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Albert Kuvezin & Yat-Kha: Re-Covers

Macht Hunger auf mehr
Wertung: 8/10
Genre: World Music
Spielzeit: 47:59
Release: 24.06.2005
Label: Pläne Records

Bevor den westlich geprägten Hörer beim Erklingen der Stimme von Protagonist, Leadgitarrist und "Yat-Kha"-Sänger Albert Kuvezin vollends der Kulturschock packt, sollten ihm einige Hintergrundinformationen zur Verfügung gestellt werden:

Sein einzigartiger Stil nennt sich Kanzat, eine Spezialform des Untertongesangs, so unglaublich tief, dass er selbst das Chanten tibetischer Mönche wie Falsettgesang klingen lässt.

Ähnlichkeiten mit dem Großen Khan sind nicht nur rein optischer Natur; seine Band stammt tatsächlich aus jenem sagenhaften Landstrich in dem der Mongolenfürst seine Reiterhorden rekrutierte: Aus Tuwa.

Als autonomer Staat zwischen Russland und der Mongolei, ist Tuwa eine dieser seltenen Weltgegenden, in denen der Kehlkopfgesang im Allgemeinen zur Meisterschaft entwickelt wurde und Albert Kuvezin im ganz Speziellen meiner Meinung nach zu den besten seiner Art zählt.

Die Behauptung, Yat-Kha seien die Punks der zentralasiatischen Musik, hat Hand und Fuß; sie brechen mit der Tradition, verwerfen aber das Alte nicht vollends, sondern reichern es mit dem Besten aus allen Kulurkreisen und Zeiten an: Verzerrte E-Gitarre genauso wie mongolisches Cello, Evolution wie Revolution, schlichtweg Weltmusik.

Dass die Praxis laut Murphy's Law keinen Plan intakt lässt, ist unverändert auch auf "Yat-Kha" zu übertragen: Hätte im Sommer/Herbst 2004 doch die Arbeit am neuen Album im Vordergrund gestanden, machte ein Krankenhausaufenthalt von Kuvezin der ganzen Sache doch einen gewaltigen Strich durch die Rechnung.

Die Zeit wurde aber hinreichend von ihm genutzt, um geradezu jeglichen musikalischen Input aus aller Herren Länder, der ihn zeitlebens begleitet, aufzusaugen und auf seine ganz eigene Art hin zu untersuchen.

Zurück im Studio begannen er und seine Bandkollegen nun, über die Jedermannsmelodien zu jammen, um im letzten Schritt die Musikformate von Country und Rock bis hin zu Metal und Techno unter der Federführung von Weltklasse-Weltmusikproduzent Ben Mandelson zu ihrem Eigenstil zu fusionieren.

Albert Kuvezin gelingt es ausgezeichnet, sowohl härtere als auch balladeske Züge einzuschlagen, zumindest so gut das seine Stimme zulässt, soviel vorweg.

Die Songauswahl hierbei kam durch Berücksichtigung von Internationalität, Vielseitigkeit und Klangbreite zustande; das Endergebnis hat bis auf den Text vielerorts weder vom Riffing noch vom Aufbau her etwas mit den Originalen zu tun.

Ein derartiges Tribute-Album mit einem konsequent interpretierenden statt einfach nachzuspielenden Charakter weckt doch direkt Assoziationen mit dem ähnlich konzipierten "Strange Little Girls" von Pianokoriphäe Tori Amos.

Der Quervergleich hinkt tatsächlich nicht, alleine schon aufgrund des eher untypischen Urmaterials (so ist auf beiden Tonträgern ein "Slayer"-Cover enthalten, also für derartige Verhältnisse eher befremdliches Terrain), aber kann dieses Album im kritischen Test überhaupt an dieses Niveau anknüpfen, was mir schier unmöglich erscheint?

Die Musik, mit der man nun am Ende dieses Prozesses konfrontiert wird, ist so facettenreich und verspielt, dass es mir alleine schon schwer fällt, alle verwendeten Instrumente aufzuzählen, aber es sind auf jeden Fall eine ganze Menge und dabei und doch keines zuviel.

