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Waltari, Lord Bishop Rocks im Konzert (Hamburg, Oktober 2015)

Tourauftakt nach Maß

Pissen die Szenepolizei an und erfreuen ihre Fans: Waltari (Foto: Minna Annola).

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Waltari

Um ziemlich genau 22 Uhr kommt dann der Headliner auf die Bühne und genau wie bei der Band zuvor wuselten auch hier bereits zuvor einige Bandmitglieder unbehelligt durch den Club – Sami Yli-Sirniö war allerdings nicht zu sehen, auch nicht Jariot Lehtinen, auf den der Bandname Waltari zurückgeht. Die Combo ist inzwischen zwar auf ganze sieben Mitglieder angewachsen, davon vier (!) Gitarristen, doch wollte Bandboss Kärtsy Hatakka wohl auch eine Art Backup haben, falls mal Leute ausfallen. Nun, Sami ist eh noch mit Kreator und Barren Earth beschäftigt und Lehtinen versucht sich als Schauspieler – sie sind also nicht dabei, aber sieben Leute hätten wohl eh kaum Platz auf der kleinen Logo-Bühne gefunden.

Das Quintett beginnt nach der Begrüßung durch ihren Frontmann („Welcome to the world of Waltari – a world of freedom and open-mindness“) den Reigen bei bestem Sound mit „12“, dem Opener der aktuellen Scheibe und packt somit gleich den ersten Hit inklusive Mitsing-Refrain aus, und beim folgenden, ebenfalls „You Are Waltari“ entnommenen „Singular“ kommt die flotte Rap-Einlage nicht etwa vom Band, sondern wird von Kärtsy selbstredend live an Ort und Stelle vorgetragen.

Der Mann ist überhaupt ohne Ende sympathisch, wagt genau wie Lord Bishop einen Ausflug in den Zuschauerraum, und wie locker er Bassspiel und Vocals unter einen Hut bekommt, ist schon bemerkenswert – ebenso wie die spektakulären, teilweise nahezu atemberaubenden Soli von Kimmo Korhonen. Von Anfang an ist das hier ganz großes Kino und die Zuschauer sind natürlich längst näher an die Bühne herangerückt und im Vergleich zu Lord Bishop Rocks zahlenmäßig klar angewachsen. Wie erwartet von Alter und Outfit her bunt gemischt, schert sich das Publikum hier einen Scheißdreck um Genregrenzen und darf beim wunderschönen, mit augenzwinkerndem Schmalz garnierten „Stage“ ebenso schwelgen, wie man beim unverzichtbaren Smasher „In The Cradle“ headbangen oder beim Disco-artigen „Drag“ abdancen darf.

Auch das grandiose Death Metal / Klassik-Crossover-Album „Yeah! Yeah! Die! Die!“ wird selbstverständlich nicht ausgeklammert – als Kärtsy den Song „Deeper Into The Mud“ daraus ankündigt, ist der Jubel verständlicherweise entsprechend groß. Ja, hier ist wirklich Offenheit angesagt, aber für jeden, der dies nicht bereits vorher wusste, hatte Kärtsy ja gleich zu Beginn die passenden Worte parat. Außerdem ist schließlich bekannt, dass Humor bei dieser Truppe ebenfalls einen wichtigen Bestandteil darstellt. „Rock music is about freaking out“, stellt Kärtsy klar, „it’s not about anything connected to sense“ – wohl auch ein Mittelfinger in Richtung der unsäglichen, alles ernst nehmenden Szenepolizei.

Und die Ansage vor „Only The Truth“, dies sei ursprünglich als WM-Song geplant, nur eben ein Jahr zu spät gekommen, hat auch was für sich. Er spielt damit auf „Waka Waka“ von Shakira bei der WM in Südafrika 2010 an, da „Only The Truth“ mit einigen Ethno-Musik-artigen Einlagen versehen ist. Zur Belustigung trägt definitiv auch das „Right Wing Theme“ bei, das sie nicht wie auf der CD auf Finnisch, sondern auf Englisch vortragen und bei dem Rhythmusgitarrist Nino Silvennoinen zur Ukulele greift, während Kärtsy sich die Akustische schnappt und Kimmo wiederum an den Bass wechselt.

Ganze acht Nummern gibt die Band von ihrem aktuellen Album zum Besten, aber bei der Klasse und Vielseitigkeit der Scheibe – wieso auch nicht. In der Zugabesektion – die ebenfalls mit einem „You Are Waltari“-Song („Tranquality“) startet – wird es dann komplett irre. Das Medley aus „There’s No Limit“ und „Symphony Of Destruction“ ist schon wahnsinnig genug, doch als dann bei „So Fine“, das mit Electro-Beat unterlegt ist, plötzlich langhaarige Kuttenträger zu sehen sind, die anfangen wie in der Disse zu tanzen, ist es endgültig ein Bild für die Götter. Einfach großartig und Kärtsys Anstachelungen von wegen „feel free“ und dass man aus sich herausgehen und alles nicht so ernst nehmen solle, werden absolut beherzigt.

Die Zuschauer sind völlig aus dem Häuschen und selbst nach dem ohnehin schon nicht geplanten The Cure-Cover „A Forest“ will man die Finnen immer noch nicht gehen lassen und brüllt noch lange weiter, obwohl längst die Musik vom Band eingesetzt hat und das Licht im Saal angeschaltet wurde. Auch wenn der Laden nicht ausverkauft war – ein Tourauftakt nach Maß, der wahnsinnig viel Spaß gebracht hat, mit Sicherheit sowohl Waltari als auch ihren Fans. So darf es weitergehen.

Setlist:

12
Singular
In The Cradle
Deeper Into The Mud
Stage
Only The Truth
Solutions
Drag
Right Wing Theme
Far Away
Diggin’ The Alien
Atmosfear
One Day
-----------------------
Tranquality
There’s No Limit / Symphony Of Destruction
So Fine
A Forest

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