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Abingdon Boys School: Teaching Materials

Schafft den schweren Spagat zwischen Härte und Pop
Wertung: 8.5/10
Genre: J-Rock/Alternative Rock
Spielzeit: 57:14
Release: 30.10.2009
Label: Gan Shin Records

J-Rock ist wohl eines dieser Genres, von dem man hierzulande außerhalb der entsprechenden Szene kaum etwas mitbekommt und dessen Popularität sich demzufolge auch zum größten Teil in Insiderkreisen zeigt. Dass einige Bands des Genres in ihrer Heimat Japan echte Megastars sein können, während die Mehrheit hierzulande nichts mit ihren Namen anfangen kann, ist wohl als direkte Folge daraus zu sehen. Abingdon Boys School gehören zu diesen Bands: Am anderen Ende der Welt zeichnet das Quartett bereits für ein 2007 erschienenes, selbstbetiteltes Debütalbum, einige Charterfolge sowie diverse Singles, die als Titelmusik in mehreren erfolgreichen Anime-Serien Verwendung fanden, verantwortlich; hierzulande erscheint mit "Teaching Materials" erst jetzt die erste europäische Veröffentlichung, die eine Sammlung von Singles darstellt und darüber hinaus den Startschuss für die Europatour der Band liefert.

Nun muss ich zugeben, dass ich selbst ein relativer Neuling im J-Rock-Feld bin. Trotzdem habe ich gewisse Erwartungen an den Sound und insbesondere die äußere künstlerische Konzeption, die bei japanischen Bands bekanntermaßen sogar noch größere Bedeutung hat als hierzulande – beispielhaft sei die Visual-Kei-Szene genannt, der ich Abingdon Boys School jedoch nicht zuordnen würde. Insbesondere in Hinblick auf letztgenannten Punkt enttäuscht mich die Truppe dann auch in keinster Weise: Als Vorbild hielten Schülerbands her, was man an der Benennung nach einem Internat im englischen Oxfordshire sowie dem Auftreten der Band in einheitlichen Schuluniformen mit eigenem Wappen deutlich erkennt. Glücklicherweise beschränkt sich der Anstrich aber nur auf das Image; von Pennälerkönnen sind Abingdon Boys School indes meilenweit entfernt.

Als charakteristischen Sound kann man auf jeden Fall das akzentuierte und vielseitig eingesetzte Gitarrenspiel im Zusammenklang mit Takanori Nishikawas erstklassigem Tenorgesang, komplexem Drumming, geschickter Produktion und jeder Menge elektronischen Effekten festhalten. Letztere geben der Musik einen ziemlich futuristischen Anstrich, der durch bestimmte Produktionsmethoden wie das kurze, komplette und plötzliche Abschneiden des Sounds am Ende von Breaks oder Songteilen noch deutlich verstärkt wird. Dieses Grundfundament kombinieren Abingdon Boys School mit ausgeprägtem dynamischen Gespür, einer guten Dosis Bombast und vor allem jeder Menge Melodie. Auf beeindruckende Art und Weise schaffen sie dabei den Spagat zwischen Pop und Härte, den eine westliche Rock-Koryphäe namens Josh Homme einmal folgendermaßen formulierte: "Rock'n'Roll sollte hart genug für die Männer und weich genug für die Frauen sein." Tatsächlich sollten die vier Japaner leicht in beiden "Lagern" ihre Anhängerschar finden können.

Das Ergebnis sind Songs wie "Nephilim", "Desert Rose" oder "Nervous Breakdown", die ausgeklügelt konzipiert sind, vielseitig und kraftvoll klingen und vor allem durch den schon erwähnten Gesang, der stellenweise sogar vom hierzulande im Alternative Rock eher selten gehörten Vibrato Gebrauch macht, an Qualität gewinnen. Die Texte sind größtenteils auf Englisch gehalten, jedoch finden sich vereinzelt auch japanische Tracks auf "Teaching Materials", die durch ihren fremdartigen Klang besonders reizvoll erscheinen. In dieser Hinsicht ein besonderes Highlight: der letzte Track namens "Kimi No Uta", dessen Refrain musikalisch fast schon als Bestandteil eines Musicals durchgehen könnte.

Mit zunehmenden Hördurchläufen zeichnet sich eine gewisse Entwicklung in der Rezeption der Platte ab: Zunächst erscheint der stark elektrifizierte Rocksound mit seinen vielen Klangfacetten zumindest dem Neuling fremd und es bleibt nicht allzu viel hängen. Nach und nach kristallisieren sich aber immer mehr zündende Ideen und Melodien heraus, die sich im Ohr festsetzen und zu begeistern wissen. Nach noch längerer Zeit stellt sich eine Art süßliche Übersättigung ein und der Rezensent beginnt, Dynamik und Bombast als überladen und erdrückend zu empfinden. Bis dahin hat man aber einige Durchläufe großen Spaß an "Teaching Materials", während derer man stetig auf neue Soundfacetten stößt. Der Übersättigungszustand baut sich auch schnell wieder ab, sodass am Ende ein faszinierendes Album einer talentierten und hochprofessionell wirkenden Band steht, das nicht nur J-Rock Anhängern, sondern allgemein Fans gerade progressiv angehauchten Alternative Rocks nur empfohlen werden kann.

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