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Alcest: Spiritual Instinct

Wieder klar härter als zuletzt – aber stets „schön und prächtig“
Wertung: 9/10
Genre: Blackgaze/Post Rock
Spielzeit: 41:01
Release: 25.10.2019
Label: Nuclear Blast

Als Alcest 2014 ihr viertes Album „Shelter“ herausbrachten, waren etliche Fans den überwiegend positiven Pressekritiken zum Trotz alles andere als begeistert – zu sehr hatten sich die Franzosen von ihren ursprünglichen Black Metal-Einflüssen entfernt und die extremen Elemente quasi komplett gekappt. Da verträumt wirkende und postrockige Passagen immer einen wichtigen Bestandteil sowohl des Alcest-Kosmos im speziellen als auch der Blackgaze-Szene im allgemeinen bildeten, war diese Entwicklung vielleicht nicht unbedingt überraschend, dennoch waren sicherlich nicht wenige Supporter erleichtert, dass man auf „Kodama“ wieder in eine etwas härtere Richtung tendierte und nicht komplett in die Esoterik-Ecke à la Anathema abdriftete.

Mit „Spiritual Instinct“, dessen Titel die Essenz der Band perfekt einfängt, kehrt das Duo Neige und Winterhalter nun endgültig und noch deutlicher zurück zu den Wurzeln („Ich wollte die dunkleren Seiten meiner Persönlichkeit betrachten“, so Kreativkopf Neige über die härtere, düsterere Ausrichtung), wobei trotzdem eine Weiterentwicklung erkennbar ist. Einen Schritt vor und einen zurück sozusagen, denn gekonnt wie nie zuvor werden die Black Metal-/Blackgaze-Elemente früher Tage mit den postrockigen und poppigen Komponenten der jüngeren Vergangenheit verzahnt, während zum Teil sogar heftiger gerifft wird, als man es erwartet hätte. 

Im Opener „Les Jardins De Minuit“, der nach einem kurzen Intro schnell Fahrt aufnimmt und sich mit Blastbeats und schwarzmetallisch geprägten Gitarren präsentiert, sieht man sich sofort mit dieser Tatsache konfrontiert. Imponierend ist vor allem die Art und Weise, wie Melodie und Aggressivität verbunden und stetig Tempowechsel vollzogen werden; dies mag nicht unbedingt etwas Neues sein, aber diese unglaubliche, unauffällige Leichtigkeit und Eleganz, mit denen Alcest zwischen den Extremen pendeln, ist schon bemerkenswert, und das wiederkehrende Hauptriff, das den Fixpunkt bildet, darf man dabei sogar als eingängig bezeichnen.

Dass Neige sich mittlerweile auf einem äußerst hohen kompositorischen Niveau bewegt, beweist allerdings auch der Rest der Scheibe: Fast noch eingängiger als die Eröffnungsnummer stellt sich „Protection“ dar, wobei auch hier nicht auf Tempowechsel und Dynamik verzichtet wird. Als griffigste Nummer jedoch erweist sich „Sapphire“, das mit einem durchgängigen 4/4-Drumbeat eine simple Basis bildet, und damit und dem Umstand, dass es als einziger Track positivere Vibes verbreitet, zwar etwas aus dem Rahmen fällt, atmosphärisch aber dennoch eine Einheit mit den restlichen Tracks bildet und ebenfalls mit sehr hübschen Melodiebögen glänzen kann.

Auch „Le Miroir“ besitzt nicht die Breitband-Epik des übrigen Materials, sondern ist von einem hypnotischen Charakter gekennzeichnet. Im Gegensatz zu „Sapphire“ ist die Stimmung allerdings derart deprimierend – verstärkt noch durch die sporadischen weiblichen Klagegesänge –, dass man als Hörer zwangsläufig mitleidet. Das Herzstück markiert das in der Albummitte platzierte „L’Île Des Morts“, eine elegische Achterbahnfahrt der Emotionen, ein Konglomerat aus säuselnden, einnehmenden Clean-Vocals, epischen Screams, metallisch geprägten treibenden Uptempo-Passagen und idyllischen Postrock-Anleihen. Diese Neun-Minuten-Nummer bündelt alles, wofür Alcest stehen, in einem einzigen Song auf anschauliche Weise.

Wem die letzte(n) Platte(n) zu esoterisch oder weichgespült war(en), dürfte mit „Spiritual Instinct“ wieder versöhnt werden. Nicht nur, dass der Härtegrad wieder klar angezogen wurde, die Herren aus der schönen Provence beherrschen auch die Kunst, trotz dieser Tatsache alles sehr edel, stilvoll und aus einem Guss klingen zu lassen, woran die geradezu graziöse Produktion einen nicht unerheblichen Anteil besitzt, die die Ästhetik der Formation formidabel einfängt. Neige sprach immer davon, dass er gerne schöne und prächtige Musik machen will und diese Mission hat er einmal mehr in eindrucksvoller Manier erfüllt. Das Attribut „prächtig“ ist vor allem für den feierlichen Titeltrack, der Alcests sechste Platte wunderbar abrundet und beschließt, genau der richtige Ausdruck. Die Franzosen sind auf dem Höhepunkt ihres Schaffens angekommen – „Spiritual Instinct“ ist beeindruckende, dunkle, melancholische Klangkunst und ein wunderbares Herbstalbum.

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