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Steven Wilson im Konzert (Hamburg, Januar 2016)

Großartig wie immer

Es ist noch nicht einmal ein Jahr her, dass Steven Wilson zuletzt in Deutschland unterwegs war, doch da die Tour zu seinem vierten Album „Hand. Cannot. Erase.“ gerade hierzulande unglaublich erfolgreich verlief (fast alle Konzerte waren ausverkauft), entschied sich der Brite, 2016 gleich noch einmal vorbeizuschauen. Außerdem steht in Form von „4½“ ja auch schon wieder ein neuer Release seinerseits an – offiziell als EP oder auch „Zwischenalbum“ zwischen eben „Hand. Cannot. Erase.“ und dem irgendwann kommenden fünften Full-length-Werk aufgeführt, lässt die Länge von 37 Minuten es zu, die Scheibe selbst schon beinahe als Full-length-Platte zu bezeichnen – so Wilson später während des Konzertes: „In der Zeit, in der ich aufgewachsen bin, waren 37 Minuten jedenfalls bereits ein komplettes Album“.

Wie dem auch sei, das Hamburger CCH, in dem der Porcupine Tree-Chef mit seiner Band erneut aufschlägt, ist im Gegensatz zu seinem letzten Gastspiel an diesem Ort dieses Mal nicht ganz ausverkauft, jedoch immer noch sehr gut besucht. Es ist bereits das fünfte Konzert des Prog-Meisters in Deutschland in diesem Jahr, nachdem er zuvor in Stuttgart, München und in Bochum sogar gleich zwei Abende hintereinander auf der Bühne stand. Überpünktlich schon wenige Minuten vor acht Uhr gehen die Lichter aus, noch bevor alle Zuschauer ihre Plätze eingenommen haben. Spießig, wie das CCH nun einmal ist, soll das wohl von einer besonders straffen Organisation zeugen, ist aber letztlich doch ziemlich ineffektiv, weil sich die richtigen Plätze im Dunkeln natürlich schlechter finden lassen.

Zunächst befindet sich lediglich Keyboarder Adam Holzman auf der Bühne, erst kurze Zeit später betritt der Chef selbst wie immer barfuß lauthals bejubelt den Ort des Geschehens, gefolgt von seinen weiteren Mitmusikern: Nick Beggs am Bass sowie Craig Blundell am Schlagzeug und Dave Kilminster an der Gitarre. Die beiden letzteren sind die neuesten Mitglieder in Wilsons Band, da Marco Minnemann und Guthrie Govan anderen Verpflichtungen nachgehen mussten. Leider, ist man versucht zu sagen, denn über die Qualitäten dieser Topmusiker muss man wohl kaum noch Worte verlieren. Andererseits ist mit Blundell und Kilminster fraglos überragender Ersatz gefunden; allein die Tatsache, dass Kilminster eigentlich Linkshänder ist und früher auch als solcher spielte, nach einem Unfall, bei dem er sich die rechte Hand verletzte (Tony Iommi lässt so ein bisschen grüßen) aber kurzerhand lernte, auf rechts zu spielen, sagt alles. Eigentlich unfassbar – solche Fähigkeiten können wohl wirklich nur die allergrößten Talente entwickeln, man kann davor gar nicht genug Respekt haben.

Der Gitarrist orientiert sich bei den Soli der Songs des „Hand. Cannot. Erase.“-Albums, das in der ersten Hälfte des Auftritts komplett dargeboten wird, zwar grundsätzlich an Guthrie Govans Spiel, baut aber selbstverständlich auch ein paar eigene Wendungen und Variationen ein – was ja auch gut und erwünscht ist, denn wer will schon eine exakte 1:1-Umsetzung des Studioalbums hören?

