Kreator, Caliban, Eluveitie, Emergency Gate im Konzert (März 2009, Hamburg)
Wenn das Flaggschiff des deutschen Thrash Metal ein neues Album veröffentlicht, kann man davon ausgehen, dass man Qualität vorgesetzt bekommt. Auf das Urgestein Kreator ist schließlich stets Verlass und mit dem organisch produzierten „Hordes Of Chaos“, auf dem die Band beweist, dass sie immer noch bestens in der Lage ist, wütende Thrash-Salven zu komponieren, haben die Essener erneut eine überzeugende Platte im Gepäck.
Wer Songs wie den Titeltrack, „Warcurse“ oder „Destroy What Destroys You“ gehört hat, wird sicherlich meiner Vermutung zustimmen, dass sich diese bestens im Live-Set von Kreator machen werden. Ob diese Erwartungshaltung tatsächlich erfüllt werden kann, wird sich später zeigen, zunächst einmal gilt es, ganze vier Vorbands zu überstehen. Übrigens eine äußerst merkwürdige Zusammenstellung: Mit Emergency Gate ist eine Melodic-Death-Metal-Band am Start, es folgt mit den Schweizern Eluveitie eine Folk-Metal-Combo, während die dritte Vorband Caliban sich bekanntermaßen dem Metalcore verschrieben hat.
Diese stilistisch bunt zusammengewürfelte Kombination ist möglicherweise auch der Grund, weswegen die Halle nicht ausverkauft ist – obwohl es sich immerhin um den Tourauftakt in Deutschland handelt – und einige größere Lücken in der Masse aus alteingesessenen Old-School-Metallern mit Kutte auf der einen Seite und Metalcore-Kids auf der anderen klaffen. Man kann sich natürlich fragen, ob diese Zusammenstellung nicht etwas unglücklich ist, aber zumindest bekommen die Zuschauer eine stilistisch breit gefächerte Palette geboten.
Eluveitie
Von der siebenköpfigen Band Emergency Gate bekomme ich leider nichts mit, da die Show offensichtlich bereits um 19 Uhr beginnt und der Verfasser dieser Zeilen etwas später aufkreuzte, weil er sich noch vom Winternachtstraum-Festival, welches an den beiden Vortagen stattfand, erholen musste.
Trotz lediglich zwei Stunden Schlaf in der Nacht zuvor und daraus resultierender Müdigkeit, die einen eher ans Bett als an ein neuerliches abendliches Konzert denken lassen, reißen mich Eluveitie doch ziemlich schnell mit, kaum dass ich den Club betreten habe.
Die Schweizer haben sogar noch eine Person mehr im Line-up als Emergency Gate und dabei natürlich weitaus exotischere Instrumente als die Melodic Deather am Start. Allein Sänger Christian Glanzmann, der mit seiner merkwürdigen Frisur ein bisschen wie Devin Townsend aussieht, spielt neben der Akustikgitarre mehrere Whistles und Pipes, ansonsten sind eine Geigerin und eine Drehleierspielerin zu sehen; auch eine Art Dudelsack kommt hin und wieder zum Einsatz. Bei acht Leuten und so vielen Instrumenten ist es gar nicht so einfach, sich ausreichend Platz auf der Bühne zu verschaffen – so agiert einer der Gitarristen ziemlich weit im Hintergrund, was der Stimmung allerdings keinen Abbruch tut. Die Fans in den ersten Reihen bangen munter zu der mit Elementen aus Todesblei und Schwarzmetall gespickten Mischung aus Folk- und Pagan Metal. Diese Laune machende Musik weiß auch mir sehr gut zu gefallen und spricht meinen Geschmack eher an als die danach die Bühne enternden Caliban.
Caliban
Die Ruhrpottler sind inzwischen eine Institution in Sachen Metalcore und in dem, was sie tun sicherlich nicht schlecht, aber Core ist nun mal einfach nicht meine Welt. Man kann sich die Musik sicherlich anhören und aufgrund der Stimmung lasse ich mich sogar hin und wieder aufs Bangen ein, aber insgesamt ist mir die Mucke einfach nicht abwechslungsreich genug; zu austauschbar das Riffing, zu vorhersehbar die Akkordfolgen. Und als Sänger Andreas Dörner dann noch eine Wall of Death initiiert, sehe ich lieber zu, dass ich Land gewinne – das muss ich nun wirklich nicht haben.
Eins allerdings muss man Caliban und besonders ihrem Frontmann lassen: Sie wissen, wie man Stimmung macht und bedanken sich immer wieder ganz artig dafür, dass, obwohl Kreator der Headliner der Tour sind, trotzdem „so viele Calibanen“ gekommen seien.
