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Akphaezya: Anthology II

Verwirrend und abgefahren
Wertung: 7/10
Genre: Progressive Metal
Spielzeit: 49:34
Release: 18.07.2008
Label: Ascendance Records

Interessant, auf was für neue, bisher noch nicht dagewesene Sounds man immer wieder so trifft. Wie oft hat man schon gedacht, dass es eigentlich nichts Neues mehr in der Musik geben kann, dass jedes Extrem ausgereizt wäre – und dann tauchen doch hin und wieder noch Bands auf, die in der Lage sind, einen zu überraschen. Die Franzosen mit dem nicht gerade leicht zu merkenden Namen Akphaezya (keine Ahnung, wie man das ausspricht...) sind eine dieser Combos.

Was für einen Stil diese aus einer Frau und drei Männern bestehende Formation spielt, lässt sich dementsprechend kaum in Worte fassen. Elemente aus Jazz, Extrem-Metal und Klassik geben sich hier die Klinke in die Hand und werden in den Stücken gerne munter durcheinander gewirbelt – was nach dem ersten Hören erst mal ein dickes Fragezeichen aufwirft und zunächst den Eindruck hinterlässt, es handele sich hier um pures Chaos.

Gerade bei solch krassem Vermischen von Stilen stellt man sich natürlich gerne die berühmt-berüchtigte Frage, ob das jetzt Kunst ist oder letztlich nur ein pseudo-avantgardistischer Aufguss, bei dem der Versuch unternommen wurde, das Ganze auf modern und intellektuell zu trimmen.

Gewöhnungsbedürftig ist die Chose zweifellos und es sind schon mehrere Durchläufe nötig, um ein adäquates Urteil über dieses Album fällen zu können, denn Akphaezya bauen wirklich in jedem Song andere stilistische Mittel ein.

Allein „Chrysalis“ – praktisch der Opener, wenn man von dem einen allerdings gleich in eine ganz eigene Stimmung versetzenden, psychedelisch-avantgardistischen Intro „Preface“ mit seinen Portishead-artigen Schlagzeug-Sounds absieht – ist schon äußerst anstrengend, wenn man es das erste Mal hört. Blastbeats, unterlegt mit Röchelgrowls, wechseln sich mit gedoppelten, melodischen Gesangslinien von Frontdame Nehl Aelin ab, dazwischen gibt es zahlreiche Breaks, Rhythmus-, Takt- und Tempowechsel und eine Jazz-mäßige Passage, bei der vor allem das Klavier dominiert, welches allerdings ohnehin eine tragende Rolle auf dieser Scheibe spielt. Wenn man die Struktur hier erst mal erfasst hat, muss man schon zugeben, dass es beeindruckend ist, ein solches Stück auf diese Art zu schreiben und so viele Stile und Wechsel unter einen Hut zu kriegen, ohne den roten Faden völlig außer Acht zu lassen.

Obwohl es sich bei diesem Song also um absolutes Kopfkino handelt, ist es aber bei weitem noch nicht der am schwersten zugänglichste, auch wenn das folgende, balladeske „Beyond The Sky“ einen nach dieser Achterbahnfahrt erst einmal etwas durchschnaufen lässt. Sehr schön, was für Akkorde, Gitarrist Stephan H da auf seiner Akustikklampfe zum Besten gibt, die teilweise sehr erfreulich vom Standard abweichen; Nehl singt sehr sanft – aber auch bei so einem eher ruhigen Song hat die Band Überraschendes auf der Pfanne, denn ab der Mitte geht man plötzlich zu orientalischen Harmonien und dementsprechendem Gesang über. Ziemlich verrückt sind dann definitiv ebenfalls „Khamsin“, bei dem besonders die psychedelischen Klänge zu gefallen wissen und „Reflections“, das zwischen völlig geisteskrankem Gesang von Madame Aelin in der Bridge und einem ziemlich geilen, erstaunlich eingängigem Refrain wechselt.

Es erklingt dann als Überleitung das mit barocken Läufen ausgestattete „Awake“, das mir persönlich sehr gut gefällt, bevor man mit „The Golden Vortex Of Kaltaz“ den härtesten Song des Albums anstimmt. Dabei geht es ganz ruhig mit Chopin-artig schwermütigen, düsteren Piano-Klängen los, die dann in einen Tango überleiten, doch anschließend geht es voll auf die Zwölf und hier kann Nehl auch ihre Fähigkeiten in Sachen Growls unter Beweis stellen, die bei „Chrysalis“ lediglich sporadisch auftauchten und sich für eine Frau auch recht böse anhören.

„The Secret Of Time“ ist dann wieder völlig anders, man fährt hier wieder eher die orientalische Schiene und leitet sehr schön in den melancholischen Kurztrack „Stolen Tears“ über, der trotz des Titels sehr hübsch und unkitschig daherkommt.

Bei „Trance: H.L.4“ handelt es sich um ein ziemlich experimentelles Stück, das irgendwie stark an „Pow R. Toc H.“ vom Pink-Floyd-Debüt „The Piper At The Gates Of Dawn“ erinnert, das sicherlich für alle, die Akphaezya mögen, auch interessant wäre (ist ebenfalls ziemlich abgefahrenes Zeug...).

Abgefahren ist auf jeden Fall auch der letzte Song „The Bottle Of Lie“, bei dem wieder zahlreiche Breaks und experimentelle Sounds (sprich bunt durcheinander gewürfelte Stilrichtungen) vorhanden sind. Hier gibt’s leichtfüßige Jazz-artige Passagen, dort dissonante Akkordeon-Klänge, geisteskranken Gesang, ein Gitarrensolo über einem Reaggae-Beat – puh, alles andere als Easy-Listening...

Schwer fällt daher auch das Fazit aus: Viele werden sicherlich gar nichts mit dieser Art Musik anfangen können – ich persönlich jedoch bin einiges gewöhnt und mag Experimente, Extreme und Überraschendes. Ich habe schon etliche ziemlich kranke, abgefahrene Sachen beispielsweise aus dem neoklassischen Bereich wie Stockhausen, Berg oder Schostakowitsch oder im Progressive-Rock-Bereich King Crimson gehört, aber nur wenn etwas extrem ist, muss es deswegen nicht gleich gut sein (Stockhausen zum Beispiel sagt mir nun gar nicht zu).

Ich ziehe den Hut vor der Leistung der Band, gerade vor der wirklich talentierten, mit einem enormen Stimmumfang gesegneten Nehl Aelin, die im Übrigen auch für die Tasteninstrumente zuständig ist und insgesamt finde ich diese etwas andere Art des Progressive Metal zumindest sehr interessant und innovativ, wenn auch manchmal ein wenig zu sehr bemüht, möglichst viele Stilrichtungen in einem Song unterzubringen. Aber okay: Man experimentiert auf diesem ersten Album halt noch kräftig herum und gute Musiker sind hier wie erwähnt ganz klar am Werk.

Ein wenig kränkelt die Scheibe an einer recht mageren Produktion, was etwas schade ist, denn dann wäre eine noch bessere Bewertung drin. Trotzdem ein gutes Debüt, in das alle Freunde von experimentellen Klängen reinhören sollten, einer Band, die definitiv eine der eigenständigsten und ungewöhnlichsten der Szene sein dürfte.

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