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Akercocke: Renaissance In Extremis

Tolles Comeback einer faszinierenden Band
Wertung: 9/10
Genre: Progressive/Death/Black Metal
Spielzeit: 54:22
Release: 25.08.2017
Label: Peaceville

Zehn Jahre ist es schon her, dass Akercocke ihr letztes Album „Antichrist“ veröffentlichten, seit 2012 waren die britischen Satansbraten überhaupt nicht mehr aktiv. Umso überraschender kam die Reunionsankündigung im letzten Jahr, natürlich gekoppelt an den Release einer neuen Platte. Die Band war zweifellos stets eine der interessantesten, visionärsten und durchgeknalltesten Gruppen im extremen Bereich – auch wenn der einfallslose und klischeehafte Titel des letzten Werkes dies nicht unbedingt vermuten lassen würde. Jene Scheibe fuhr gute Kritiken ein, besonders in Erinnerung geblieben sein dürfte jedoch vornehmlich das großartige „Words That Go Unspoken, Deeds That Go Undone“ (2005), mit dem die Engländer ihren kreativen Zenit erreicht hatten.

Das Comeback hatte Frontmann Jason Mendonça mit den Worten „erwartet Drama, Chaos und eine neue Atmosphäre“ beschrieben, was gleich die Ohren spitzen lässt, denn das hört sich wahrlich nicht nach einer Band an, die auf Nummer Sicher geht, um nach längerer Absenz keine alten Fans zu vergraulen, sondern im Gegenteil sich ganz bestimmt nicht wiederholen will. So sprach der Sänger und Gitarrist außerdem davon, dass man auch lyrisch eine etwas andere Richtung einschlagen wollte – waren früher Sex und Satanismus die bestimmenden Themen, sind die Texte auf „Renaissance In Extremis“ persönlicherer Natur und teilweise sogar von einer eher positiven Herangehensweise gekennzeichnet, was sich vor allem bei „Inner Sanctum“ manifestiert.

Musikalisch hingegen tendiert man insgesamt nun in eine technischere und progressivere Richtung. Schon der Opener „Disappear“ zeigt, wohin die Reise geht: Bei dieser aufregenden Achterbahnfahrt platziert man sich irgendwo zwischen technischem Death Metal und Thrash-Anleihen. Allein die ebenso virtuosen wie geschmeidigen Gitarrensoli von Rückkehrer Paul Scanlan und das verspielte Drumming zeigen, dass die Jungs in den letzten Jahren nicht faul auf ihren Ärschen herumgesessen, sondern sich handwerklich noch mal eine Schippe mehr draufgeschafft haben.

Doch auch wenn die Band stilistisch eine leichte Kurskorrektur vorgenommen hat, braucht niemand zu befürchten, sie hätte sämtliche Trademarks über Bord geworfen. Sie lieben es nach wie vor, mit extremer Dynamik zu spielen, will heißen: auf das fieseste Geknüppel kann plötzlich ein ätherischer, schwebender Wattebauschpart folgen, und Jason Mendonça hat noch immer alle möglichen Laute, die die menschliche Stimme hergibt, auf dem Kasten: Er singt, säuselt, schluchzt, flüstert, schreit, brüllt, kreischt und grunzt – je nachdem. Dennoch hat man bei aller Qualität der ersten drei Songs das Gefühl, dass dieser völlige Wahnsinn, welcher die alten Werke auszeichnete, nicht mehr in dieser Form präsent ist.

Allerdings wies Mendonça ja darauf hin, dass man auch atmosphärisch einiges geändert habe, außerdem ist es beim absolut grandiosen „First To Leave The Funeral“ (geiler Titel) dann doch so weit: Vollkommen geistesgestörter Gesang und ein furioser Songaufbau machen das Stück zu einem ganz großen Highlight der Platte. Sehr cool, wie man am Ende sogar noch Hörner eingebaut hat, die dem Ganzen noch mehr Tiefe und Dramatik verleihen – „To The Mountains“ von Satyricon lässt ein bisschen grüßen. Auch über das folgende, mächtige „Familiar Ghosts“ dürften alte Fans jubeln – hier handelt es sich um jene ebenso faszinierenden wie kranken Tracks, die diese Formation besonders auszeichnen.

In diese Kategorie fallen auch die mit ebenfalls sehr schönen Titeln versehenen Nummern „A Final Glance Back Before Departing“ und vor allem das finale „A Particularly Cold Sept“. Letzteres beginnt wunderschön mit ruhigen Cleangitarren, um einen elegischen Part mit Saxophon (!) und Trompete (!!) einzuleiten. Keine zwei Minuten später werden einem dann wieder Blastbeats um die Ohren gehauen und Mendonça grunzt sich das Zwerchfell aus dem Leib, während am Ende des Epos ein ausgiebiges Gitarrensolo zu Buche steht. In der Beschreibung mag sich das wirr anhören, doch wer die Band kennt, weiß, dass es funktioniert. So sieht schlicht spannendes und unvorhersehbares Songwriting aus.

Und da auch die kürzeren Songs wie das melancholische, fast ausschließlich clean gesungene „One Chapter Closing For Another To Begin“ und das erneut mit technisch ganz feinen Gitarrenleads versüßte „Inner Sanctum“ in jeder Beziehung überzeugen können, kann man Akercocke nur zu einem mehr als gelungenem Comeback gratulieren. Sie bleiben eine äußerst faszinierende Combo, die ganz offensichtlich mit ihrer Kreativität noch lange nicht am Ende ist – eine längere Pause kann eben auch mal gut tun.

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