Kreator

- Live wie immer eine Macht: Kreator
Und nun endlich ist es tatsächlich so weit: Kreator werden in wenigen Minuten die Bühne betreten und die Vorfreude ist überall zu spüren. Als ich kurz vor die Tür gehe, um meiner Nikotinsucht zu frönen, sehe ich zwei Alt-Metaller, die sich wie zwei kleine Kinder freuen: „Geil ey, gleich geht’s los!“ und die „Kreator! Kreator!“-Sprechchöre werden von Minute zu Minute lauter. Einige nicht mehr ganz nüchterne Kuttenträger allerdings haben sich entschieden, lieber die unmittelbar zuvor aufgetretene Support-Band zu dissen und rufen minutenlang „Caliban sucks“, während auf der Bühne umgebaut wird, davon jedoch lässt sich keiner provozieren. Auch wenn man solch ein Ereignis nicht überbewerten sollte: Anhand dieses Beispiels wird erneut deutlich, dass die Zusammenstellung der Bands vielleicht nicht die allerglücklichste war. Mich persönlich stört es nicht, möglichst unterschiedliche Bands zu hören, aber bei ein bisschen mehr Ähnlichkeit der Stilrichtungen wären vielleicht noch ein paar mehr Leute gekommen.
Zumindest kann man sich, da es nicht proppevoll ist, problemlos hinsetzen, während die Umbauphase stattfindet. Die Warterei ist gerade auf einem Konzert, auf das man auch noch alleine gehen muss, mit das Nervigste und Langweiligste überhaupt, aber wenn man mal hört, was um einen herum passiert und was für Gespräche geführt werden, hat man trotzdem was zu grinsen.
Lebensweisheiten wie „Wenn ich Nackenschmerzen vom Bangen kriege, bange ich einfach weiter, irgendwann sind sie dann schon weg“, die ein Typ hinter mir seinem Kumpel steckt, tragen ebenso zur Erheiterung bei wie ein junger Kuttenträger aus der ersten Reihe, der bei Judas Priests „Breaking The Law“, das aus den Lautsprechern erklingt, während alles für Kreator vorbereitet wird, mit ziemlicher Präzision Air-Drums spielt und textsicherer als Rob Halford (der kann ja ohne Teleprompter sowieso nicht mehr) die Lippen zum Gesang bewegt.
Schließlich aber geht das Licht aus und Mille und Co. betreten die Bühne. Sämtliche Fäuste und Pommesgabeln sind in der Luft und auch ich bange mich sofort in Ekstase, als die Band nach einem kurzen Intro mit „Hordes Of Chaos“ loslegt. Unheimlich genial, diese Tempovariationen und der Refrain erweist sich sofort – aber wer hätte das nicht gedacht? – als bestens geeignet zum Mitgrölen.
Mit „Warcurse“ stellen Kreator zunächst noch ein weiteres Stück von der neuen Scheibe vor, bevor man mit Extreme Aggression“ und „Phobia“ zwei Klassiker auspackt, die das Publikum offensichtlich genauso honoriert wie das neuere Zeug. Aber die Reaktionen auf „Hordes Of Chaos“ waren ja fast durch die Bank positiv und so verwundert es nicht, wenn bei allen Stücken, egal aus welcher Epoche, ziemlicher Jubel ausbricht. Die Band kann im Prinzip spielen, was sie will, die Fans saugen es gierig auf.
Man spielt einen guten Querschnitt durch das gesamte 17-jährige Schaffen der Band; das genial-melodische „Voices Of The Dead“, bei dem mir eine Gänsehaut den Rücken herunter läuft, und das stark Slayer-beeinflusste „Enemy Of God“, welches inzwischen auch bei keinem Konzert mehr fehlen darf, wechseln sich ab mit brandneuem Stoff der Marke „Destroy What Destroys You“, dessen kompromisslose Riffs im Chorus eine gewisse Leckt-uns-am-Arsch-Attitüde passend zum Titel suggieren, und wiederum altem Material wie „Pleasure To Kill“ und „People Of The Lie“.
Der Sound ist übrigens absolut genial. Ausgewogen, nicht zu laut und nicht zu leise – schön, dass es so etwas heute doch noch gibt. Hinzu kommt, dass die Stimmung immer besser wird und obwohl das Publikum von der ersten Sekunde an alles gibt, ringt sich Mille erst nach dem sechsten Stück mit einem scherzhaften Grinsen das Zugeständnis ab: „Okay Hamburg, ich merke, so langsam werdet ihr wach.“
Wie sollte es aber auch anders sein, wenn man Songs wie „Violent Revolution“ oder „Terrible Certainty“ um die Ohren geknallt kriegt? Einfach nur großartig, lange war ich beim Konzert einer Thrash-Metal-Band nicht mehr derart in Ekstase. Sound, Riffing und die spektakulären Filigran-Soli von Sami Yli-Sirniö sind einfach nicht von dieser Welt und es ist mal wieder dieses Gefühl da, dass es jetzt in diesem Moment doch einfach nichts Schöneres auf der Welt gibt, als auf einem Metalkonzert voller Begeisterung die Rübe im Takt zu schütteln.
