Achtung: In deinem Browser ist JavaScript entweder nicht installiert oder deaktiviert. Einige Funktionen dieser Seite stehen daher leider für dich nicht zur Verfügung.

Summer Breeze Open Air 2006

Zum Thema

Schweinkram, Paradiesvögel, Kriegsgesang – das Summer Breeze hat ein neues Zuhause

 

Für jene, die das Summer Breeze Festival schon ewig kannten, die vielleicht seit Jahren zu dessen Stammbesuchern zählten, gerade für diese war 2006 plötzlich alles anders. Die größte Metal-Party im süddeutschen Raum hat ihrem alten Domizil in Abtsgmünd den Rücken gekehrt – und ist nun in die Pampa von Dinkelsbühl gezogen. Über weiter Flur wummerten bis spät in die Nacht die metallischen Sounds; die Anwohner störte es wenig. „Es sind ja nur die drei Tage“, meinte die Wirtin vom „Goldenen Rössle“ im festnahen Sinnbronn. Tüchtig hatte das gutbürgerliche Lokal überall in der Umgebung und auch beim Festival kleine Aushänge angebracht, auf denen die Metaller gar noch zum preisgünstigen Mittagstisch eingeladen wurden. „Na klar,“ lacht die Wirtin. „Man muss sich ja darauf einstellen!“

Für die Fans des Folkmetals, gibt es am ersten Tag gleich zwei Gruppen zur Einstellung auf das runderneuerte Summer Breeze. Am frühen Abend machen Saltatio Mortis auf der Pain Stage den Anfang, wo sie schon 2004 in Abtsgmünd einen feurigen Eindruck hinterlassen hatten. Mit Stücken wie Falsche Freunde sowie dem Palästina-Lied, treffen sie auch diesmal den Geschmack ihres Publikums. Während Sänger Alea agil auf der Bühne umher tollt, genießen seine Zuhörer die letzten Sonnenstrahlen des ausklingenden Tages, und tanzen wild auf der Wiese. „Immer, wenn einem ein paar Arschlöcher in die Quere kommen“, so sinniert der Saltatio-Frontmann, „ob nun aus der Kirche, der Regierung oder sonst woher, dann sollte man sie genau dorthin mitnehmen!“ Es ertönen die ersten Klänge von Des Königs Henker, und das Publikum gröhlt in Zustimmung und Feierlaune. Natürlich darf auch der für Saltatio obligatorische „Schweinkram“ nicht fehlen: „Zeig keine Scheu,“ intoniert Alea. „Um mich zu verstehen, muss man meine Wege gehen.“ Die Zuhörer haben ihn längst verstanden, und Scheu ist den meisten ohnehin ein Fremdwort. So feiert man ausgelassen weiter, bis nach reichlich Feuerbällen und Paukenschlägen die „Totentänzer“ ihre Show mit Der dunkle Engel beenden. Zwar ist ihre Bühnenzeit abgelaufen, dennoch lassen es sich Saltatio Mortis nicht nehmen, mit Licht und Schatten noch eine Zugabe zu spielen, bevor sie „ihrer Wege“ gehen.

 

 

 

Der erste Main-Stage-Headliner des Donnerstag Abends, ist für die Folkmetal-Fans von besonderem Interesse. Zum vierten Mal spielen Finntroll bereits auf dem Summer Breeze – und ihre Anhängerschaft wächst weiterhin stetig. Zwar ist kaum einer der Fans des Finnischen mächtig, trotzdem nutzt man die inzwischen etwas abgekühlte Abend-Atmosphäre, um sich noch mal richtig auszutoben: Es wird herzhaft gebangt und getanzt – die heiter-treibenden Rhythmen des Humpa-Metal wirken ansteckend. Sänger Vreth animiert die Menge noch zusätzlich: „Seid ihr alle noch bei uns?“ fragt er herausfordernd in die Menge. „Wisst ihr, wie man richtig rockt?“ Sollte es jemand noch nicht gewusst haben, dann hat ihn die nächtliche Nachhilfe von Finntroll mit Sicherheit weitergebracht. Die Finnen präsentieren sich mit einem powervollen und kecken Auftritt, der für das 2007 erscheinende Album Einiges hoffen lässt.

 

 

 

Unerwartet, aber umso erfreulicher, kredenzt der Freitag Nachmittag einen weniger folkigen, als vielmehr frommen Leckerbissen auf der Main Stage. Die Berliner Bruderschaft Potentia Animi ist extra nach Dinkelsbühl gepilgert, um dort ihre frohe Botschaft zu verbreiten. Zur Messe erscheint ein erheblicher Teil der Breeze-Gemeinde, obwohl es noch früh am Tage ist. „Wir haben unserem Abt versprochen, dass wenn wir zum Summer Breeze kommen, uns alle Menschen ein Halleluja geben!“ verkündet Bruder Liebe in der Pose des Gekreuzigten. Die Gemeinde reagiert eher verhalten, worauf der Geistliche mahnt: „Wenn uns nicht alle ein Halleluja geben, dann erscheint ein riesiger Arsch am Himmel, und scheißt all jene zu, die uns kein Halleluja geben wollen!“ Die Warnung wirkt: Aus tausend Kehlen jauchzt das Volk, und lässt fortan jedem Lied der Brüder ein „Halleluja“ folgen. Mit Stücklein wie Del Amina, Ave Maria oder Qui Per Mundum erhalten die Mönche die spirituelle Stimmung aufrecht; in Titeln wie Nachtfraß oder Bruder Titus thematisieren sie sich bisweilen gar noch selbst, um ihre Bruderschaft der missionierten Gemeinde näher zu bringen.

