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Steven Wilson im Konzert (Hamburg, März 2013)

Kein Virtuose – ein Visionär

135 Minuten Spielfreude: Steven Wilson und seine Soloband

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Wenn Steven Wilson mit einer seiner Bands unterwegs ist, hat man eigentlich automatisch die Garantie dafür, Qualität vorgesetzt zu bekommen. Wo bei anderen Gruppen nicht immer Verlass auf beispielsweise einen guten und differenzierten Sound ist, achtet der Brite bei Konzerten seiner Formationen stets penibel darauf, seinen Fans die bestmögliche Show zu bieten, sodass man mehrere gute Gründe hat, sich bereits seit Wochen auf den bevorstehenden Abend zu freuen. Wie schon 2011, als der Porcupine Tree-Mastermind zuletzt mit seiner Soloband auf Tour war, wird auf Supportacts verzichtet, doch gibt es auch einen entscheidenden Unterschied im Gegensatz zur Rundreise vor anderthalb Jahren: Im Rahmen der Tour zur neuen Platte „The Raven That Refused To Sing“ führt die sechsköpfige Truppe ihre Gigs in bestuhlten Hallen auf, sozusagen als „Experiment“, wie Wilson später in einer Ansage erläutert. Konkret in Hamburg bedeutet das, dass der Engländer und seine Mitmusiker diesmal im altehrwürdigen CCH auftreten und nicht in einem typischen Rockschuppen wie 2011 in der Markthalle. Freilich stellt sich da die Frage, wie sich dies auf das Stimmungsbarometer auswirken würde, und tatsächlich kommt bei nummerierten Plätzen ähnlich wie der Jubiläumstour 2010 von Opeth zunächst ein wenig Theateratmosphäre auf.

Pünktlich um acht – es haben noch nicht alle Zuschauer ihre Plätze gefunden – legen Steven und seine Band mit „Luminol“ los und gleich wird deutlich, dass trotz des absoluten Perfektionismus des Mannes aus dem Vereinigten Königreich heute Sound-mäßig nicht alles vollkommen makellos erscheint – zumindest nicht von Anfang an. Da die Arrangements häufig sehr aufwendig gestaltet sind und sich auch gerne mal Soloinstrumente überlagern, hat der Tontechniker nicht die einfachste Aufgabe, doch wirkt das Ganze gerade bei den härteren Stellen streckenweise etwas breiig. Insbesondere bei „The Pin Drop“ tönen Gitarren und Saxophon recht höhenlastig, und beim Opener lässt Bläser Theo Travis sogar ein Flötensolo unter den Tisch fallen, da die richtige Balance noch nicht ganz gefunden ist – wohl auch, weil die Akustik im CCH eine ganz andere ist als in Locations, wo jemand wie Steven Wilson sonst auftritt. Wobei in diesem Gebäude bereits Rockgrößen wie unter anderem ZZ Top oder Deep Purple auf der Bühne standen, insofern kann man eigentlich nicht sagen, dass das CCH überhaupt nicht für diese Art von Musik konzipiert sei.

Wie auch immer: Spätestens ab der vierten Nummer „Postcard“ kann sich dann niemand mehr beschweren; auch wenn das Keyboard die ganze Zeit über äußerst dominant bleibt und sogar die Drums übertrumpft, kann man spätestens jetzt den Konzertabend entspannt genießen, zumal auch bei der Lautstärke genau das richtige Maß gefunden wurde. Bei jenem Song erklärt Steven dem Publikum, dass man alle Stücke des neuen Albums vorstellen werde, was mit einer durchaus bemerkenswerten Begeisterung zur Kenntnis genommen wird. Apropos Begeisterung: Dass die Stimmung durch das Sitzen schlecht wäre, kann man nicht behaupten – zwischen den Songs wird ausgiebig applaudiert, gepfiffen und gerufen, dennoch ist die Atmosphäre gehemmter als bei Konzerten, wo die Fans stehen. Ein paar vereinzelte Leute lassen beispielsweise bei der Riff-betonten Endpassage von „The Holy Drinker“ zwar schon die Rübe rotieren, aber es bleiben alle brav sitzen, was schon relativ komisch aussieht. In dieser Position traut sich auch keiner so richtig, Luftgitarre zu spielen, die Pommesgabel zu präsentieren oder in sonst einer Form richtig aus sich herauszugehen.

Aber es ist auch mal was anderes und immerhin hat man so den Vorteil, dass einem nicht ständig Leute vor der Nase hin- und herrennen, die Bier holen oder auf den Lokus gehen wollen – aber Getränke darf man sowieso nicht mit den Saal nehmen, obwohl sie im Foyer zu unverschämten Preisen angeboten werden. Steven Wilson und seine Jungs jedenfalls bieten so oder so wieder einmal eine Darbietung, die pure Spielfreude vermittelt. Der Meister selbst ist viel auf der Bühne unterwegs und gibt Einsätze wie ein klassischer Dirigent – mit dem Unterschied selbstverständlich, dass er auch selbst als Instrumentalist und Sänger in Erscheinung tritt: Immer wieder wechselt er zwischen Keyboard, elektrischer und akustischer Gitarre, und schnallt sich bei „The Holy Drinker“ sogar einen Bass um, sodass hier nun Tieftöner und Chapman Stick, den der etatmäßige Bassist Nick Beggs (mit seinen beiden geflochtenen Zöpfen Frisur-technisch wieder der Auffälligste) bedient, gleichzeitig zu hören sind.