Auf der Videoleinwand laufen indessen die ganze Zeit Videoclips, die in Verbindung zu den Texten der Stücke stehen und zwischen den Songs ist das Publikum darauf zu sehen, was einige Leute veranlasst, dem eigenen Konterfei gegenüber zuzuwinken, nach dem Motto: „Guck mal, ich bin im Fernsehen!“
Nach „Betrayer“ – von Mille angekündigt als ein Song, dessen Titel auf 99 Prozent der Menschen zutrifft – geht die Band bereits von der Bühne, aber dass man noch mal wiederkommen würde, versteht sich von selbst: Keine Show ohne „Flag Of Hate“ und „Tormentor“.
Bevor jedoch diese beiden Evergreens zum besten gegeben werden, präsentieren Kreator mit „Amok Run“ ein weiteres Stück von der neuen Platte und beim anschließenden „Riot Of Violence“ übernimmt Schlagzeuger Ventor traditionsgemäß den Lead-Gesang. Überflüssig zu erwähnen, dass er dabei trotzdem nichts an Tightness beim Drumming einbüßt – es ist ja nicht das erste Mal, dass er singt, auf den ersten Kreator-Alben gibt es einige Songs, bei denen Ventor gesangliche Qualitäten offenbarte. Dennoch ist es einfach noch mal eine ganze Ecke beeindruckender, wenn sich ein Stöckchenschwinger ans Mikro wagt, als wenn dies ein Gitarrist oder Bassist tut. Es soll ja genügend Leute geben, die Ventor sogar für den besseren Sänger als den guten Mille halten.
Doch wie dem auch sei, bei den Abschluss-Zugaben „Flag Of Hate“ und „Tormentor“ versucht Mille noch mal, die letzten Reserven aus sich und den Zuschauern herauszukitzeln.
„It’s time to raise the flag of hate!“ brüllt der Frontmann, was die Fans aus vollem Halse mitschreien, ohne den Sänger vollends überzeugen zu können: „Also, wenn wir auf’m Dorf wären, wäre das vielleicht okay, aber wir sind hier in Scheiß-Hamburg, und da geht das ja wohl lauter!“ Natürlich geht das – eine solche Aussage kann man schließlich nicht so ohne weiteres auf sich sitzen lassen, und dementsprechend wird zu den letzten zwei Songs noch einmal kräftig gebangt, gemosht und gegrölt.
Anschließend ist allerdings wirklich Schicht im Schacht und manch einer beschwert sich über die angeblich zu kurze Spielzeit von circa 85 Minuten. Zugegeben, im Prinzip ist das nicht wirklich viel und bei einer Progressive-Band zum Beispiel wäre mir das auch zu wenig. Bei einer Thrash-Band wie Kreator jedoch, wo man sich die ganze Zeit auf einem enorm hohen Energielevel befindet, finde ich das sogar ausreichend. Immerhin durfte man an diesem Abend einen unglaublich intensiven Gig erleben, der nicht nur mir, sondern sicher auch vielen anderen Gänsehaut verliehen und ein zufriedenes Lächeln ins Gesicht gezaubert hat.
In dieser Form sind Kreator immer noch unschlagbar und weiterhin ganz klar die beste deutsche Thrash-Metal-Band. Sowohl auf Platte als auch live sind die Essener einfach eine Macht.
Positiv erwähnenswert sind auch die T-Shirt-Preise, die 20 Euro nicht übersteigen. Sehr erfreulich, dass es heutzutage noch Konzerte gibt, auf denen man es sich sogar leisten kann, ein T-Shirt zu kaufen...
Setlist Kreator:
- Choir Of The Damned (Intro)
- Hordes Of Chaos
- Warcurse
- Extreme Aggression
- Phobia
- Voices Of The Dead
- Enemy Of God
- Destroy What Destroys You
- Pleasure To Kill
- People Of The Lie
- Coma Of Souls
- The Patriarch (Intro)
- Violent Revolution
- Terrible Certainty
- Betrayer
---------------------------------
- Amok Run
- Riot Of Violence
- Flag Of Hate
- Tormentor







