Achtung: In deinem Browser ist JavaScript entweder nicht installiert oder deaktiviert. Einige Funktionen dieser Seite stehen daher leider für dich nicht zur Verfügung.

Tool im Konzert (Düsseldorf 2006)

Zum Thema

Ich sitze, um ein wenig Abstand von dem omnipräsenten WM-Rummel zu gewinnen, am Anfang einer sehr langen Menschenschlange und ficke die Zeit.

Ich schlage die Zeit nicht tot, denn das ist nicht das, was ich mache; ich verbringe sie auch nicht, weil das den unproduktiven bis stupiden Ablauf des Ganzen unnötig verschönigen würde und ich lasse sie erst recht nicht vergehen, da kein Abtauchen in irgendwelche Traumsphären besteht.

Der Anlass, weswegen ich dort gewesen bin, ist etwas, das Weichspülacts wie Britney Spears nur als kulturellen Überbau und bloße Lückenbüßer betrachten, deren einzige Existenzberechtigung darin besteht, die Leere zwischen zwei Tool-Alben zu füllen; dieses Etwas erwartet schließlich seine Einkehr in die Düsseldorfer Philipshalle.

Bewiesen haben sie jedenfalls deutlich genug, dass man auch ohne Anbiederung an die Medien enorme Verkaufszahlen erreichen kann, wie ein "10.000 Days"-Chartentry auf Platz 2 der deutschen Albumcharts beweist; die circa 8.000 Leute fassende Halle war daher auch restlos ausverkauft.

Ein wenig im Gespräch mit den lokalen Tool-Nerds vertieft, machte man schnell eine erschreckende, wenn auch nebensächliche Entdeckung: Die nativen Konzertbesucher waren fast vollständig eingekesselt von angereisten Holländern, was in der ewig wirkenden Wartezeit wirren Verschwörungstheorien langsam den Weg in unsere Vorstellungskraft des Möglichen bahnte.

Abseits davon war das Publikum außergewöhnlich bunt gemischt und bestand zu ungleichen Anteilen aus Gothickindern, Computerfreaks, Headbangern, linksorientierten Politniks und derlei Gefolge.

Als man dann endlich hereingebeten wurde und Platz genommen hat, durfte das Zeitficken weitergehen, während man die Aufbaumusik auf sich wirken ließ; am Anfang wurde das menschliche Ohr noch mit Led Zeppelin aus der Dose verwöhnt, später krächzten wesentlich lautere und dissonantere Drum N' Bass Nummmern durch die PA.

Fernerhin bekam man brutal einen weißen Rauchausstoß zu spüren, jedoch weniger von der Nebelmaschine, sondern viel mehr von den monstermäßigen Joints, die in den ersten Reihen herumgereicht wurden, bevor das Licht ausging und die Band fast eine halbe Stunde verspätet mit "Lost Keys" die Bühne betrat.

 

Eine surreal verzerrte Note, eine einzelne Bassnote, die sich durch Luft schneiden könnte, fabriziert Bassist Justin Chancellor: Ein mit einem Sustainer noch irrsinnig hingezogenes Feedback sondergleichen, das eine ebensolche Spannung und Erwartungseuphorie beim Publikum auslösen kann.

Die Atmosphäre kocht, als nun endlich Sänger Maynard die Bühne betritt; er trägt einen albernen, oben herum freien Cowboydress und ein Megaphon auf dem Rücken und nimmt Platz auf dem Podest neben Danny, wo er die meiste Zeit des Auftritts verweilen und das Ambiente dann und wann noch durch stripperartige Verrenkungen auflockern wird.

Der liedmäßige Übergang hin zu "Rosetta Stoned" ist fließend und das Schlagwerk von Danny beginnt, sich stampfend und technisch raffiniert mit den Saiteninstrumenten zu dem vertrackten, düster-bedrohlichen Hauptriff zu paaren, das man tausendmal hören könnte, es aber niemals völlig erschließen kann.

