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Zeraphine, Entwine im Konzert (Bochum 2006)

Zum Thema

Ein gutes Konzert ist wie ein Weihnachtsgeschenk. Man steht die ganze Zeit vor dem Zimmer, weiß nicht, was drinnen passiert aber eines ist sicher, spätestens wenn es dunkel wird: Die Überraschung hinter der Tür ist mindestens so groß wie die Vorfreude.

 

Dieses Gefühl beschlich mich, als ich vor der Matrix stand und frierend auf den Einlass wartete. Eines war natürlich klar: Los würde es erst gehen, wenn Zeraphine auf irgendeine Art die Halle betreten hätten, denn die saßen nach Blick auf meiner Uhr immer noch in Hagen und gaben Autogramme und akustische Lieder zum Besten. Ein Faktum, das einerseits sehr deprimierend war - zweiteilen konnte ich mich nicht, auf meinen guten Platz verzichten, auch nicht - andererseits aber die Vorfreude steigerte. Die Hagener hatten fünf Lieder, ich hatte die Berliner gleich über eine Stunde lang!

 

Meine Weihnachtsgefühle schienen sich zu bestätigen, als die Vorband, in persona: Entwin, die Bühne betraten. Die Jungs alleine befand ich nach dem einsamen CD-hören zu Hause ja schon als genial, in Kombination mit Zeraphine war das Line-Up einfach nur unschlagbar fantastisch. Doch irgendwie scheint das Publikum nicht gewillt, seine Geschenke zu öffnen. Gut, eine Vorband hat es immer schwer, deswegen warte ich auch erst einmal ab, wie sich die Stimmung zwischen den rockigen Finnen entwickelt. Frontman Mika Tauriainen möchte ich erst einmal als HIM-Sänger Ville Valo identifizieren (eindeutige Indizien wie die Mütze, der Schal oder die Whiskeyflasche sprechen für meine Vermutung, untermauert wird der Verdachte durch ebenfalls lockige Haare und schwarzen Kajal) - einziges Denkfehler, der die weiblichen Fans bis heute aufstöhnen lässt: Ville Valo hat doch gar keine langen Haare mehr! Es ist also ohne Zweifel Mika, der da zu „Out of You“ singt. Wenn man das Stück denn als solches identifizieren kann, denn irgendwer an den Mischpulten hat ordentlich daneben gegriffen.

 

Tontechnisch spielt Aksu Hanttu an den Drums die Hauptrolle, während Tom Mikkola, Jaani Kähkönen und Joni Miettinen an Gitarre bzw. Bass als einheitlicher Soundteppich rüberkommen, die hübsche Riitta Heikkonen am Keyboard wie eine Stummakteurin wirkt und Mika überhaupt nicht zu verstehen ist. Das heißt, für mich direkt zu seinen Füßen schon, danach hört es aber auf. Er schreit ins Mikro, es singt, hält es weg und zieht es näher heran, es bleibt dabei. Der Sound ist miserabel und ich könnte um die verpasste Change, diese großartige Stimme einwandfrei live zu erleben, weinen.

 

“Someone to Blame“, das eigentlich mit einem wunderbaren Gitarren/Keyboardmix beginnen sollte, ist unkenntlich. Das Publikum klatscht auf Anheizen durch Mika trotzdem mit, steht aber nach dem Intro wieder gelangweilt herum, betrachtet die großkotzige Show, die der gutaussehende Finne abzieht. Er nippt immer wieder an der Whiskeyflasche, die er gleich zu Beginn neben dem Keyboard platziert hat, schnippt die Asche von der Zigarette, die er während des Auftritts mehrmals austreten und mit neuer zurückkommen soll, spuckt auf den Boden. Und rockt. Trotz fast unverständlichem Sound und nicht ganz überzeugtem Publikums, schreit Mika sich die Seele aus dem Leib, kniet sich hin, hüpft herum.

 

Die Setlist besteht fast hauptsächlich aus Neulingen vom Fatal Design-Album, gemischt mit etwas DiEversity. Auf “Time Of Despair„, „Gone“ und „The Treasures Within Hearts“ verzichtet die Band komplett. Schade drum, hätte doch „The Pit“ so gut zum Review gepasst.

 

Der Sound jedenfalls verbesserte sich zum Ende der Show nur minimal und auch das Publikum um mich herum machte den Eindruck, als sei es wirklich nicht gewillt, das Geschenk in Form der Finnen auszupacken. Nach elf Liedern und einem erneut ohrwurmlastigen „Chameleon Halo“, einer tollen Performance zu „Frozen“ und einem gelungenen, wenn auch kurzem Abschluss in Form der Ballade „Curtained Life“. Nachdem der Vorhang gefallen ist, verziehen sich Entwine recht schnell, tauchen nicht mal beim Abbauen wieder auf. Dafür gehört mir Mikas handgeschriebene Setlist:

 

 

01. Out of You

02. Someone to Blame

03. Fatal Design

04. Surrender

05. Bleeding for the Cure

06. Still Remains

07. Frozen by the Sun

08. Bitter Sweet

09. Break me

10. Chameleon Halo

11. Curtained Life

 

 