Ich möchte mal anhand von drei exemplarischen Tracks eine Beurteilung für das Gesamtalbum abgeben, da man hier durchaus vom Kleinen auf das Große schlussfolgern kann und die Tracks durchgängig gleichbleibendes Niveau haben.

Exotisch, befremdlich, aber genauso auch eingängig, tanzbar und ungewöhnlich bekannt erscheint der Opener "When The Levee Breaks"; ganze Rhythmusstrukturen wurden umgestellt, kein einziges Riff übernommen, aber schlechter als das superbe Original ist es nicht.

 

Ganz im Gegenteil, diese Neuinterpretation setzt da an, wo in Punkto Intensität und stilgetreuer Athmosphäre noch Raum zu gewinnen ist, und, das behaupte ich als knochenharter Led Zeppelin-Anhänger, ist verdammt schwer.

Meine nächste Wahl ist "In A Gada Da Vida"; im Booklet ist auch "Slayer" als Interpret vermerkt, also scheint sich Herr Kuvezin hier an beiden Versionen zu orientieren.

Langsame, von seiner mächtigen Low End-Stimme getragene Strukturen, die dabei noch tanzbar wie Sau bleiben, dominieren, das lässt sich schon ab der ersten Strophe erkennen; die Verse werden jedoch bei 1:30 und 2:44 von einem unfreiwillig lächerlich wirkenden "Absturz" verbunden, der zumindest bei mir überhaupt nicht zieht.

Interessant auch, dass das sonst so markante Hauptriff des Originals bis wenige Sekunden vor Schluss zurückgehalten und dann noch schnell von Albert mitgebrummt wird.

Letzter im Bunde soll nun "Black Magic Woman" sein, noch ein Song, den ich früher schon abgöttisch geliebt habe.

Yat-Kha schaffen es erneut, neue, stilvolle und passende Strukturen hineinzubringen und nicht statisch nachzuspielen, dafür heimsen sie sich bei mir jedenfalls ein fettes Lob ein.

Die Stimme unseres eigensinnigen Fronters schlägt sich selbst, passt sie doch tatsächlich in den Song wie keine zweite; im Vers hat dieser Untertongesang fast erotisierende Wirkung, dazwischen ein paar Fetzen Russischcrashkurs, aber auch längeren Instrumentalpassagen lässt sie ausreichend Platz.

Ich muss sogar sagen - soviel am Rande - dass ich mir dank dieser Platte und der ihr zugrunde liegenden Rezension wieder mal meine hier vertretenen Lieblinge aus dem Regal gekramt habe.

Insgesamt lässt sich festhalten, dass das ganze Album hindurch kein einziger schwerwiegender Fehler gemacht wurde.

"In diesem global geprägtem, satelliten verbundenem, weltweit vernetztem, multi kulturell verschmolzenem Zeitalter, in dem jeder etwas von jedem gelernt hat, erscheint es nahezu unmöglich, eine Musik zu machen, die völlig neu und eigenständig ist. Dennoch, dies ist die Musik von Yat- Kha." schreibt "The Glasgow Herald", wahre Worte.

Wie schon eingangs erwähnt, an das grenzgeniale "Strange Little Girls" kommt dieses Werk leider zu keinem Zeitpunkt heran, aber das kann auch kaum beabsichtigt gewesen sein.

Sollte man eine reine Stilnote vergeben, würden die Jungs schon an der 10/10 kratzen, aber es geht da doch um etwas mehr.

Die Auswahl spiegelt den Weltaspekt glaubwürdig und ehrlich wieder, dennoch kann man mit mehr oder weniger fremden Material nur bedingt den Selbstfindungsprozess beschreiten, da ich vom Format des Tribute Albums generell nicht allzuviel halte.

"Re-Covers" zählt hierbei aber zu dem zweitbesten, mir bekannten Alben und muss hauptsächlich deswegen mit einer 8 "bestraft" werden, weil ich dazu auffordern möchte, endlich zum eigentlichen, ursprünglich geplanten Album überzugehen, was deutlich höher bewertet werden dürfte, wenn sie keine weltbewegenden Fehler machen.

Verdammt noch mal, ich will endlich mehr von Yat-Kha mit Eigenkompositionen hören!

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