Parallel zum akkustischen und durch den enormen Bassdruck auch gefühlten Erlebnis addierte sich noch eine visuelle Dimension, denn auf den vier Videoleinwänden hinter der Band wurden verschiedene, zu den Songthemen passende Sequenzen gezeigt (oft auch Ausschnitte der von Adam Jones bereits für die Musikclips visualisierten, grotesk anmutenden Figuren), die einem Toolkonzert modernerer Prägung erst das nötige Etwas geben.

Die Band ließ über den ganzen Abend hinweg den Eindruck von absoluten Routiniers entstehen: Justin zeigte sich meist wild headbangend, neben dem Adam wie ein kühler Ruhepol wirkte, der seinen Blick über lange Zeit hinweg auf den Boden fokussiert hatte; hinter ihnen thronen erhöht Maynard und Danny mit seinem gewaltigen Drumset, wobei insbesondere der enorme Gong für die Magengrube nichts Gutes verheißen mochte.

Es war insbesondere interessant zu sehen, wie sich das neue Material wohl live realisieren kann: Es wurden zwar stellenweise Synthies zur Hilfe genommen, die jedoch allesamt manuell bedient wurden.

Die Overdub - Be- und Anschuldigungen, die ich während des Hörens des Album noch gepflegt habe, verliefen demnach also ins Leere.

Besondere Hingucker waren zum Beispiel, dass Justin derjenige ist, von dem das verzerrte, tremolopicking-artige Solo von "Vicarious" stammt und auch Adams authentischer Talkbox-Einsatz bei "Jambi" war sehenswert.

Wenn man es schafft, einen solchen Albumsound live 100%ig umzusetzen, kann man sich schon einen Verdienstorden für besondere Arrangierfähigkeiten anheften.

 

In vielerlei Hinsicht kann ich von einem der stressfreiesten Konzerte seit längerer Zeit sprechen: Die chillige, vollklimatisierte Halle einerseits, der perfekt abgemischte und auf humanen Pegeln gespielte Sound andererseits, bei dem wirklich jedes Instrument und jede Tonspur glasklar zu hören war, versprachen Kurzweil und schonten das empfindliche Trommelfell - nur einige noch recht junge Konzertteilnehmerinnen schienen es für nötig zu halten, zum Ärgernis des Gehörs ihres Umfeldes bei jeder möglichen und unmöglichen Gelegenheit boygroupmäßig herumzukreischen; sie seien an dieser Stelle an Tokio Hotel verwiesen.

Tool live sind vor allem eine Adaptation der Euphorie, die man von Tool auf Platte fühlt, nicht mehr, aber beileibe auch nicht weniger.

Insgesamt fühlte man sich, insbesondere was die Songauswahl angeht, nämlich eher an ein Tool Best-Of erinnert, denn die wirklich ausufernden Nummern wie "Eulogy", "The Patient" oder "Parabola" fehlten allesamt genauso schmerzlich wie der "10.000 Days"-Hoffnungsträger "The Pot" und stattdessen wurde ein allseits bekanntes Set heruntergerattert, das von "Lateralus" einmal abgesehen, keinerlei Überraschungen bot.

Nach knapp anderthalb Stunden war die Show auch bereits zuende und die Vier verabschiedeten sich recht unspektakulär vom Publikum, das unmittelbar danach wieder in einer hellen Halle stand, die von Abbauarbeiten betroffen war - vielleicht besser als ein nicht enden wollendes Konzert, aber für fast 40 Euro Eintrittspreis ohne Vorband dennoch ein bischen mager.

 

Anno 2006 sind Tool aber immernoch eine Macht, mit der man rechnen kann.

 

 

 

Die komplette Setlist der Philipshalle konstruiert sich wie folgt:

 

Lost Keys

Rosetta Stoned

Stinkfist

46&2

Jambi

Schism

Right In Two

Sober

Lateralus

(Sitzpause)

Vicarious

Aenima

comments powered by Disqus

Fantastischer Abend, der viel zu schnell zu Ende ging

Trotz eher kurzem Set des Headliners ein schöner Konzertabend