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Alcest: Le Secret

In neuem Gewand noch fesselnder
Wertung: 8.5/10
Genre: Shoegaze, Black Metal, Post-Rock
Spielzeit: 54:17
Release: 20.05.2011
Label: Prophecy Productions

Vor 2005 wäre man für die Aussage, dass sich bald eine Spielart des Black Metals entwickeln würde, die Rauheit und Kälte gegen verträumte, leuchtende Soundsphären eintauscht, wohl in erster Linie schallend ausgelacht und für verrückt erklärt worden – und doch ist es dazu gekommen, dass sich ein namenloser, nur gelegentlich „Blackgaze“ genannter Stil herausgebildet hat, der eben jene unwirkliche Stimmung erschafft und zahlreiche Nachahmer mit sich bringt. Den Grundstein hierfür legte dem allgemeinen Konsens nach der Franzose Neige, der mit seinem Soloprojekt Alcest nach dem Black-Metal-Debüt „Tristesse Hivernale“ mit der EP „Le Secret“ bis dato unbekannte Gefilde betrat, die nun mit dem Re-Release dieser zwei Songs umfassenden Veröffentlichung in neuem Gewand besucht werden.

Obwohl schon vorher Musiker aus dem Black Metal mit Ambient und Post-Rock experimentiert haben, transportieren die beiden Stücke der EP doch ein gänzlich anderes Gefühl – die unterschiedlichen Genres kreisen nicht mehr lediglich umeinander, sondern werden zu einer neuen Einheit aus Black Metal, Shoegaze und Post-Rock, in der sich zwar alle Zutaten identifizieren lassen, aber niemals eindeutig die Führung übernehmen. Wer bereits andere Songs des Projektes gehört hat weiß, dass die Musik Alcests eine ganz eigene Atmosphäre besitzt, die vor dem inneren Auge des Hörers weitläufige, von sanften Lichtern durchzogene Traumlandschaften errichtet, die sich mit Worten nur schwer beschreiben lassen. Auch die zwei auf „Le Secret“ vertretenen Stücke ließen schon 2005 diese faszinierende Welt aus Klängen erahnen, kommen jedoch auf der Neuauflage noch einmal wesentlich besser zur Geltung – neben fünf verschiedenen Varianten der EP (CD, Digibook, Vinyl etc.) in neuer Aufmachung wurden die Songs nämlich komplett neu aufgenommen und dem Standard des letzten Albums „Écailles De Lune“ angepasst.

Diese Neueinspielungen entpuppen sich dabei als hervorragende Idee, lassen sie die EP doch in ganz neuem Glanz erstrahlen – das moderne, gleichzeitig abgehobene und organische Klangbild ermöglicht einen wesentlich differenzierteren Eindruck als die ebenfalls auf der CD zu findenden Urversionen, die mit ihrem verwaschenen, scheppernden Sound einen gewissen Black-Metal-Charme versprühen, obgleich man bei „Le Secret“ schon keineswegs mehr von diesem Genre im ursprünglichen Sinne sprechen kann. In überarbeiteter Fassung vermögen es der titelgebende Song und „Élevation“ mehr denn je, denn Hörer ganz und gar in träumerischem Ambiente gefangen zu nehmen: Reverb-lastige Gitarrenwände treffen auf sirrende Post-Rock-Leads und minimalistische Ambient-Passagen, häufig begleitet von Neiges wandelbarem Gesang – der ätherische Klargesang und die verzweifelten Screams gleichermaßen gehören dabei zum Besten, was Black Metal und Shoegaze derzeit zu bieten haben.

Dass die Songs dabei einer sehr klaren Linie folgen, ist nicht gleichbedeutend mit Abwechslungsarmut, denn dank dem komplexen und durchdachten Songwriting, mit dem Neige sich seinen guten Ruf erspielt hat, lässt sich der Klangkosmos in jeder seiner Facetten besonders intensiv wahrnehmen. „Le Secret“ lullt den Hörer mit ausgedehnten Passagen fragilen Gitarrenspiels sanft ein, hält ihn jedoch durch die sich langsam aufbauenden, charakteristischen Harmonien zwischen Shoegaze und schwarzmetallisch konnotiertem Post-Rock mit zahlreichen Klimaxen stets zwischen den Welten des Wachens und Schlafens, in die Neiges hoher Gesang wie eine Stimme aus einer anderen Welt dringt. In „Élevation“ hingegen kommt die musikalische Vergangenheit des Franzosen stärker zum Ausdruck, was sich insbesondere in den durchdringenden Kreischern, aber auch der faszinierenden Symbiose aus Shoegaze und Blastbeats niederschlägt – jedoch sollte man auch hier nicht allzu viel Black Metal erwarten, denn letztlich bleibt die Alcest'sche Stimmung auch hier noch erhalten und driftet in den zahlreichen introvertierteren Momenten wieder gänzlich von düsteren Gefühlslagen fort.

Lange Rede, kurzer Sinn: Für Fans von Alcest und Neiges Schaffen allgemein ist diese Veröffentlichung aufgrund des Mehrwerts in Form der Rerecordings und der Neuaufmachung der EP jeden Cent wert, denn die beiden Songs haben nichts von ihrer Magie eingebüßt und gewinnen in ihren neuen Versionen noch einmal an Qualität, während die Tatsache, dass die ursprünglichen Aufnahmen nur noch schwer erhältlich sind, den Kauf auch für Sammler legitimiert. Doch auch wer Alcest noch nicht kennt und sich gerne mit diesem speziellen Sound beschäftigen möchte, kann hier nichts falsch machen, denn „Le Secret“ stellt für Neulinge dank der gleichwertigen Qualität einen ebenso guten Einstieg wie der Rest der Diskographie dar.

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