Die Jungs von Zeraphine sahen wir ja heute schon einmal, als sie sich um sieben Uhr aus ihrem Tourbus und durch die Fans am Eingang quetschten. Der Jubel, der ausbricht, als Marcellus die Bühne betritt, ist jedenfalls schon mal lauter als Entwines Abschlussbeifall. Norman, Michael und Manuel folgen ihm nach und beginnen nach dem kurzen Intro mit „Die Macht in Dir“ - bis schließlich Sven die Bühne betritt. Das Publikum klatscht, ruft - und ist plötzlich still. In der Mitte des Liedes klatscht man noch vereinzelt, dann ist damit auch Schluss. Ist das normal? Am Ende erklingt wieder Applaus, Sven bedankt sich und weiter geht’s mit „I‘ll follow you“ vom Neuling Still. Gerade das Intro gibt einen passenden Anlass um mitzuklatschen, um das Publikum in die Show zu integrieren. Anfänglich verwirrt lasse ich meine Finger sinken und schaue mich um. Was ist denn hier los? Die ironische Nachahmung des Comicstripes, der zum WGT immer herausgekramt wird? Der zwei Gothics auf einem Konzert zeigt, die sich über das Gezappel ihres Vordermannes aufregen, der sich nun schon zweimal in der Stunde bewegt hat.

 

Mitgesungen wird leise neben mir, sonst steht die Menge und guckt. Klatscht brav am Ende und gut ist. Nach “Niemand kann es sehen” lässt sich Herr Friedrich zu ein paar mehr Worten als “Danke schön” bewegen und begrüßt das Publikum der “zweiten Heimat”. Erwähnt natürlich das neue Album, die Singleauskopplung und “Still”. Das kommt dann auch und plötzlich scheint es Norman Selbig an der Gitarre zu viel zu werden. Energisch klatscht er den Fans den Takt auf, die diesen, oh Wunder, übernehmen. Michael Nepp am Bass und im auffälligem (selbst gebastelten?) Placebohirt à la „Baby did you forget to take your meds?“ steigt mit ein und Sven legt eine Rockballade hin, die sich sehen lassen kann. Auch hier wieder das Manko der überlauten Drums, des Gitarrenteppichs, aber immerhin versteht man Svens klare, wunderschön traurige Stimme, die live sogar noch energievoller als auf dem Album klingt. Mal in x-tra-x-Hose statt obligatorischem Rock und schlichtem Shirt strahlt der Sänger eine Energie aus, die bewegt. Umklammert das Mikrofon mit gefalteten Fingern und verkörpert genau die Rolle, die man bei „Still“ vor Augen hat. Die pure Verzweiflung, die nackte Angst. Vor der Stille.

 

Es folgt ein großartiges Set. Ein gelungener Mix aus neuen Stücken, eingebettet zwischen Klassikern aus “Traumaworld“, “Blind Camera” und “Kalte Sonne”. Wunderbar ist “Kalter Herz”, “Ohne Dich” und “United and Lost”, bei dem alle Keyboards vom Computer neben Marcellus kommen. Dem immer wieder geliebten “Be My Rain” folgt der Tourcover “Walking in my Shoes” und als erster Abschluss nach dem mehrfach verlangten “Fang mich!” (“Was möchte die Dame?” “Ich glaube, sie möchte gefangen werden, Sven”) “Wenn Du gehst” und dann gehen Zeraphine auch erst mal. Das Publikum um mich rum erwacht zum Leben und klatscht sie erneut auf die Bühne. Sven bedankt sich artig und wir bekommen neben “Flieh mit mir” auch das ergreifende, oft gehörte und doch immer geliebte “Sterne sehen”. Ich verteile Wunderkerzen, Leute schwenken Feuerzeuge, den Refrain singt das Publikum alleine. Und es klingt wunderschön.

 

Das Rein-und-Raus-Spiel geht in die zweite Runde und den endgültigen Abschluss bildet schließlich “For a Moment”. Die Zuschauer um mich herum haben längst aufgegeben und werden einfach zum Massen-Hände-in-die-Luft-strecken gezwungen. Das hat eine so tolle Band verdient. Für eine bewegende Show, umwerfende Musiker und Lieder, die nachhaltig Eindruck hinterlassen - von hier, bis zum Rande der Welt.

 

 

Setlist:

00. Intro

01. Die Macht in Dir

02. I’ll follow you

03. No more doubts

04. In der Tiefe

05. Niemand kann es sehen

06. Still

07. Nichts aus Liebe

08. Toxic Skies

09. Kaltes Herz

10. I’m Numb

11. Ohne Dich

12. No Tears

13. United and Lost

14. Die Wirklichkeit

15. Be my Rain

16. Halbes Ende

17. Walking in my Shoes (Depeche Mode cover)

18. Inside your arms

19. Fang mich

20. Wenn Du gehst

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21. Flieh mit mir

22. Sterne sehen

23. Deine Welt

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24. Stop Pretending

25. New Years Day

26.Nur ein Tag

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27. For a Moment

 

 

Die wunderschönen Bilder in der Galerie zum Konzert stammen übrigends von duesterart (http://duesterevents.de)

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Fantastischer Abend, der viel zu schnell zu Ende ging

Trotz eher kurzem Set des Headliners ein schöner Konzertabend