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Steven Wilson im Konzert (Hamburg, Oktober 2011)

Das beste Konzert des Jahres?

Bereits zum zweiten Mal in diesem Jahr gastiert Porcupine Tree-Frontmann Steven Wilson in Hamburg – im April war er zusammen mit Musikerkollege Aviv Geffen im Rahmen deren gemeinsamen Projektes Blackfield unterwegs, in diesem Herbst wandelt er nun auf Solopfaden, um seine zweite Scheibe „Grace For Drowning“ live vorzustellen. Man durfte bereits im Vorfeld äußerst gespannt sein, handelt es sich bei dem Album doch um einen unglaublich facettenreichen Doppeldecker, auf dem Steven sich so richtig ausgetobt und alle möglichen Einflüsse von Rock und Pop über Jazz bis Ambient, Klassik und Noise zusammengeführt hat. Dass es in jeder Hinsicht ein außergewöhnliches Erlebnis werden würde, war allerdings so oder so klar; jeder, der schon einmal ein Porcupine-Tree-Konzert besucht hat, weiß, dass der Brite nichts dem Zufall überlässt und stets ein Garant für einen brillanten, ausgewogenen Sound und eine perfekt organisierte Show ist.

Und dann diese exquisite Riege an grandiosen Musikern, die sich bei „Grace For Drowning“ versammelt hat: Dream Theater-Tastenzauberer Jordan Rudess, Ex-Genesis-Gitarrero und Weltmusiker Steve Hackett, King Crimson-Tieftöner Tony Levin, Saxophonist und Flötist Theo Travis, der schon bei Porcupine Trees „Stupid Dream“ in Erscheinung trat, und und und. An der Tour können die meisten dieser Künstler zwar nicht teilnehmen – mit Sicherheit aus zeitlichen Gründen –, aber es versteht sich wohl von selbst, dass Wilson dennoch ausschließlich Topleute engagiert hat. Für die Leser unserer Seite dürfte der bekannteste jener Musiker wohl Ausnahmedrummer Marco Minnemann sein, der bei Dream Theaters Suche nach einem neuen Schlagzeuger einer der heißesten Kandidaten auf die Nachfolge von Mike Portnoy war und sich letztlich lediglich Mike Mangini geschlagen geben musste. Doch auch die weiteren vier Mucker haben es in sich – Gitarrist Aziz Ibrahim zum Beispiel hat (wenn auch nur kurze Zeit) immerhin früher einmal bei der äußerst erfolgreichen, mittlerweile aufgelösten Soul-/Popband Simply Red gespielt. Das Zusammenführen dieser aus so unterschiedlichen Stilrichtungen stammenden Musiker unterstreicht umso deutlicher Wilsons Ambitionen, vielseitig zu klingen, und seine enorme musikalische Bandbreite.

Letztere schlägt sich natürlich auch im Publikum nieder – ähnlich wie im April bei Blackfield –, das gemischter kaum sein könnte. Menschen verschiedensten Alters und in verschiedensten Outfits; Langhaarige, Kurzhaarige, Frauen, Männer – alle sind zu mehr oder weniger gleichen Teilen vertreten, um einem der visionärsten Künstler der heutigen Zeit zu huldigen. Das Konzert ist für 21 Uhr angesetzt, doch es dauert noch eine weitere halbe Stunde, bis das Sextett endlich die Bühne betritt, die heute sehr speziell gestaltet wurde. Dass Wilson ein komplexes Programm verfolgt und das audiovisuelle Erlebnis dem rein auditiven vorzieht, weiß jeder, der sich auch nur ansatzweise mit dem Schaffen des Engländers befasst hat: So wurde beispielsweise ein Vorhang, oder besser gesagt eine Art Schleier, der ein bisschen wie ein überdimensionales Moskitonetz anmutet, an der Decke befestigt und hängt direkt vor der Bühne herunter – dies ist doch wirklich sehr ungewöhnlich.

In der halben Stunde, in der man auf den Meister und seine Kollegen noch zusätzlich warten muss, wird deshalb im Publikum schon spekuliert, ob der „Lappen“ denn heruntergelassen wird, sobald es losgeht, oder ob er die ganze Zeit tatsächlich hängen bleibt. Andere werden ob der langen Wartezeit und der noisigen, bewusst monotonen Hintergrundmusik langsam ungeduldig und wieder andere ergehen sich in Sarkasmus: Auf das „Moskitonetz“ werden hintereinander ästhetische Schwarzweiß-Bilder projiziert, die aber höchstens alle fünf Minuten wechseln. Da hört man dann schon mal Kommentare der Marke „Wow, es passiert endlich was!“ oder „Wahnsinn, das Bild hat gewechselt!“

Nun ja, angesichts der Tatsache, dass dieser Mann eben ein absoluter Perfektionist ist, wartet man aber lieber etwas länger – schließlich weiß man, dass man dafür mit makellosem Sound entlohnt wird. Eine Vorband gibt es auch nicht und es ist Freitag, man muss demnach keine Angst haben, die letzte Bahn zu verpassen oder zu spät ins Bett zu kommen, weil man am nächsten Tag arbeiten muss.

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