Mit Potentia Animi hat das diesjährige Summer Breeze einmal mehr seine Paradies-Vögel gefunden. Während Bruder Nachtfraß und Bruder Liebe das Publikum bei Laune halten, schraubt Bruder Schlaf verstohlen an seiner Gitarre herum: „Der ist unsere Stimm-Zicke“, verrät Intimus Liebe. „Er darf heute Nacht geschändet werden, denn er ist eine Pussy vor dem Herrn.“ Über ihre schwarze Gemeinde machen sich die Mönche keinerlei Illusionen: „Wir waren mal wie ihr – wir sahen nur besser aus“, erklären die Brüder. „Auch wir haben einst die Liebe genossen, in all ihren Arten und Abarten.“ Für alle jene, welche die Abarten immer noch kennen, haben Potentia Animi zum Ende hin noch einen guten Rat, bevor sie sich mit Gaudite verabschieden: „Wenn ihr heute Abend wieder betrunken übereinander herfallt, dann fallet hin in Frieden.– Wir müssen jetzt zur Geißelung in unsere Zellen. Amen!“

 

 

 

Mit dem Abend verschwindet langsam der Heiligenschein über den Hörnchen-Häuptern, und die Finnen von Turisas rücken das Festival mit kriegerischen Kostümen, biestiger Bemalung und Battle-Metal wieder ins rechte Licht. Mit Fellen und Leder behangen, entern die Barbaren die Pain-Stage. „Summer Breeze, seid ihr eine Battle-Metal-Horde?“ will Sänger Matthias wissen, und feuert die johlende Menge an. Gespielt wird eine Zusammenstellung einzelner Stücke des Debut Albums Battle Metal; neben dem Titelsong bringen Turisas auch As Torches Rise, The Land of Hope and Glory und Rex Regi Rebellis zu Gehör. Sämtliche Songs gemahnen an ein Stück Kriegshistorie; Violine und Akkordeon sorgen für kleine Pausen zwischen harten Metal-Riffs. Mit erhobenen Häuptern stimmen die Metal-Heads in den Kriegsgesang mit ein; unter blauem Himmel tanzt und feiert die Horde zu Sahti-Waari, Violin Solo und One More; zusammen mit den Aposteln des finnischen Kriegsgottes Turisas.

 

 

 

Der Himmel am Samstag ist weniger blau. Davon lässt sich der Folkmetal-Fan jedoch nicht beirren; immerhin haben heute die „Könige der Spielleute“ zur mittelalterlichen Audienz geladen. Gerne hätten Corvus Corax die Position eines Headliners eingenommen. Doch der Tour-Zeitplan macht ihnen einen Strich durch die Rechnung: Schon am nächsten Nachmittag sollen sie in Holland ein anderes Festival mit Cantus Buranus eröffnen. Ein früherer Auftritt beim Summer Breeze ist daher (wegen frühest möglicher Abreise) unerlässlich – und der fällt dann auch noch ins Wasser. Es regnet in Strömen, als die „Königlichen Spielleute zu Kaltenberg“ die Main Stage betreten. Trotzdem feiert die Menge ausgelassen. Man tanzt und singt solange im Regen, bis dieser schließlich versiegt, und sich die ersten Sonnenstrahlen einen Weg durch die Wolken bahnen. „Seht, wir haben den Regen vertrieben!“ freut sich Castus Rabensang, und bringt den Rest des Auftritts mit seinen Spielleuten trocken über die Bühne. Venus Vina Musica heißt das Album, aus dem Corvus Corax beim Summer Breeze spielen; und mit Honigwein, Weib und Gesang geht schließlich auch dieser Höhepunkt des Dinkelsbühler Folkmetal-Programms zu Ende.

 

 

 

Rund vier Monate haben die Veranstalter dieses Jahr in die Vorbereitung des Summer Breeze Festivals investiert. Nicht gerade viel Zeit wenn man bedenkt, dass sämtliche eingespielten Abläufe aus Abtsgmünd für das neue Gelände in Dinkelsbühl völlig neu konzipiert werden mussten. Nicht zuletzt galt es, die skeptischen Bewohner das Umlands von der Harmlosigkeit einer solchen Metal-Veranstaltung zu überzeugen. Der Donnerstag wurde gar noch zum Seniorentag erklärt, an dem alle Mitvierziger der umliegenden Gehöfte freien Eintritt zum Festival erhielten, um sich vom turbulenten Treiben selbst einen Eindruck zu verschaffen. „Das kam super an“, freut sich Summer-Breeze-Chef Achim Ostertag vom Platten-Label Silverdust. „Wir hatten viele Besucher aus den umliegenden Dörfern, und alle konnten sich Ihr eigenes Bild vom Summer Breeze machen.“ Trotz täglich rund 11,000 Besuchern gab es auch in diesem Jahr keinerlei Zwischenfälle oder Beschwerden. Auch auf die gelungene Zusammenarbeit mit den lokalen Behörden und Einsatzkräften blickt der Festival-Chef mit Behagen zurück: „Das lief alles sehr gut ab. Vor allem die Stadt hat sich von Anfang an hinter uns gestellt.“ Bleibt demnach Dinkelsbühl auch für die kommenden Jahre der Wunsch-Standort für das Festival? – „Auf jeden Fall“, hofft Ostertag. Das Summer Breeze hat sich in seinem neuen Zuhause offenbar eingenistet und artig eingelebt – 2007 kann kommen!

comments powered by Disqus