Anhand dessen, dass Steven und seine Truppe auch auf dieser Tour wieder das gesamte aktuelle Album zocken, ist erkennbar, wie stolz er auf diesen Output ist, und das ja auch völlig zu Recht. Bei exzellentem Sound machen vor allem der Titelsong, die Prog-Achterbahnfahrten „Home Invasion“ (mit Wilson am Bass) und „Ancestral“ viel Spaß, während die Soloeskapaden in „Regret #9“ das Publikum zu spontanem Klatschen hinreißen, ähnlich wie bei Jazzkonzerten, wenn die einzelnen Solisten nach ihrem jeweiligen Part Applaus spendiert bekommen.

Eben jenes Stück nutzt Steven Wilson dann auch, um die einzelnen Bandmitglieder vorzustellen. Besonders Nick Beggs bekommt jede Menge Anerkennung, von Steven als „Bassist, Chapman-Stick-Spieler, Keyboarder, Backgroundsänger, extraordinärer Koch und sexy Biest“ vorgestellt. Er macht außerdem darauf aufmerksam, dass Beggs mit seinem Projekt The Mute Gods in der nächsten Woche eine Platte herausbringt, auf der er dann auch als Gitarrist zu hören sein wird. Mit anderen Worten: Es gibt wenig, was der ehemalige Kajagoogoo-Tieftöner nicht kann. Eine kleine Kostprobe von seinen Fähigkeiten an der Klampfe kredenzt er anschließend beim verträumten Akustikstück „Transience“, dem einzigen Stück von „Hand. Cannot. Erase.“, das man bei der letzten Tour nicht spielte.

Das Publikum scheint es nicht zu stören, dass erneut die gesamte Scheibe, untermalt von einer aufwendigen Videoshow, zum Besten gegeben wird, die Stimmung ist hervorragend, zumindest wenn man bedenkt, dass man sitzt und nicht steht – zwischen den Songs wird gebrüllt, gepfiffen, gejohlt und gejubelt, wie von Wilson zu Beginn auch gefordert. „In Südamerika oder Finnland gehen die Leute eh steil“, meint er sinngemäß und stichelt dann ein wenig: „In Deutschland ist das mit dem Enthusiasmus nicht unbedingt so vertreten, da ist man zurückhaltender. Wobei wir Engländer da eigentlich noch weiter unten stehen“, modifiziert er allerdings sofort.

Britischer Humor darf bei einem Wilson-Gig ohnehin nicht fehlen, so fragt er vor „Routine“, den er gerechtfertigterweise als einen „der traurigsten und melancholischsten“ Songs seiner ganzen Karriere bezeichnet, ob die Leute „bereit für Kummer und Elend“ seien. Als einer „Nein!“ ruft, entgegnet er kurzerhand „Dann bist du beim falschen Gig, Kumpel. Hier gibt es nichts als Kummer und Elend“. Nun ja, dass er in diesen negativen Dingen besonders viel Poetisches sieht, dürfte jedem seiner Fans hinlänglich bekannt sein.

Das zweite Set startet nach einer rund zwanzigminütigen Pause mit einer faustdicken Überraschung: Mit „Drag Ropes“ vom „Storm Corrosion“-Album konnte man nicht unbedingt rechnen, interessant vor allem, dass er sich ausgerechnet diesen Song, bei dem im Original Mikael Åkerfeldt den Leadgesang innehat, ausgesucht hat. Worauf er nach der Performance auch noch extra hinweist, man müsse halt mit ihm vorlieb nehmen, denn Mikael sei heute Abend eben nicht da, „also gebt ihm die Schuld“. Wäre der Opeth-Boss tatsächlich mal eben spontan als Gast auf die Bühne gekommen – ganz ehrlich: Wahrscheinlich wäre es unanständig geworden, weil wohl gleich mehrere Dutzend Zuschauer, inklusive des Verfassers, Orgasmen bekommen hätten. Auf jeden Fall kriegt man sofort Bock, sich mal wieder die „Storm Corrosion“-Scheiblette reinzupfeifen; außerdem wäre hier ein zweiter Silberling auch in höchstem Maße erwünscht.