Allerdings verzichtet er fast vollständig darauf, selbst Soli zu spielen – jedenfalls bei den neuen Stücken. Doch ein Virtuose war Wilson nie. Er ist der Visionär, die technischen Kabinettstückchen überlässt er anderen – und warum auch nicht, bei dieser Riege an unfassbar begabten Musikern. Allein was Drummer Marco Minnemann veranstaltet (die Becken und Hi-Hats bei „No Part Of Me“!), kann man nicht oft genug loben (bei YouTube kommentierte einer sehr treffend, dass er inzwischen das Positive daran sähe, dass der Hannoveraner nicht bei Dream Theater aufgenommen wurde, sonst würde man ihn ja hier nicht spielen sehen), und er trägt maßgeblich dazu bei, dass auch die Songs von „Grace For Drowning“ und „Insurgentes“ live wesentlich druckvoller herüberkommen. Doch das gesamte Ensemble ist schlicht fantastisch und dass Wilson bis auf den Gitarristen niemanden sonst im Vergleich zur letzten Tour neu besetzte, sagt ja bereits genug aus.

Auch für eine filmische Untermalung ist gesorgt. Bei der wahnsinnig ergreifenden Vorstellung von „The Raven That Refused To Sing“ (Gänsehautschauer!) läuft das Musikvideo im Hintergrund und zu „The Watchmaker“, welches Pink Floyd-mäßig durch Uhrenticken und Glockenläuten eingeleitet wird, und „Index“ werden auf einen herabgelassenen Schleier, der im Gegensatz zur letzten Tour aber nur für diese zwei Songs zu sehen ist und nicht von Beginn an herunterhängt, verstörende, zu den Texten dieser Stücke passende Bilder projiziert.

Amüsant wird es dann gegen Ende, als Steven fragt, wie es den Leuten denn gefalle, zu sitzen, oder ob sie doch lieber Stehen bevorzugen würden. Wie eingangs im Bericht erwähnt, sei diese Tour ein Experiment, das die Band nur durch bestuhlte Säle führe. Er lässt die Zuschauer auch zwischendurch aufstehen, doch dauerhaftes Stehen im Gang wie bei Opeth 2010 in Essen ist offenbar nicht erwünscht, denn letztlich sollen (leider) doch wieder alle Platz nehmen. Nur ein Kerl ganz vorne denkt nicht daran, sich hinzusetzen, sondern fällt durch demütiges Anbeten von Gitarrist Guthrie Govan auf, weswegen Wilson einen Applaus für den Verehrer einfordert. Der Mann begibt sich prompt zu dem Bandleader, der sowohl gespielt-überrascht als auch amüsiert reagiert, als er ihm ebenfalls huldigt: „Oh, me too?!“

Als Zugabe nach einem grandiosen, abwechslungsreichen Set, das trotz der Performance aller Tracks der neuen Platte sogar auch wieder das über 23-minütige Mammutepos „Raider II“ (Wilson: „A song about a very bad american man: Dennis Rader“; dieser war ein Serienmörder, der inzwischen im Knast sitzt – Anm. d. Red.) enthält, kündigt der Porcupine-Tree-Chef an, habe man ein Medley parat, so etwas würden Musiker immer mal gerne auspacken, „wenn sie keinen Bock mehr auf ganze Songs haben und nur ihre Lieblingssequenzen spielen wollen“. Faktisch besteht dieses „Medley“ jedoch nur aus „Remainder The Black Dog“ und „No Twilight Within The Court Of The Sun“, die zwar direkt ineinander übergehen, aber fast komplett gespielt werden, sodass von einem typischen Medley nicht wirklich die Rede sein kann.

Laut setlist.fm kamen die Fans in Paris, Köln und Amsterdam in den Genuss eines alternativen Encores; eines Zusammenschlusses aus dem Porcupine-Tree-Song „Radioactive Toy“ (!) und „Ljudet Innan“ vom Storm Corrosion-Album, was sicherlich noch reizvoller gewesen wäre, aber die persönlichen Wünsche des Rezensenten sollen die Großartigkeit dieser 135-minütigen Show nicht schmälern. Etwas ärgerlich sind allenfalls die Merchpreise; es kann nicht sein, dass zum Beispiel die Blu-ray-Version des Albums 25 Euro kostet, obwohl man diese im Internet für 15 (!) erwerben kann. Zwei Randnotizen noch: Am nächsten Tag wurde Steven Wilson auf dem Grindel in Campusnähe und in einem Plattenladen in der Schanze gesichtet, und ein Interview, das The-Pit.de mit ihm vor der Show führte, wird in Kürze ebenfalls bei uns erscheinen.

Setlist:

Luminol
Drive Home
The Pin Drop
Postcard
The Holy Drinker
Deform To Form A Star
The Watchmaker
Index
Insurgentes
Harmony Korine
No Part Of Me
Raider II
The Raven That Refused To Sing
----------------------------------------
Remainder The Black Dog/No Twilight Within The Courts Of The Sun

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