“ des Öfteren Riffs ausgiebig ausgereizt, ist auf dem vorliegenden Album deutlich mehr Dynamik vorhanden – auch Akustikgitarren spielen wieder eine größere Rolle.

Richtig stark präsentiert sich der Rundling vor allem in der ersten Hälfte: Die ersten vier Songs sind ohne Fehl und Tadel und weisen sämtliche Band-Trademarks auf (typischer Gitarrensound, zweistimmiger Gesang) und sind doch vollkommen unterschiedlich ausgefallen. Der vorab veröffentlichte Opener startet mit einem einzigen dissonanten, sich stets wiederholenden Akkord so simpel, wie man es sich nur vorstellen kann, entpuppt sich jedoch schnell als bockstarke, clever arrangierte und aufgebaute Nummer, die einen sofort in den AIC-Kosmos katapultiert. Eigentlich noch nicht einmal sonderlich originell, im Gegenteil, fast schon zu typisch für die Formation, aber wohl gerade deshalb gelungen – der eingängige Refrain trägt hier natürlich ebenso seinen Teil bei.

Der folgende Titelsong kommt flotter, rockiger und leichtfüßiger als die Erstlingsnummer daher – das tolle Mainriff setzt sich bereits nach Sekunden in den Hirnwindungen fest, womit Jerry Cantrell seine Position als Riffgott der Grunge-Szene einmal mehr bestätigt. Schön auch der spacige, schwebende Mittelteil, der dem Ganzen noch mehr Lässigkeit verleiht; textlich stellt das Stück eine Hommage an Seattle, die Heimatstadt des Grunge (und übrigens auch von Jimi Hendrix) und deren Bands dar, eine Mischung aus Nostalgie und Nach-vorne-Blicken.

„Red Giant“ wiederum ist ungleich schwermütiger geraten, getragen von einem erneut unglaublich starken und kraftvollen Mainriff und melancholischen Doppel-Gesangslinien – eine Headbanger-Nummer vor dem Herren. Selbst der trueste Metaller und größte Grunge-Verächter muss hier eigentlich mit der Rübe wackeln, ansonsten ist einem wirklich nicht mehr zu helfen. Einen totalen Kontrast bildet dann „Fly“; locker-flockig mit perlenden Akustikgitarren ausgestattet, besitzt das Stück einen poppigen und eher positiven Charakter, der sich aber eher in der relaxten Art des Songs manifestiert, denn in etwaigen seichten Anleihen.

Die zweite Hälfte von „Rainier Fog“ beinhaltet dann die etwas härteren Brocken. Während „Maybe“ noch mit erneut jeder Menge Akustikgitarren und sich empor schraubenden Gesangslinien ähnlich wie „Fly“ eher positive Vibes verbreitet und unbefangen und geradezu unverschämt lässig erscheint, ist „Drone“ von einem ganz anderen Kaliber. Mit eindeutigen Black Sabbath-Bezügen versehen, folgt die Nummer einem Blues-Schema, wobei in der Mitte ein erneuter Akustikgitarrenpart für ein wenig Auflockerung sorgt. Trotzdem vielleicht ein wenig lang geraten und im Gesamtkontext eher einer der weniger starken Tracks.

Auch die DuVall-Komposition „So Far Under“ wirkt zunächst etwas unspektakulär und farblos, bietet im Endeffekt aber doch auch ein sehr cooles, typisches AIC-Riff und darf auf jeden Fall zumindest als kleiner Ohrwurm bezeichnet werden. Außerdem gelingt den Seattlern mit „All I Am“ ein grandioser Abschluss: Ein epischer Siebenminüter von elegisch-schwermütigem Naturell, mit eindringlichen Gesangsmelodien und tollem Spannungsbogen – möglicherweise der beste Track des Albums.

Zusammengefasst überzeugen Alice In Chains auch mit ihrer sechsten Platte wieder nahezu auf ganzer Linie. Mag sein, dass die Combo nicht mehr so depressiv und kaputt tönt wie vor 20 Jahren, doch sind die Bandmitglieder inzwischen ja auch älter geworden, und im Vergleich zu manch anderer Comeback-Kapelle ist es aller Ehren wert, wie die Amerikaner trotzdem die wichtigsten Charakteristika beibehalten haben, sich selbst treu geblieben sind und sich dennoch nicht einfach nur plump wiederholen und selbst zitieren. Allein davor darf man den Hut ziehen.

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