In dieser zweiten Hälfte zeigt sich auf besonders beeindruckende Art und Weise, welch vielfältiger Künstler Steven Wilson ist, da ein Querschnitt durch fast seine gesamte Laufbahn ansteht. „Drag Ropes“ war nur der Anfang, mit dem neuen Stück „My Book Of Regrets“ („lang, kompliziert und eingängig – hoffe ich jedenfalls“, so des Meisters Kommentar) von der kommenden EP wird gleich ein kräftiger Stilbruch nach dem eher ruhigen „Drag Ropes“ vollzogen, in Gestalt von „Open Car“ folgt eine noch härtere Nummer aus seligen Porcupine-Tree-Tagen, von Wilson knapp mit den Worten „Time for Heavy Metal“ angekündigt.

Mit „Don’t Hate Me“ (in alternativer Version ebenfalls auf „4½“ vertreten), dem bereits auf der 2015er Tour gespielten „Sleep Together“ (was für eine mächtige Wand, live immer wieder unglaublich beeindruckend) und „Lazarus“ folgen weitere Stücke seiner seit 2009 auf Eis liegenden Prog-Rock-Combo, nur unterbrochen vom verstörenden „Index“ aus seinem zweiten Soloalbum „Grace For Drowning“ sowie dem ebenfalls auf „4½“ befindlichen Instrumental „Vermillioncore“. „Lazarus“ widmet er dem kürzlich verstorbenen David Bowie (R.I.P.), der zufälligerweise auf seinem letzten Album „Blackstar“ ebenfalls einen Track hatte, der mit „Lazarus“ betitelt ist, der „natürlich viel besser ist als meiner“, so Steven ganz bescheiden. 

Als Zugaben erfolgen zwei weitere Porcupine-Tree-Songs: Zunächst „The Sound Of Muzak“, bei dem Wilson die Zuschauer ermuntert, kräftig mitzusingen („bei den letzten Konzerten war es nämlich wie auf einem Friedhof“, kann er sich einen kleinen Seitenhieb gegen die vorigen Locations nicht verkneifen) und – nachdem sich die Leute voller Anerkennung und Begeisterung von ihren Sitzen erhoben haben – ruhig stehen zu bleiben. So würde er sich „wie ein Rockstar“ fühlen, meint er augenzwinkernd. Wobei er dieses Bestuhlte-Konzerte-Gedöns dann konsequenterweise auch gleich lassen könnte…

„Dark Matter“ vom '96er-Porcupine-Tree-Album „Signify“, gekrönt von traumhaften Gitarrensoli seitens Kilminster und Wilson und bereichert durch besonders coole, psychedelische Visuals, beschließt danach ein wieder mal grandioses Konzert, das mit zweieinhalb Stunden Netto-Spielzeit eigentlich keine Wünsche offen lassen kann. Einzige Wermutstropfen: Es gibt die neue EP noch nicht am Merchstand zu kaufen, was dann doch etwas verwundert, die T-Shirt-Preise sind mit 30 Euro wieder mal ziemlicher Wucher, und Ninet Tayeb, die beispielsweise in Bochum noch persönlich anwesend war, um ihren „Routine“-Part zu singen, ist nicht dabei und kommt nur vom Band. Das alles soll die Großartigkeit dieses Abends letzten Endes aber nicht schmälern.

Setlist:

First Regret
3 Years Older
Hand Cannot Erase
Perfect Life
Routine
Home Invasion
Regret #9
Transience
Ancestral
Happy Returns
Ascendant Here On

---Intermission---

Drag Ropes (Storm Corrosion)
My Book Of Regrets
Open Car (Porcupine Tree)
Index
Lazarus (Porcupine Tree)
Don’t Hate Me (Porcupine Tree)
Vermillioncore
Sleep Together (Porcupine Tree)
---------------------
The Sound Of Muzak (Porcupine Tree)
Dark Matter (Porcupine Tree)

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